The Salesman

Veröffentlichung  15. Juni 2017    Regie  Asghar Farhadi    Darsteller  Shahab Hosseini  Taraneh Alidoosti  Babak Karimi
Foto: Prokino Filmverleih
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Foto: Prokino Filmverleih

Wie weit darf Rache gehen und wann sollte man verzeihen?

Asghar Farhadi weiß genau: Es gibt nicht nur Schwarz und Weiß in der Welt. So einfach ist das nicht. Auch das neue Drama des iranischen Regisseurs beschäftigt sich mit den Schattierungen dazwischen.

Viel Zeit bleibt Emad (Shahab Hosseini) und Rana (Taraneh Alidoosti) nicht, als sie ihr bisheriges Zuhause hinter sich lassen müssen. Da das Gebäude einzustürzen droht, muss das Paar auf die Schnelle eine neue Bleibe finden. Zum Glück können sie aber kurzfristig in der leerstehenden Wohnung eines Bekannten (Babak Karimi) von der Arbeit am Theater unterkommen. Doch dann muss Rana auf schmerzliche Weise erfahren, dass sie auch dort nicht sicher sind. Denn die Vormieterin arbeitete als Prostituierte und nicht jeder Kunde weiß nun, dass sie nicht mehr in dem Gebäude wohnt. Als Rana eines Tages allein ist, dringt ein Freier in die Wohnung ein und vergreift sich an ihr. Schwer verletzt überlebt Rana den Übergriff. Doch jetzt will sich Emad rächen.

Eine Frage der Ehre

Schon in seinen vorherigen Filmen Nader und Simin – eine Trennung (2011) und Le passé – Das Vergangene (2013) waren Grauzonen das Lieblingsthema von Asghar Farhadi. Er beschäftigte sich umfassend mit der Klärung der Frage, wie gut verträglich die hundertprozentige Wahrheit wirklich sei. Er wies Film für Film auf die moralischen Zwickmühlen hin, die sich in langen Beziehungen auftun können. Mit The Salesman geht er in eine ähnliche Richtung. Farhadi schaut genau, wie sich die Ehe nach der Attacke auf Rana verändert. Sie ist voller Scham und möchte am liebsten alles für immer verdrängen. Aber ihr Mann ignoriert ihren Wunsch. Aus Liebe zu ihr möchte er etwas unternehmen. Und je mehr er über den Abend erfährt, in dem er nicht für seine Frau da war, desto mehr fühlt er sich auch in seiner Männlichkeit gekränkt. Farhadi lässt uns ganz genau beobachten, wie sich mit der Zeit das Verhältnis der beiden zu einander, aber auch zu sich selbst, verändert.

Die gekonnte Langsamkeit

Wer sich The Salesman anguckt, sollte keine ruckartigen Schnitte und schnelle Entwicklungen von Handlung und Figuren erwarten. Hier wird ganz ruhig Schritt für Schritt vorgegangen. Das erhöht die Spannung. Der iranische Erfolgsregisseur setzt auf ein Kinopublikum, das schlau genug ist, um auch zwischen den Zeilen zu lesen. So wird beispielsweise in der gesamten Laufzeit von zwei Stunden nie exakt gesagt, dass die Vormieterin eine Prostituierte war. Es werden lediglich immer wieder Hinweise darauf gestreut. Auch der Vorfall, um den sich alles dreht, bleibt teils im Dunkeln. Dennoch hat es Asghar Farhadi in der Vergangenheit noch ein kleines bisschen besser hinbekommen, diese Langsamkeit mit aufregenden Details zu versehen. Etwas mehr Vielschichtigkeit hätte dem Drama sicherlich gut getan.

The Salesman ist ein Rache-Drama der besonderen Art. Wir sehen keine Wahnsinnskampfszenen und auch das große Geschrei bleibt aus. Und trotzdem kann einem bei diesem beständigen Gefühl von Gefahr und Angst schon mal regelrecht übel im Kinosessel werden. Asghar Farhadi hat wieder einmal ein Ausnahmewerk mit vielen extrem ambivalenten Charakteren geschaffen.

 

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Rubrik  Heimkino    Autor      Datum  16. Juni 2017    Worte  487
Permalink  http://www.farbensportlich.de/the-salesman/    Farbe  #6f2934
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