Villagers

Album  Where Have You Been All My Life?    Veröffentlichung  08. Januar 2016
Foto: Hella Wittenberg Foto: Hella Wittenberg

Conor O’Brien ist schweinemüde. Der Auftritt mit dem Stargaze Orchester in der Volksbühne hat ihn mächtig mitgenommen. Nach der ganzen Konzentriererei ließ es sich danach umso ausgeglichener feiern. Neben einer gelungenen Show in der deutschen Hauptstadt gibt außerdem sein Album Where Have You Been All My Life? Grund für das Abfeuern der Konfetti-Kanone. Innerhalb eines Tages im Juni 2015 nahm er in den RAK-Studios in London Neuarrangements alter Stücke auf. Die Lieder sollten den Live-Vibe mit sich bringen, der bei Villagers noch einmal ein ganz besonderer, magischer ist. Auch im Interview zeigt sich, dass O’Brien – selbst bei größter Müdigkeit – ein wahnsinnig helles Köpfchen ist, dem wirklich alle musikalischen Türen offen zu stehen scheinen.

Du bist gestern mit dem Stargaze Orchester aufgetreten. Wie lief es für dich?

Conor O’Brien: Es war ein langer, anstrengender Tag, weil wir vorher viel geprobt haben. Aber als wir dann die Show spielten, lächelten alle und überall war Liebe zu spüren. Dennoch war ich nervös, denn wenn man mit einem Orchester solch einen Score spielt, kann man kaum improvisieren, was ich sonst oft tue. Ich musste dieses Mal genau auf den Dirigenten schauen und auf den Einsatz der anderen achten. Wobei Stargaze nichts Statisches ist, sondern etwas sehr lebendiges. Es war für mich das erste Mal, dass ich mit klassischen Musikern zusammenarbeitete, die auch die Seele der Songs fühlen wollten. Dadurch konnten wir eine unglaubliche Energie im Raum erzeugen.

Bist du ein glücklicher Mensch?

Auch wenn es sicherlich einen Grund gibt, warum ich die Musik mache, die ich mache, denke ich, dass ich ein einigermaßen glücklicher Mensch bin. Zumindest schlage ich nie zu weit in Richtung Unglücklichsein aus – aber irgendwie auch nie in das andere Extrem. Es gibt immer etwas, was mir im Hintergrund auflauert.

Ist es schwer dich zufrieden zu stellen?

Naja, ich habe bemerkt, dass ich es wie klassische Musiker handhabe: Sobald ein Konzert vorbei ist, gehe ich die Fehler durch, die ich gemacht habe – selbst wenn sie außer mir keiner gehört haben sollte. Ich bin da wirklich obsessiv.

Du hast einmal gesagt, dass du mit {Awayland} stärker denn je an deine Grenzen gegangen bist und dies nicht wiederholen wollen würdest. Konntest du diesem Vorsatz treu bleiben?

Mein Projekt lautete nun alles simpler zu gestalten, um der Musik mehr Raum zu gewähren. Doch das ist wiederum sehr kompliziert. Wenn man etwas komplexer machen möchte, ist das einfacher, weil man da immer nur neue Ebenen hinzufügt, um die Musik so beeindruckend klingen zu lassen. Man kann auf diese Weise gut zeigen, was man draufhat. Davon habe ich mich tatsächlich mit Darling Arithmetic abgewandt, aber noch deutlicher ist es auf dem neuen Album zu hören. Für mich war es in Ordnung, dass sich auf Where Have You Been All My Life? auch Fehler entdecken lassen. Es gibt zwar mal ein paar verträumte Arrangements im Hintergrund zu hören, aber vor allem habe ich überall reduziert, weil ich die meisten Ebenen gar nicht brauchte. Dennoch wiederspreche ich mir. Denn zurzeit bin ich ganz verrückt nach Synthesizern und Drum Machines. Ich habe gar keine Erfahrung mit elektronischer Musik, aber im Moment bereitet mir genau das großen Spaß. Ich kann kaum aufhören darüber nachzudenken. Mittlerweile habe ich um die 40 oder 50 Songtitel, mit denen ich herumexperimentiere.

Weißt du schon wo es thematisch hingeht?

Die Texte könnten verspielter werden. Darling Arithmetic war sehr emotional. Ich fühle mich dahingehend richtig leer. Mit dieser Art von Schreiben bin ich gerade wirklich durch. Nun stelle ich mir vor mehr mit Worten zu spielen. Vielleicht geht die Idee auch nach hinten los und ich fühle mich nach einer Weile verloren. Aber selbst diese Erfahrung könnte mich irgendwo hinführen. Das kann alles total sinnfrei werden, aber auf eine gute Weise. Jetzt will ich Leute zum Tanzen bringen! (lacht)

Hast du Vertrauen in dein Können?

Man muss Vertrauen in den kreativen Prozess haben. Es gibt Perioden, in denen einfach nichts kommt und man vollkommen auf dem Trocknen sitzt. Da muss man das Vertrauen besitzen, dass diese Momente auch wichtig sind, dass es einen Grund für sie gibt. Dadurch stellt sich ein regelrechtes Zen-Erlebnis ein. Kreativität bedeutet: nichts ist falsch oder schlimm. Am besten wäre es, man würde jede Idee niederschreiben – selbst die, die einem schrecklich erscheinen. Irgendwann hat man dann eine Tasche voller Notizen, wodurch sich eine ganze Karte der eigenen Gefühlswelt entfaltet. Dadurch kann man mehr über sich lernen, sich auf bestimmte Teile fokussieren, sie in Sektionen unterteilen und so einen Song oder eine Zeichnung daraus machen. Leider habe ich schon lange nicht mehr gezeichnet. Ich sage nur ständig, dass ich es mache.

Auf Where Have You Been All My Life? wirken die Arrangements und deine Art zu Singen viel selbstbewusster – die Entwicklung ist für mich deutlich erkennbar. Ist das etwas, was dir auch aufgefallen ist?

Wenn ich mir fünf Jahre alte Aufnahmen von mir anhöre, kann ich meine Stimme nicht wiedererkennen. Ich frage mich, was da in meinem Hals abging. (lacht) Also ja, es gibt eine Entwicklung. Und das Album ist das Resultat einer ganzen Tour und der Vorbereitung auf diese. Als wir ins Studio gingen, wussten wir genau, was wir machen mussten, damit es gut klingt. Für jeden Song brauchten wir nur ein bis zwei Takes – mehr durften wir uns auch nicht erlauben, da wir ja alles innerhalb eines Tages fertig haben wollten. Die meisten Songs, die es auf das Album geschafft haben, sind sogar die ersten Takes. Dass liegt daran, dass wir uns gleich von dem Druck gelöst haben, alles müsse perfekt sein. Wir ließen es laufen. Es ging nicht darum hineinzuprojizieren wie sich etwas anfühlen sollte. Wir nahmen nur das aktuelle Gefühl zum Song und so sang ich auch. Es war eine wundervolle Herausforderung – und gleichzeitig so altmodisch.

Auf dem Albumcover ist ein Berg zu sehen, auf dessen Spitze ein hochgewachsener Baum steht. Für mich steht dieses Bild für den Höhe- und gleichzeitigen Wendepunkt, den du inzwischen erreicht hast.

Schon, aber vor allem unterstützt das Cover die Idee, dass man einmal alles loslässt und ins Unbekannte springt. Dieses Gefühl hatten wir an dem Tag als wir das Album aufnahmen. Wir sagten uns, dass es keine Möglichkeit gibt alles perfekt zu machen, weshalb wir öfter am liebsten hinschmeißen wollten. Aber wir wussten, das wir es tun mussten. Das Cover zu wählen, erschien nur richtig. Es ist ein glücklicher Zufall, dass ich darauf gestoßen bin. Der Typ, der es gemacht hat, zeigte mir zunächst eine Zeichnung von mir. Ich fand sie fantastisch, aber ich hätte es nicht als Albumcover nehmen können – ich meine, das ist mein Gesicht! (lacht) Aber er präsentierte mir auch noch das Bild, welches nun das Cover geworden ist. Ich schaute es mir an während ich mir die Aufnahmen anhörte und da wusste ich gleich, dass es das Cover werden müsste. Es hat mich total vom Hocker gehauen.

Fliegt dir die Bebilderung deiner Musik häufiger so zu?

Für mein erstes Album war die Cover-Idee bereits zwei Jahre vorher in meinem Notizbuch festgehalten. Als es endlich an die Umsetzung ging, hatte ich also klar vor Augen wie es aussehen sollte. Das war einfach. Bei der zweiten Platte war es schon anders. Ich ging zum ersten Mal in meinem Leben auf Tour, hatte kaum Zeit und war irgendwie überall mit meinem Kopf. Aber ich fotografierte oft. Das Foto von meinem Neffen, wie er da auf das gewaltige Meer starrt, bedeutet mir viel. Ich machte das Bild noch ein bisschen psychodelischer, wobei ich gar nicht richtig wusste, was ich da tat. Aber das ganze Album ist ziemlich durcheinander, das Artwork entspricht dem. Mit Darling Arithmetic wurde es wieder leichter, denn mein Freund Dave hat es für mich gemacht. Er ist Maler. Wir sind schon zusammen zur Schule gegangen, jetzt lebt er in Berlin. Über Monate hinweg schickte ich ihm Demos und er malte seine Ideen dazu. Ich bin so glücklich mit dem Cover! Es ist mein liebstes.

Gibt es etwas, das du mit deiner Musik in Zukunft mehr unterstützen möchtest?

Hm, ich habe dazu sehr gemischte Gefühle. Als diese ganze gleichgeschlechtliche Ehe-Sache auf mich zurollte, fühlte ich mich dazu gedrängt etwas zu sagen. Ich hatte das Gefühl auf der Bühne darüber sprechen zu müssen, zu erklären, warum es so wichtig ist. Jedes Mal, wenn wir live „Hot Scary Summer“ spielten, indem es auch um Homophobie geht, hielt ich vorher meine kleine Rede. Es kostete mich viel Überwindung, denn ich bin nicht extrovertiert und generell kein geborener Performer. Aber ich wollte die Leute von der richtigen Sache überzeugen. Da lohnt es sich aus der eigenen Komfortzone herauszukommen. Und irgendwie fühlte es sich natürlich an, weil das einfach nur ich war, der seine Grundrechte einforderte. Ich konnte so persönlich werden, weil ich das Thema persönlich nahm. Aber wenn man für etwas einstehen will, muss man darin wirklich gut sein. Es sollte auf einer emotionalen Ebene wie auch im Allgemeinen funktionieren. Ich finde häufig nicht die richtigen Worte oder ich sage Dinge, die ich später gar nicht mehr belegen kann. Am liebsten will ich dann nur auf meine Musik verweisen, weil ich mich darin am besten ausdrücke. Sonst weiß ich meist nicht wie ich reden soll. Ich nehme Informationen auch nicht so gut auf. Wenn mich jemand etwas fragt, kann ich nicht mit dem Artikel 43 oder so kommen. Das fällt mir gar nicht ein. Diese Art von Gehirn habe ich nicht. Wahrscheinlich nehme ich Dinge eher auf emotionaler Ebene auf. Ich nehme das Gefühl zu etwas und fülle dieses in meine Musik.

 

 

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Rubrik  Interview    Autor      Datum  19. Januar 2016    Worte  1,559
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