Tom Schilling

   Film  Oh Boy    Veröffentlichung  01. November 2012    Regie  Jan Ole Gerster
Foto: Hella Wittenberg
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Foto: Hella Wittenberg

Kennst du das Gefühl, dass dir die Leute um dich herum merkwürdig erscheinen? Und je länger du darüber nachdenkst, desto klarer wird dir, dass nicht die Leute sondern du selbst das Problem bist? (Niko)

Als Walter Fischer (Ulrich Noethen, Die Unsichtbare) seinen Sohn fragt, was er die letzten zwei Jahre getrieben hat, antwortet Niko (Tom Schilling, Mein Kampf), dass er nachgedacht hätte. Über den Vater und über sich. Denn der Endzwanziger mit dem etwas zu langem Haar und schiefsitzenden Lächeln ist ein waschechter Metropolenpilgerer. Er lässt sich von seinem Freund Matze (Marc Hosemann, Soul Kitchen) zu einem Film-Dreh mitschleppen, zum Golf spielen mit dem Vater überreden oder aber auf eine heikle Diskussion mit betrunkenen Minderjährigen ein, weil er eben einfach gerade zur falschen Zeit am falschen Ort ist. Und ein stinknormaler Kaffee ist sowieso weit und breit nicht auffindbar.

Das Spielfilmdebut Oh Boy von Jan Ole Gerster zeigt in schlanken 83 Minuten so einige alltägliche Kuriositäten in schwarz-weiß. Sie laden zum Lachen, Verzweifeln und Stirn runzeln ein. Dabei ist Tom Schilling der rote Faden in dem episodischen Berlin-Werk. Jede noch so reduzierte Gestik sitzt perfekt, die Melancholie ist ihm stets ins Gesicht geschrieben und das Identifikationspotential groß.

Zur Premiere in Potsdam am 01. November traf neben Regisseur Jan Ole Gerster auch Hauptdarsteller Tom Schilling im Thalia Kino ein und nahm sich die Zeit für ein Gespräch über seine Figur, die zu verkörpern eine Herzensangelegenheit von ihm war, die Liebe zum Beruf und die Ängste von Jan Ole Gersters.

Schwarz-weiß ist ein Verweis auf etwas Altmodisches. Ist auch Niko ein Überbleibsel der alten Welt?

Er ist universell und nicht heutig. Er ist eine zeitlose Figur, die es in der Literatur und im Film schon lange gibt. Es gibt zum Beispiel deutliche Parallelen zu Holden Caulfield aus Der Fänger im Roggen. Die Figur ist so griffig und allgemeingültig, weil sie nicht modern ist.

Am Ende steht man mehr Geheimnissen als Erkenntnissen gegenüber.

Ja, es ist wie bei Der Fänger im Roggen. Es ist kein Film, der erklärt oder Antworten parat hat, sondern er beobachtet und wirft Fragen auf. Wie kann man schon eine Figur fassen? Eine Figur, die man einen Tag lang begleitet, die lernt man zwar ein bisschen kennen und spüren, aber sie bleibt trotzdem ein Rätsel. Insofern ist es als Erzählung und Portrait sehr echt und wahrhaftig.

Der Film ist ein Statement. Vielleicht gegen die Suche nach dem Sinn des Lebens?

Ja. Der Film ist ein Statement, weil er so anders ist als gängige Filme, die diese klassische Dreiaktstruktur haben. Wenn man so eine passive Figur als Hauptfigur hat, würde in einem anderen Film wahrscheinlich eine Katharsis oder Wandlung am Ende stehen. Er würde ins Jobcenter gehen, sich wieder in der Uni einschreiben oder ein Buch schreiben über das, was er beobachtet hat. Dem verweigert sich der Film.

Welche Situationen, in die Niko gerät, waren für dich besonders befremdlich?

Für mich war nichts befremdlich. Ich kann ihn nachvollziehen. Wenn ich eine Figur spiele, muss ich sie als Schauspieler zu hundert Prozent verstehen. Warum tut er das? Wie viel Scham ist in dem Moment mit dem Vater dabei? Wie viel Unsicherheit und Demütigung ist in der MPU dabei? Wie viel Befremdlichkeit ist in der Szene, in der er Julika bei der Tanzperformance beobachtet? Aber das denke ich mir aus. Ich bestimme es. Das sind die Schrauben, die ich selber anziehen oder lockerer machen kann. Dazu muss ich gar nicht selber befremdet sein, sondern ich überlege mir wie ich mir wünsche wie und mit welcher Intensität die Figur darauf reagiert.

Du schauspielerst, um dich auf eine Art und Weise auszutoben wie du es im Alltag nicht kannst. Musstest du dich bei diesem Film zurücknehmen?

Nein. Niko ist zwar eine passive Figur und das komplette Gegenteil von zum Beispiel meiner Rolle als junger Hitler, bei der ich schlimme Sachen sage und tue. Aber was ich an der Arbeit so gut finde, ist, dass man trotzdem im Mittelpunkt steht. Ich führe ja in gewisser Weise trotzdem die Szene. Und das mag ich. In der Arbeit bin ich schon so eine kleine Rampensau.

Jan Ole Gerster sagte einmal, dass er gar nicht weiß, was Selbstverwirklichung eigentlich bedeuten soll. Kannst du das für dich beantworten?

Selbstverwirklichung heißt für mich, dass ich die Freiheit habe, das zu tun, wonach mir der Sinn steht. Manchmal weiß man halt nicht, was man eigentlich will. Aber es meint doch, dass man das tut, worauf man gerade Lust hat. Bei mir ist es dieser Beruf. Weil ich ganz viel Selbstwert und Freude aus meiner Arbeit ziehe. Ich kann die Beine nicht so gut still halten.

Siehst du Oh Boy als Komödie oder Drama?

Es ist im besten Fall eine Tragikomödie. Der Film ist sehr beweglich und es hängt ein bisschen von der Tagesverfassung ab wie man ihn empfindet. Ich habe Screenings gesehen, da fand ich ihn zutiefst deprimierend und manche, bei denen ich ihn eher heiter und hoffnungsvoll empfand. Die Qualität des Films ist, dass er so assoziativ ist und Raum für Interpretation lässt. Es werden Dinge nur angerissen, mit kurzen Strichen umrissen und dabei wird dem Zuschauer viel Platz zum Empfinden gelassen. Ich glaube, dass auch jeder Zuschauer etwas anderes in Niko sieht und sich selber in diese Figur reindenkt, sich ein bisschen zu ihr macht.

Hast du die Melancholie des Films nach einem Drehtag oft mit nach Hause genommen?

Nicht mehr als sonst. Die Melancholie, die Neugierde, das Staunen, das Hadern, das Zaudern und die Schwermut von Niko, die habe ich auch. Da sind wir uns nicht ganz unähnlich.

Hast du mehr geraucht als zuvor?

Ich rauche immer viel beim Arbeiten. Aber nächstes Jahr höre ich auf.

Kannst du nach Beendigung eines Films auch das Nichtstun zelebrieren?

Am liebsten habe ich Freizeit, wenn ich weiß, dass ich demnächst wieder ein spannendes Projekt mache, worauf ich richtig Lust habe.

Wie kann man sich den 5-seitigen Brief an Jan Ole Gerster vorstellen, den du ihm geschrieben hast, um ihn zu überzeugen, dass du der Richtige für die Rolle bist?

Ich habe einen Brief geschrieben, weil es etwas sehr Privates ist. Sinngemäß war die Kernaussage des Briefes, dass ich ihm die Angst nehmen wollte, dass Äußerlichkeiten oder eine Hülle von der Thematik ablenken könnten. Jan Ole hatte zu Beginn noch Angst, dass ich zu jung sein könnte und das die Dringlichkeit dieser Geschichte dadurch entsteht, dass Niko wirklich 30 oder vielleicht sogar über 30 ist. Es ist nicht nur so eine Mittzwanziger-Phase, in der man nicht so recht weiß, was man machen soll, sondern er hat ein ernsthaftes Problem. Im Wesentlichen habe ich ihm geschrieben, dass ich nicht glaube, dass Äußerliches da so eine große Rolle spielt. Sondern es mehr darum geht die Dinge emotional zu durchdringen und ich der Meinung bin, dass ich das kann. Darüber hinaus wollte ich diesen Brief schreiben, weil ich diese Rolle unbedingt spielen wollte. Ich muss zwar sagen, dass es egal gewesen wäre, wenn er gesagt hätte, dass es nicht passt, weil die Figur älter sein muss als ich bin oder wirke. Aber ich wollte mir keine Vorwürfe machen, dass ich nicht weitergemacht oder alles getan habe. Ich habe es mehr oder weniger für mich getan.

 

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Rubrik  Interview  Kino    Autor      Datum  05. November 2012    Worte  1,167
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