The Sounds

Album  Something To Die For    Veröffentlichung  08. April 2011
Foto: Hella Wittenberg Foto: Hella Wittenberg

Seit über 10 Jahren bestreiten die Schweden The Sounds erfolgreich den Bandalltag in stets gleichbleibendem Bandgefüge. So viel Zusammenhalt verdienen eine tiefe Verbeugung und eine Runde Applaus. Nachdem dann auch noch 2011 das selbst produzierte Album Something To Die For auf den Markt kam und u.a. der Titeltrack in dem Horrorstreifen Scream 4 zu genießen war, kann die Band nun wirklich mit stolzgeschwellter Brust den Zweiflern entgegentreten. Sie können mehr als nur Werbung für Jeans machen. Anfang diesen Jahres brachte die angesetzte Europatournee The Sounds wieder einmal in die Hauptstadt, um mit einer ihrer berühmt berüchtigten Liveshows Berlin zu beglücken. Dabei ließ es sich Sängerin Maja Ivarsson nicht nehmen einige Highlights aus den vergangenen Jahren Revue passieren zu lassen und auch rückblickend ein wenig über die eigenen Englischschwierigkeiten zu lachen.

Was wird euer nächstes Ziel sein?

Ehrlich gesagt weiß ich gar nicht wo es danach hingehen wird. Aber wir werden eine Show in Prag spielen, da waren wir vorher noch nie! Das wird also bestimmt ziemlich cool. Als ich 16 Jahre alt war, habe ich Prag als Touristin besucht. Ich wollte da eigentlich nur wegen dem billigen Alkohol hin. (lacht)

Welche Erinnerungen hast du an deinen letzten Berlin-Aufenthalt?

Ich verbinde eine Menge schöner Erinnerungen mit Berlin. Es ist eine dieser Städte, in der man sich besonders geehrt fühlt, wenn man eine gute Show hatte, bei der auch viele Leute anwesend waren. Das ist wie mit New York. Man ist einfach fasziniert von dem Fakt, dass man an dem Ort sein kann. Ich mag Berlin sehr, weshalb ich sogar schon einmal mit meiner Mutter hier war – und das nicht nur wegen dem Alkohol! (lacht) Seitdem fährt sie mit ihrem Mann oft hier her.

Ihr seid eine Menge auf Tour. Kann man da noch echte Gefühle bei den eigenen Songs aufkommen lassen?

Nicht jede Nacht. Aber manchmal hat man dann doch plötzlich einen Gänsehaut-Moment. Gestern haben wir in München gespielt und da gab es einige solcher Momente. Wir sind schon öfter in diesem Venue aufgetreten und haben dort meist ein echt gutes Publikum. Nur gestern geschah einfach alles zur richtigen Zeit und man bekommt ein Gefühl für den Moment. Man ist richtig drin. Das klingt kitschig, aber es ist so wahr. Denn man denkt: es gibt kein Morgen, kein Gestern, nur das Hier und Jetzt. Diesen Augenblick haben wir mit so vielen Menschen geteilt, was großartig war. Wie du schon meintest, wir spielen die Songs jede Nacht. Aber wenn das Publikum mitsingt und wenn mir auch zwischen den Songs die Röte ins Gesicht steigt aufgrund der tollen Resonanz, dann passt das. Jeder sollte das einmal ausprobieren!

Denkst du, dass Musik nur richtig funktioniert, wenn Leute dazu tanzen?

Nein. Wir spielen live einige Balladen und diese kommen auch gut an. Aber da tanzen die Leute nicht, sie sind sogar ziemlich leise. Sie singen mit und gucken nur zu. Das kann genauso viel Spaß machen wie schnelle Songs und es kann genauso hypnotisierend wirken. Aber ich muss schon sagen, dass ich es einfach liebe zu tanzen! Und es war auch ein bisschen unsere Mission mit The Sounds. Als ich ein junges Mädchen war, ging ich zu so vielen Punk Rock Shows, wo es Moshpits und all so was gab und das fand ich so cool. Zwar spielten diese Bands total andere Musik als wir es tun, aber wenn wir es schaffen, dass das Publikum zu unserer Musik das gleiche wie bei Punk Rock Shows macht, dann ist das ein Grund weiter zu machen. Wenn die Leute mit einem Lächeln aus dem Abend herausgehen, ist das toll. Dafür ist Musik da. Wenn man einen wirklich schlechten Tag hatte, kann solch ein Abend oder Musik generell retten.

Kann deine eigene Musik auf dich selbst auch solch eine Macht ausüben?

Ja, schon. Auch wenn es nicht sehr oft vorkommt. Aber wenn man gerade ein Album aufgenommen hat und man es sich dann fertig gemixt und gemastert anhören kann, ist das ein großartiges Gefühl. Da freut man sich einfach nur. Aber manchmal denkt man auch daran, was man hätte anders machen können. Auf dem ersten Album ist mein Englisch zum Beispiel so schlecht! Ich kann es mir gar nicht anhören, so peinlich ist das. Zwar habe ich jetzt noch immer kein perfektes Englisch, aber es ist definitiv besser geworden. Dennoch mag ich all unsere Alben. Im Besonderen auf das letzte bin ich sehr stolz, weil wir da alles allein gemacht haben. Ich weiß wie viel Zeit und Bemühungen die Jungs da hineingesteckt haben. Es fühlt sich gut an zu sagen, dass man das selbstständig gemacht hat – in unserem Übungsraum, in unserer Heimatstadt, in unserem eigenen miesen Studio. Aber das ist die Schönheit der Technik heutzutage. Ich erinnere mich daran, dass wir zu Beginn nur so ein tragbares Studio mit 8 Tracks hatten. Das war alles was wir hatten und womit wir auch „Hit Me!“ aufgenommen haben. Es ist so simpel und auf eine Art und Weise auch charmant. Aber jetzt hat man wahnsinnig viele Möglichkeiten den bestmöglichen Sound aufzunehmen.

Aber bleibt da nicht der Abenteuerspaß auf der Strecke?

Da stimme ich dir zu. Ich kann da nicht für die Jungs sprechen, aber ich sehe auch die Schönheit darin, wenn man nur so 8 Tracks zur Verfügung hat. Man konnte nicht immer mehr Gitarren dazu packen, man musste da schon cleverer herangehen, wodurch auch ein gewisser Charme entstanden ist, der heutzutage ein wenig verloren gegangen ist. Aber es ist nun mal so, dass jetzt alles so viel schneller geht. Selbst wenn wir unseren Soundcheck machen. Unser Mann für den Sound hat immer sein iPad dabei und kann damit während wir auf der Bühne proben gleich den Sound mit beispielsweise mehr Schlagzeug oder so verbessern, was einfach nur cool ist. Vor 10 Jahren wäre das noch nicht möglich gewesen. Ich bin glücklich darüber, dass ich die Möglichkeit habe beide Seiten zu erleben. Ich denke gern daran zurück als das Internet bei uns Einzug hielt oder als ich mein erstes Handy in den Händen hielt. Das ist so verrückt! Ich frage mich was wohl in 20 Jahren passieren wird. Kinder können doch schon gar nicht mehr richtig schreiben, weil sie nur die T9 Funktion auf ihrem Handy benutzen. Aber man sollte auch nicht gegen die Zeit und neue Technologien arbeiten. Irgendwie sind wir schließlich auch die Kinder unserer Zeit.

Was würdest du gern deinen Kindern mit auf den Weg geben wollen?

Ich denke das schwierigste in unserer Zeit ist ein Kind ein Kind sein zu lassen. Kinder wachsen so schnell. Ich bin froh darüber, dass ich eine Kindheit hatte, in der ich draußen Football spielen konnte, Jungs hinterherrennen konnte und solche Dinge, die Kinder eben gern tun. Heute hat jeder Angst, dass die Kinder von einem Pädophilen gekidnappt werden oder so. Viele geben ihren Kindern sogar Handys mit, wo so ein Tracking-Ding drin ist, womit die Eltern verfolgen können, wo sich ihr Kind gerade aufhält. Auch mit CCTV ist es doch so, dass wir durch solche Sachen keine freie Gesellschaft mehr sind. Und ich hoffe, dass ich meinen Kindern eines Tages die Freiheit des Selbstentdeckens vermitteln kann. Denn genau das hat mich zu dem gemacht, was ich heute bin.

Aber konntest du wirklich ausgiebig das Kind-Sein genießen? Ich denke wenn man so lange wie du Musik macht und immer viel mit älteren Menschen zu tun hat, wird man doch auch viel schneller erwachsen als andere Gleichaltrige.

Ja, irgendwie schon. Aber es gab noch andere Umstände, die mich schneller wachsen ließen. Mein Vater starb als ich noch sehr jung war und dann hatte ich einen Schwiegervater der ziemlich übel war. Solche Dinge haben mich härter und auch erwachsener gemacht. Trotzdem habe ich auch gute Erinnerungen an die Zeit, wo ich ein Kind war. Aber du hast Recht, wir waren Teenager als wir mit der Band angefangen haben. Jetzt bin ich 32. Glaube ich… Bin ich 32? Oh Gott… (lacht) Wenn man erst einmal 30 geworden ist, denkt man nicht mehr wirklich über das Alter nach. Irgendwie zählt das Alter schon noch, aber irgendwie auch nicht. Ich möchte den jungen Mädchen bei unseren Shows das Gefühl geben, dass sie das, was ich mache, auch tun können. Nichts ist unmöglich! Ich bin nicht die beste Sängerin auf der Welt. Ich bin nicht Whitney Huston. Sie hatte eine wirklich großartige Stimme. Man muss auch nicht Britney Spears sein. Das soll jetzt keine Beleidigung sein, aber als ich aufwuchs war sie dieses Supergirly, das jeder sein wollte. Sie war zwar eine Frau, aber eben in Girly-Klmotten. Ich möchte den jungen Leuten ein anderes Role model geben. Manche Mädchen benehmen sich dümmlich vor Jungs, weil sie glauben, dass die Jungs das mögen würden. Ich habe das schon so oft erlebt! Man sitzt da, quatscht mit den Mädels und plötzlich kommt ein Typ vorbei und sie fangen an zu kichern und sich anders zu benehmen. Was soll der Mist? Ich hoffe sehr, dass ich da anders bin. Ich habe auch nicht immer ein tolles Selbstbewusstsein, aber auf der Bühne fühle ich mich einfach nur wohl. Ich habe da keine Angst, dass ist wahrscheinlich auch das, was ich auf andere projiziere. Ich habe keine Bühnenangst oder bin nervös. Vielmehr bin ich in erwartungsfroher Haltung. Ich will immer wieder auf die Bühne, kann es kaum erwarten. Das ist mein Selbstbewusstsein. Aber in anderen Momenten kann ich auch sehr, sehr schüchtern sein. Wenn es zum Beispiel um offizielle Dokumente und Rechnungen und solchen Mist geht. Da kann ich ein verdammter Idiot sein, weshalb das auch meine Mutter für mich erledigt. (lacht) Es gibt also definitiv Momente, in denen ich mich komplett verloren fühle.

Du hast auch Werbung für ein Haarpflegeprodukt gemacht. Wie steht es in solchen Momenten mit deinem Selbstbewusstsein, denn das ist ja noch einmal eine komplett andere Geschichte als ein Konzert.

Ich fühlte mich einfach sehr geehrt. Das Angebot kam aus dem Nichts. Und „Sebastian Professional“ ist eine große Marke. Sie machen auch wirklich grandiose Sachen und nicht nur Billigkram. Ich hätte mir das als Teenager nicht leisten können. Als sie mich gefragt haben, war ich ganz ungläubig. Scheinbar müssen Friseure auf der ganzen Welt jemanden nominieren, den sie als ein, wie sie es nennen, Original empfinden. Und dabei kam heraus, dass die meisten Friseure mich ausgewählt hatten. Das ist ziemlich cool. Zu Beginn habe ich meine Haare immer allein geschnitten, gebleicht und sogar den Jungs die Haare frisiert. Ich war also sehr überrascht, aber auch sehr geschmeichelt. Aber es war schon etwas ganz anderes. Nur, um ehrlich zu sein, als Musiker allein kann man nicht mehr wirklich seinen Lebensunterhalt verdienen. Es geht dann auch ums Geld. Absolut. Es ist eine gute Gelegenheit für mich gewesen, um Mal etwas anderes zu machen und damit auch noch Geld zu verdienen. Denn wir verkaufen keine CDs mehr. Wer kauft schon CDs? Ich kaufe keine CDs und wieso sollte man auch? Dafür gibt es keine Verwendung mehr. Vinyl geht da noch eher. Ich habe eine Zeit lang Vinyls gesammelt. Das liegt daran, dass, wenn man Vinyl hört auch ein gewisses Gefühl mit dazu kommt. Vinyl haben halt schon Mutti und Vati früher gehört. Das hat Wert. Dagegen würde ich einer CD keinen großen Wert beimessen. Vielleicht, weil man damit aufgewachsen ist. Vinyl ist da schon etwas mehr besonders. Aber egal. Ich wollte auf etwas anderes hinaus. Als wir mit der Band begonnen haben, da haben wir Werbung für Levis gemacht. Dafür haben wir kein Geld bekommen, sondern ein paar Jeans. Und wir haben uns so darüber gefreut, dass wir kostenlos Kleidung geschenkt bekommen haben. Aber die Leute haben richtig auf uns herunter geguckt, besonders in Schweden. Sie meinten, dass wir verrückt seien und unsere Seele dem Teufel verkauft hätten. Wir haben uns dann erst gefragt, ob es wirklich so schlimm ist. Aber jetzt tut es jeder, weil man das irgendwie muss. Viele Bands geben ihre Songs für Werbespots her oder lassen sich für eine bestimmte Marke fotografieren. Es ist brutal, aber das heißt es als Musiker seinen Lebensunterhalt zu verdienen.

Musst du dir Gedanken über einen weiteren Job machen?

Nein, ich kann mich in dieser Hinsicht glücklich schätzen. Ich bin zwar kein Millionär, nicht mal annähernd, aber ich kann vom Musiker-Dasein leben. Ich erhielt Sozialhilfe bis wir unseren ersten Plattenvertrag bekamen und ich konnte es kaum glauben. Ich war so verdammt arm, ich aß jeden Tag Kartoffeln. Das erste Geld, das ich bekam, war solch ein Segen. Damit konnte ich dann endlich meine Wohnung ein wenig renovieren. Mit dem Vertrag wurde ein Traum war. Und ich bin sehr stolz darauf, dass ich seitdem vom Musiker-Dasein leben kann. Viele können das nicht. Aber das ist vielleicht auch ein Grund weshalb wir so viel touren. 200 Shows im Jahr sind eine Menge!

Und das seit eurer Gründung noch in derselben Konstellation. Dem muss man großen Respekt zollen!

Ja, manchmal denke ich wir sollten den Friedensnobelpreis dafür bekommen, dass wir schon so lange zusammen sind. (lacht) Denn es ist schon manchmal ziemlich komisch, dass wir fünf immer zusammen sind und quasi im Tourbus leben. Und nicht nur wir, sondern die ganze Crew und der Supportact leben in dieser engen Umgebung. Das ist ziemlich verrückt. Aber auf der anderen Seite kenne ich nichts anderes. Ich wüsste sonst nicht was ich tun sollte. Dieser Gedanke macht mich schon ganz schön fertig.

Aber was blieb in all der Zeit neben der Bandkonstellation bei euch persönlich immer gleich?

Ich denke die Gruppendynamik ist immer noch die gleiche. Es funktioniert so gut bei uns, weil wir alle so unterschiedlich sind. Der Bassist hat immer seinen eigenen Kopf, der Schlagzeuger ist sehr solide, ruhig und gesammelt, unser Gitarrist ist der Latino und ich bin die Verrückte. Unsere verschiedenen Persönlichkeiten halten die Band am Leben. Ich meine, ich habe den Schlagzeuger zu Beginn fünf Jahre lang gedatet, also das hat sich schon Mal geändert. (lacht) Das war danach sehr komisch, aber das meiste ist eigentlich ziemlich gleich geblieben. Wir haben auch immer noch die gleichen Spots. Ich bin immer an der gleichen Stelle und die anderen auch.

Herrscht bei euch mittlerweile durch diese Vertrautheit ein harscherer Umgangston?

Genau das Gegenteil ist der Fall. Am Anfang weiß man nicht, ob man lange so da sein wird und man dreht einfach durch. Man trinkt, nimmt Drogen und schläft mit allen möglichen Leuten, ohne sich Gedanken zu machen. Jetzt versuchen wir vorsichtiger zu sein, vorsichtiger miteinander umzugehen und mehr Respekt für einander zu zeigen.