Jürgen Vogel & Matthias Glasner

   Film  Gnade    Veröffentlichung  18. Oktober 2012    Regie  Matthias Glasner
Foto: Hella Wittenberg Foto: Hella Wittenberg

Von der Möglichkeit des Verzeihens

Es ist Montagnachmittag und Regisseur Matthias Glasner (Der freie Wille) und Schauspieler Jürgen Vogel (Der freie Wille) haben bereits einen langen Tag voller Fragen und Antworten hinter sich. Alles dreht sich um den Film Gnade. Dieser erzählt von den Auswanderern Maria (Birgit Minichmayr, Alle Anderen), Niels (Jürgen Vogel) und ihrem Sohn Markus (Henry Stange, Hinter Kaifeck). In Norwegen wollen sie wieder zueinander finden, doch stellt sich dieser Neuanfang schwieriger denn je dar.

Müdigkeit merkt man den Beiden nicht an. Fröhlich erzählen sie von den Umständen des Drehs, ihrer Liebe zur Geschichte und wie zum Beispiel die Landschaft Norwegens den Regisseur so sehr berührte, dass er in dieser Feindseligkeit und gleichzeitigen Romantik unbedingt einen Film drehen wollte. Zunächst sollte es aber darum gehen, warum genau Jürgen Vogel der Richtige für die Rolle war.

Jürgen Vogel: Ich bin immer die letzte Lösung. Weil wir uns so gut kennen. „Vogel, pass auf, ich habe wirklich mit ganz Deutschland telefoniert. Keiner hat Zeit. Machst du es?“ – „Ja klar, danke Matthias!“

Matthias Glasner: Ich habe das Drehbuch gelesen und sofort Jürgen vor Augen gehabt. Er ist das unsympathische Arschloch, das hinten raus die Kurve kriegt. Da braucht man jemanden, der keine Angst hat konsequent dieses Arschloch zu spielen und der trotzdem noch vom Zuschauer als Mensch wahrgenommen wird, für den man sich auch weiterhin interessiert.

Dabei soll jedoch nicht die Figur erklärt oder entschuldigt werden. Vielmehr will Glasner eine Situation zeigen, in der viele unterschiedliche Facetten eines Menschen hervorgekitzelt werden. Im Fall von Gnade ist die Verwandlung von Niels besonders spannend, da er von dem Fremdgeher immer mehr zum Schuldigen wird, da er diese für sich anerkennt. Vogel meint dazu:

Jürgen Vogel: Es ist so als würde man jemanden auf eine Reise in das eigene Ich mitnehmen. Denn wir wissen selbst wie viele Fehler wir schon gemacht haben und dass man bei einer Betrachtung von Außen dafür wahrscheinlich verurteilt worden wäre. Wenn man etwas tut, das nicht korrekt ist, dann fühlt man es. Das wiederholt sich auch in unseren Arbeiten. Wir versuchen zu erzählen wie wir die Menschen und uns selbst sehen. Mit all den Fehlern und genauso mit den Möglichkeiten wieder Gutes zu tun.

Nicht nur Jürgen Vogel oder auch Hauptdarstellerin Birgit Minichmayr nehmen sich selbst mit in den Dreh, auch Matthias Glasner steckt viel Persönliches in seine Projekte. Fremd ist da nichts. Also eine klare Identifikation mit der zu spielenden Figur?

Jürgen Vogel: Prinzipiell habe ich keine Distanz zu den Figuren, die ich spiele. Ich mag keine Bewertungen. Ich kenne viele Menschen, die man von Außen betrachtet vielleicht unsympathisch findet, die für mich aber bei genauerer Betrachtung alle etwas Menschliches haben, was sie mir nahe bringt.

Matthias Glasner: Im Film interessiert mich mehr die Neugier am Menschen als die Identifikation. Ich versuche aber auch eine Nähe mit Figuren herzustellen, mit denen man sonst vielleicht nicht so eine Nähe haben wollen würde. Im Fall von Der freie Wille, in dem man in der ersten viertel Stunde eine Vergewaltigung sehr drastisch zeigt, wollte ich es mir ganz absichtlich selbst schwer machen. Da war das Experiment: schaffen wir es danach noch irgendwie Nähe zu dieser Figur herzustellen? Ich wusste bis kurz vor der Premiere nicht, ob wir mit faulen Eiern und Tomaten beschmissen werden.

Jürgen Vogel nickt stets zustimmend. Nachdem er schon häufiger mit Matthias Glasner zusammengearbeitet hat, scheinen sich die Zwei schon ganz ohne Worte zu verstehen. Erleichtert das Vertrauen ineinander den Dreh?

Jürgen Vogel: Es ist eine gute Grundlage für die Arbeit. Denn es gibt mir und Matthias viele Freiheiten. Wir wissen, dass wir beim Dreh eigentlich alles machen können. Ich kann ihm auch sagen, wenn ich glaube, dass noch etwas fehlt. Er kann mich also überall hin mitnehmen und umgekehrt. Dieses Gefühl während der Arbeit zu haben, ist schön.

Aber funktioniert die Zusammenarbeit so gut, weil man immer wieder auf’s Neue überrascht werden kann oder weil man genau weiß was voneinander zu erwarten ist?

Jürgen Vogel: Beides. Man weiß wie der andere so ist und findet das gut. Zugleich kann man sich immer wieder im positiven Sinne überraschen. Unabhängig davon, dass wir uns mögen und gut mit einander arbeiten können, sehen wir viele Thematiken und Grenzen ähnlich. Das verbindet uns.

Eine enge Bindung des gesamten Teams fand auch während der Dreharbeiten zu Gnade statt. In Norwegen war man abgeschottet von häuslichen Problemen und konnte sich so ganz und gar dem Film verschreiben.

Matthias Glasner: Wir leben und feiern zusammen. Der Feiercharakter ist ganz wichtig. Dass man sich von dem Stress, den man tagsüber hat, auch erholt. Dadurch kommt man sich auch menschlich näher.

Jürgen Vogel: Es ist wie eine Klassenfahrt. Bei Der freie Wille waren wir auch mit dem Team weit weg von zu Hause. Ich hatte das Gefühl, dass jeder in der Geschichte drin ist und sie auch gut findet. Damit will ich nicht den Eindruck einer Therapiegruppe vermitteln. Vielmehr hat jeder beim Dreh gesagt, was er fühlt und denkt.

Matthias Glasner: Bei Der freie Wille war mir das ganz wichtig, dass alle – bis zum Fahrer – das Drehbuch gelesen haben. Ich habe auch mit allen vorher darüber gesprochen. Weil ich wollte, das sie wissen worauf sie sich einlassen und ob sie das gut finden oder nicht.

Während der Dreharbeiten in Hammerfest, Norwegen, lebte man mehr oder weniger in einer Blase, in welche kaum etwas aus der Außenwelt herein drang.

Jürgen Vogel: Manchmal ist es ganz schön seine eigene Welt zu haben. Ich finde diese Welt hat auch ihre Berechtigung. Es ist ja weiß Gott nicht so, dass wir Traumschiff drehen.

Matthias Glasner: Bei den Dreharbeiten auf engem Raum, in begrenzter Zeit, da erlebt man unglaublich viel miteinander. Innerhalb von acht Wochen weiß man mehr von einer Person als vielleicht woanders in drei Jahren. Es ist schwer aus diesem Loch, in das man nach dem Dreh fällt, wieder herauszukommen. Ich vermisse dann auch immer viele aus dem Team. Diese eigene Welt, in die man abtaucht, ist das Tolle. Ich finde es so typisch, dass man oft nicht weiß welcher Wochentag gerade ist, weil man gar nicht mehr in diesem normalen Wochenrhythmus lebt.

Hinzu kam, dass ein jeder täglich mit der alles bestimmenden Kälte zu kämpfen hatte. Für Wärme empfand man Glasner zufolge eine bis dahin ungekannte Dankbarkeit. Denn allein die Innenaufnahmen wurden im Studio Hamburg gedreht. Ansonsten stellte man sich jeden Tag dem eisigen Norwegen. Bei Sturm war ein Dreh fast unmöglich. So musste beispielsweise die große Geständnisszene auf dem Balkon zwischen Maria und Niels noch einmal gedreht werden, weil es sonst unfreiwillig komisch anmutete. Doch beim 2. Versuch ging es dann sogar ohne Schal und Mütze zur Sache.

Matthias Glasner: Als Jürgen das erste Mal aus dem Haus kommt und keine Mütze und keinen Schal trägt und da mit seiner Glatze steht – das war sehr hart für ihn. Man sieht es auch. Wenn man genau hinguckt, dann zittert er. Das überträgt sich ganz gut auf den Inhalt, dass er ganz erschüttert ist von der plötzlichen Aufgelöstheit seiner Frau.

Nicht nur die Schauspieler zeigen sich auf die eine oder andere Art bewegt. Auch als Zuschauer wird man schnell in den Sog von Kälte, Schuld und der Möglichkeit des Verzeihens hineingezogen. Aber gibt es nicht auch für Gnade Grenzen?

Matthias Glasner: Es wäre wünschenswert, wenn wir es schaffen würden aus diesen ewigen Rachespiralen auszubrechen. Man sieht es in dem Israel-Palästina-Konflikt. Da gibt es diese Geschichten, die auch immer wieder aufgegriffen werden von den Medien, dass gerade die Eltern von getöteten Soldaten sagen: „Ich vergebe den Tätern.“ Also offensichtlich ist es möglich. Gerade diese Art von Vergebung hat allergrößte Kraft. Wenn die es schon schaffen, dann muss ich das bitte auch schaffen. Der Film hat eine Vision. Da steht ein Wunsch am Ende.

Zum Schluss feiert man die Mittsommernacht. Voller glücklicher Gesichter, voller Sonnenschein. Der interessante Gedanke ist dabei, dass man als Person, die sich schuldig gemacht hat, daraufhin eine ganz neue Lebensqualität erlangen kann. Man möchte sich beweisen, möchte zeigen, dass man zu Gutem fähig ist.

Matthias Glasner: Mir gefällt der Gedanke, dass, wenn man sich schuldig gemacht hat und diese Schuld anerkennt als Mensch gewinnt. Im Allgemeinen läuft es ja umgekehrt. Alle Menschen schieben die Schuld immer von sich weg, jammern und klagen so viel. Alles ist schlecht, falsch, die Politiker sind korrupt und unser Chef würdigt uns nicht genug. Wir sind also ständig dabei Schuld auf andere zu schieben. Ich finde es erstaunlich, welche Kraft daraus wachsen kann, wenn wir Schuld anerkennen.

Gleichzeitig verschönt der Film einen schrecklichen Unfall. Man nimmt diesen zum Anlass, um das Leben der drei Protagonisten endlich und tatsächlich ins Positive zu verändern. Sollte man vor Gnade warnen?

Matthias Glasner: In Paris fanden die Leute Gnade ganz toll. Da war eine 60-jährige Frau, die ganz ergriffen war und sagte, dass sie sich jetzt meine anderen Filme holen würde. Da hatte ich tatsächlich das Gefühl, das ich die arme Frau warnen sollte vor Der freie Wille. Aber das habe ich bei Gnade gar nicht. Es ist eine tolle Reise, für alle, die sich darauf einlassen.

Jürgen Vogel: Aber klar, warne ruhig. Kinder, geht da bloß nicht rein! Ich würde alle warnen, die einen Herzschrittmacher haben und alle, die denken, dass es sich bei Gnade um eine Komödie handelt.

Matthias Glasner: Der freie Wille ist in Taiwan regulär ins Kino gekommen. Man hatte aber Zensurprobleme mit dem Staat gehabt. Die haben sich dann letztlich so geeinigt: jeder Zuschauer musste den Personalausweis mitbringen, es wird notiert und er muss unterschreiben, dass er auf eigene Verantwortung diesen Film guckt und alle Folgen selber trägt. Was für eine super Werbeaktion! Wenn überall steht: diesen Film können sie nur gucken, wenn sie die Folgen selber tragen.

Spannend ist die Verwendung von all der Technik, die im starken Kontrast zu den romantischen Landschaftsaufnahmen steht. Speziell das iPhone als letzte Einstellung sorgte für ein Fragezeichen hinter den Worten ‚happy end’.

Matthias Glasner: Das ist ja der Junge, der den ganzen Schluss mit seinem iPhone filmt und wir haben vorher gesehen wie er auch sonst seine Familie damit filmt und das an seinem Laptop manipuliert durch den Schnitt und auch dadurch, dass er andere Musik darunterlegt. Da habe ich gedacht: wer weiß, ob der Schluss wirklich so stattgefunden hat. Vielleicht war das alles gar nicht so friedlich und nur seine Vision der Zukunft. Am Ende sieht man auch nochmal wie Birgit und Jürgen in die Kamera winken, zu ihrem Sohn. Interessanterweise ist das der intimste Moment, den diese Familie miteinander hat. Für einen Moment sind alle Drei vereint. Trotzdem ist da so ein Wiederhaken drin, durch dieses Technische.

Nähe zeigen Niels und Maria ihrem Sohn gegenüber kaum. Es wird viel geschwiegen und gezeigt wie man im Alltag eher nicht mit seinem Kind umgehen sollte. Aber was sollte man Kindern in der heutigen Zeit mit auf den Weg geben?

Matthias Glasner: Man muss sie lieben. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass kann man nur, wenn man sich selber auch einigermaßen liebt. Meine Eltern konnten das nicht so gut. Weder sich gegenseitig lieben, noch meine Mutter sich selbst. Entsprechend hat sie mir auch nicht viel Liebe mitgegeben. Das ist aber das A und O. Du musst ihnen das Gefühl geben, dass du sie liebst damit sie selber auch lieben können. Ich habe das bei der Recherche zu Der freie Wille gemerkt. Es ist kein Klischee, wenn man sagt, dass 95 Prozent aller gewalttätiger Straftäter aus Familien kommen, in denen sie selber entweder eine ganz kranke Überform von Liebe, also eine vollkommen beherrschende Mutterliebe, oder eben gar keine Liebe erfahren haben. Erstaunlicherweise ist es viel schwerer als man denkt sein Kind zu lieben. Das ist ja auch so ein Tabu. Von einer Frau wird erwartet, dass sie ihr Kind liebt. Die Frauen, die das aber nicht so einfach können, leiden unglaublich darunter das überhaupt mal zugeben zu können.

Werden die falschen Werte vermittelt? Wenn man sich Gnade anschaut, dann scheint es so als würde so einiges ziemlich schief laufen in der Welt.

Matthias Glasner: Wenn man sagen würde, dass Liebe in dieser Familie nicht möglich ist, dann führt das zu nichts Gutem. Aber am Ende kriegen sie ja diese Wende. Da ist die Wende zwischen Jürgens und Birgits Figur und in dem Lächeln am Schluss in die Kamera, sehe ich auch eine Perspektive für die Familie zu dritt. Ich hoffe es ist noch nicht zu spät. Denn die ersten drei, vier Jahre sind die wichtigsten. Da musst du deinem Kind ein Grundgefühl von Liebe und Geborgenheit in der Welt geben. Wenn du es da nicht geschafft hast, dann ist es glaube ich schwer es hinten raus wieder aufzuholen.

Das Interview neigt sich dem Ende zu. Es wurde viel gelacht, interessante Gedanken aufgeworfen. Aber wurde noch etwas vergessen?

Jürgen Vogel: Es gibt viele Leute, die sich in Interviews missverstanden fühlen. Aber mir geht es nicht so.

Matthias Glasner: Ich hatte vorhin einen wirklich schönen Moment im Interview, wo die Interviewerin plötzlich sagte, dass sie dieses Lied in der Mitte so schön fand. Das hat mich gefreut, weil ich es auch selber so mag. Das hat mir die Schauspielerin angeboten. Es stand nicht im Drehbuch. Die Schauspielerin hat es genau so – es ist ja nur Stimme, Keyboard, Bass – in der Küche bei sich aufgenommen, ein paar Monate vor den Dreharbeiten und hat mir das per E-Mail geschickt. Ich war gerade in Los Angeles und fand das ganz toll. Und dann habe ich die Szene dafür geschrieben. Die gab es eigentlich gar nicht. Jetzt bin ich sehr dankbar, dass diese Szene im Film ist.

Dankbar. Ein schönes Schlusswort. Dankbarkeit fühlt man auch als Zuschauer von Gnade. Denn wenn man den Kinosaal verlässt und sich im Warmen befindet, lächelnde Gesichter um sich herum erblickt und die Schuld des Films von sich abschütteln kann. Wie einen bösen Alptraum.

 

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Rubrik  Interview    Autor      Datum  24. Oktober 2012    Worte  2,257
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