Young Fathers

Album  Cocoa Sugar    Veröffentlichung  9. März 2018
Foto: Hella Wittenberg Foto: Hella Wittenberg

„Wir genießen die Einschränkungen“

Ein Gespräch mit den Young Fathers ist ganz ähnlich zum dem Moment, wenn man zum ersten Mal ein Album von dem Trio aus dem schottischen Edinburgh hört: Es haut einen um. Alles ist ein bisschen viel auf einmal. Alle drei reden durcheinander, haben andere Meinungen, machen verschiedenste Grimassen. Man muss also – wie auf Albumlänge – erst noch lernen, die vielen unterschiedlichen Eindrücke voneinander zu trennen, sie zu sortieren und dann auf sich wirken zu lassen. Die Young Fathers sind sicher keine leichte Samstagnachmittagsunterhaltung, auch ihr neues Rap-Pop-Gospel-Album Cocoa Sugar will mitnichten gefällig sein. Bloß gut. Denn Cleverness ist ganz sicher immer einen Diskurs wert.

Im Interview erzählen sie von nicht enden wollender Kreativität, über den Vorteil von Einschränkungen jeglicher Art und den besonderen Vorzügen ihrer Liveshows.

Ihr seid eindeutig Fans des Zwiebellooks. Eure Songs haben immer mehrere Ebenen und im Zusammenhang mit Albumtitel und Artwork entsteht noch mal ein ganz neues Schichtsystem. Warum sind euch diese vielen Lagen so wichtig?

Graham Hastings: Die vielen verschiedenen Ebenen geben dem Hörer den Raum selbst zu entscheiden, worauf er sich einlässt und was er sich dazu denken will. Für uns drei gilt das übrigens auch. Wir alle haben unterschiedliche Auffassungen zu unseren Songs und deren Bedeutungen.

Kann es dabei auch mal zum Streit im Studio kommen?

Graham: Wenn wir zusammen Musik machen, müssen wir nicht viel miteinander sprechen, das funktioniert für uns am besten. Wir wissen genau, was wir da voneinander wollen.

Habt ihr Angst, dass euch mal dieses hohe Maß an Kreativität abhanden kommt?

Kayus Bankole: Wir erlauben uns selbst ganz frei zu sein. Einfach herumzurennen. Ein Kind zu sein.

Graham: Wir versuchen für uns stets einen Raum zu kreieren, in dem wir alles machen können. Für uns heißt das niemals endende Kreativität, für andere heißt das, sie können manchmal nur schwer nachzuvollziehen, wer wir eigentlich sind.

Aber kennt ihr dieses Gefühl, das in der Schulzeit aufkam, wenn im Kunstunterricht gesagt wurde, man könne machen, was man will – und plötzlich hatte keiner mehr eine Idee?

Graham: Oh ja! Da gab es einfach zu viele Optionen, dass man regelrecht erstarrte. Aber hier ist der Unterschied, dass jemand vorher einem hineingeprügelt hat, was man darf und was nicht. Da ist es gar nicht möglich einfach loszulegen, wie wir es jetzt tun können. In der Schule ist ein anderer Zwang dabei – und auch eine Art der Verurteilung.

Alloysious: Genau, es ist nur weitere Arbeit. Ein besserer Weg ist es immer, wenn man wirklich freie Zeit schafft, in der man sich ausprobieren kann. Ganz ohne Zeit- oder Bewertungsdruck.

Graham: Außerdem bin ich kein Fan von zu vielen Wahlmöglichkeiten. Ich brauche schon irgendwie einen Rahmen. Nur ein Minium an Optionen. Das lässt mein Gehirn besser arbeiten. Ich kann mit nur einer Farbe und Papier etwas genauso Gutes schaffen, wie jemand, der einen ganzen Regenbogen an Farben zur Verfügung hat. Man muss ja überlegen, wie man mit seinem eigentlichen Nachteil noch mehr herausholen kann, um mindestens gleichwertig mit den anderen zu sein. Ich sag also, fuck off ihr Lehrer da draußen! Ich habe selbst mit wenigen Möglichkeiten mehr Strahlkraft als der Rest. So ist das auch mit unserer Musik. Es geht um die Wirkung und nicht um unsere technische Versiertheit oder was wir live alles auffahren können. Und deshalb liebe es so in dieser Gruppe zu sein. Ich hatte früher immer Probleme damit, dass ich nichts so wie alle anderen gemacht habe. Das war auf Dauer ziemlich frustrierend. Aber jetzt fühle ich mich nur noch gut und denke, wer fortwährend da bleibt, wo alle anderen sind, der ist einfach verdammt langweilig.

Alloysious: Wir blühen bei Einschränkungen erst richtig auf. Und wenn wir dann doch mal die Option haben, dem Ganzen eine neue Textur oder ein tolles Licht hinzuzufügen, wird damit der dramatische Effekt unserer Musik, unserer Show erst verdoppelt. Das ist dann das Extra-Oomph.

Repräsentiert euch ein Konzert oder ein Album besser?

Kayus: So sehr ich unsere Konzerte auch genieße – manchmal sogar mehr als die Albumaufnahme – ich würde sagen, das Album repräsentiert uns richtig.

Graham: Viele Leute haben uns schon gesagt, dass sie unsere Alben mochten, aber erst alles richtig Sinn gemacht hat, nachdem sie uns live gesehen haben. Ich denke, das stimmt auch für mich. Das hat wieder was mit unserem Lagensystem zu tun. Hier kommt mit den Menschen eine neue Ebene dazu. Die Performance verändert sich und die Wahrnehmung der Leute dadurch auch. Unsere Körperlichkeit ist etwas, was die Leute so oft nicht erwarten.

Alloysious: Ich würde live sagen, weil da etwas Besonderes passiert, und eine bestimmte Menschenmasse in diesem Moment dabei ist. Dieses Zusammensein macht etwas aus. Dieser Gemeinschaftssinn auf einem unserer Konzerte hebt unsere Musik auf eine andere Ebene, macht alles spezieller. Jeder hat Zugriff zum Album. Und von der Industrie wird gefordert, dass man eines hat. Ein Produkt. Aber das hat eben nicht den gleichen Wert wie ein Konzert. Denn nur die Liveshow wertschätzt, dass da Menschen gerade etwas kreieren. Hier entsteht das, was die Leute später weitererzählen und so das Erbe der Young Fathers ebnet. Für mich geht das auf die fundamentale Basis der menschlichen Natur zurück: Wir wollen alle ein Teil einer Community sein.

Kayus: Ich sehe das nicht so. Ein Konzert ist so austauschbar. Da kommt es immer darauf an, wie wir uns gerade fühlen.

Alloysious: Aber alles, was wir sagen wollen, kommt live besser herüber. Nur live kommen wir am ehesten an dieses Gefühl heran, wie es war, als wir zum ersten Mal zusammen Musik gemacht haben.