Der Trailer zu Wall Street: Geld schläft nicht hat mich vor über einem halben Jahr das erste Mal begeistert. Ich dachte: der Film würde alles haben, was ich mag. Das Problem: es gab einen ersten Teil aus dem Jahr 1987, den ich bis dato nicht kannte. Wer das nicht weiß (weil das Studio beispielsweise keine große 2 im Titel platziert hat), dem stellt sich der folgende Gedankengang wahrscheinlich gar nicht erst. Ich will ihn trotzdem kurz ausführen. Wie läuft das eigentlich mit Nachfolgern? Hat man Spaß daran sich einen Film anzuschauen, dessen Anfänge und groben Motive bereits in einem ersten Teil verdeutlicht wurden, den man aber nicht kennt? Muss jeder 2. Teil so eingeleitet werden, dass wirklich jeder Zuschauer abgeholt wird? Ich persönlich habe mir einen zweiten Teil, so glaube ich zumindest, noch nie vor dem Original angesehen. Es käme mir auch gar nicht in den Sinn! Schließlich möchte ich die Vorgeschichte kennen um mögliche Rückbezüge zu verstehen. Und so habe ich mir auch Wall Street (1987) angesehen und mich schließlich darin bestätigt gesehen mir auch den Nachfolger anzuschauen. Trotzdem sehr clever vom Studio den Film nicht marktschreierisch als Fortsetzung zu positionieren, damit Jungspunde wie wir nicht denken sie kämen mit einer Fortsetzung nicht klar. Ja, es ist wirklich viel Zeit vergangen.
Der berüchtigte Börsenbetrüger Gordon Gekko (Michael Douglas) kommt nach einer langjährigen Haftstrafe frei und stellt fest: Gier ist auf einmal legal. Wir befinden uns inmitten einer Zeit, in der Spekulationsblasen platzen und die Welt von der größten Finanzkrise bedroht wird, die sie je gesehen hat. Gekko schreibt ein Buch über seine Erfahrungen und wird wieder zum gefeierten Star. Bei einer Lesung lernt er den jungen Investment Banker Jacob (Shia LaBeouf) kennen, der mit Gekkos Tochter Winnie (Carey Mulligan) zusammen ist. Sie haben den Wunsch zu heiraten und versuchen sich ein gemeinsames Leben aufzubauen. Doch die Finanzbranche wird überschattet von betrügerischen Leerverkäufen und einige Wenige nutzen den Schaden der Massen zum eigenen Vorteil. So hat auch Jacob mit hohen Verlusten zu kämpfen und will Rache an den Verursachern nehmen. Dafür tut er sich mit Gordon Gekko zusammen, der seinem alten Lebensstil noch nicht abgeschworen hat. Am Ende ist Wall Street: Geld schläft nicht weitaus mehr als die Geschichte einer gescheiterten Vater-Tochter-Beziehung, weit mehr als das Abbild einer vergleichslosen Betrügerei und kein Abklatsch des Vorgängers.
Wall Street: Geld schläft nicht wirft packende Fragen auf, regt zum Nachdenken an und verblasst nicht im Schatten seines Vorgängers (für den Michael Douglas mit einem Oscar als bester Hauptdarsteller belohnt wurde). Obgleich Teil 2 wesentlich mehr Familiendrama ist, kommt die Börse nicht zu kurz. Sie wird in ihren Grundstrukturen ernstzunehmender und einflussreicher dargestellt als es vor 23 Jahren in Teil 1 der Fall war, wo das Spiel mit dem schnellen Geld als Hauptthema überwiegte. In Wall Street: Geld schläft nicht wird der Kapitalismus in seinen Grundfesten angeprangert und so Bezug auf unsere globalisierte Gesellschaft genommen. Regisseur Oliver Stone, der sich auch für Teil 1 verantwortlich zeichnet, ist eine erneute Kritik an unserem Finanzsystem gelungen. Das macht die Geschichte ernstzunehmend und vor allem sehenswert. Unterlegt wird der Film (Soundtrack) übrigens mit Songs von David Byrne (begeisterter Radfahrer) und Brian Eno (Roxy Music). Sehr hörenswert!
Mit Wall Street: Geld schläft nicht macht man übrigens auch nichts falsch, wenn man mit dem ganzen Finanzkram nichts am Hut hat. Und auch nicht, wenn man Teil 1 nicht kennt. Wenn man Teil 1 aber kennt, ist das auch gut.