The Drums

Album  Encyclopedia    Veröffentlichung  26. September 2014
Foto: Hella Wittenberg Foto: Hella Wittenberg

Wann, wenn nicht jetzt? Ihr drittes Werk nutzten The Drums um ein gut hörbares Statement zu setzen. Auf „Encyclopedia“ präsentieren sich die Wahl-Brooklyner von der Vergangenheit und dem Touren gezeichnet. Aggression und Traurigkeit geben sich in 12 Stücken die Klinke in die Hand. Kurz vor der Realisierung des Albums stand auch Aufgeben als Möglichkeit im Raum. Aber dann erkannten Jonathan Pierce und Jacob Graham: nur zu zweit können sie aus dem Erlebten etwas Positives, Intensives zaubern und so der Welt mit neu gewonnener Stärke entgegentreten.

Gefühle wie Wut, Verwirrung und Isolation haben euch zu Beginn der Arbeit an „Encyclopedia“ begleitet. Kann solch ein Gefühlscocktail nicht auch Gift für ein Album sein?

Jonathan Pierce: Wenn ich mich sehr genügsam und wohl fühle, ist es schwieriger für mich an Musik zu arbeiten. Die besten Songs entstehen durch die Hilfe der Passion, welche mit Gefühlen wie Frustration und Verwirrung einhergehen. Kunst entsteht schließlich durch Kampf.

Anton Corbijn hat einmal erklärt, dass der Musiker für die Kreation durch eine schmerzhafte Phase gehen muss, auf der Bühne aber dann der Orgasmus folgt. Könnt ihr euch in dieser Aussage wiederfinden?

Jonathan: Klar, es gibt Zeiten, da fühlt sich ein Auftritt wonnig und aufregend an. Aber trotzdem sehen wir uns nicht vorrangig als Live-Band. Das Wichtigste ist für uns das Songschreiben. Vielleicht macht ein Konzert von uns genau deshalb so viel Spaß – weil wir es nicht so ernst nehmen.

Jacob Graham: Ich hasse Live-Musik. Ich hasse die Praxis und das Konzept dahinter. Ein Gig ist hauptsächlich ein Job für mich. Wenn ich auf der Bühne stehe, denke ich nur daran, dass ich gute Arbeit leisten möchte und verliere mich deshalb auch nicht so wie andere Bands im Moment. Das ist schon sehr stressig.

Jonathan: Das Musiker-Dasein ist generell ziemlich stressig. Kaum hat man ein Album fertiggestellt, müssen eine Single ausgekoppelt, ein Musikvideo gemacht und Interviews gegeben werden. Wenn man bei diesem Prozedere nicht mitspielt, wird auch keiner von deiner Band erfahren. Das eine gibt es eben nicht ohne das andere.

Und plötzlich beschäftigt man sich mehr mit dem Businesspart des Jobs als mit der Musik an sich.

Jonathan: Gezwungenermaßen. So wie wir auch dazu genötigt waren mit einem Mal neue Leute in die Band zu holen, damit wir richtig live spielen können. Da fühlt man sich nicht nur wie ein Businessmensch, sondern auch wie ein Babysitter. All diese Verantwortung! Man verbringt rund um die Uhr Zeit mit den gleichen Leuten, lebt im selben Haus, macht den Soundcheck und auch sonst alles zusammen. Und dann muss man sie auch noch irgendwie bei Laune halten. Damit konnten wir auf Dauer nicht umgehen. Hoffentlich bleibt es also zukünftig bei dieser Besetzung. Nur Jacob und ich. So sind wir am glücklichsten und haben am meisten Kontrolle. Wenn man sich zu viele Gedanken über andere Menschen macht, vergisst man darüber hinaus sich auch um sich selbst zu kümmern. Keiner gibt dir etwas, sondern jeder nimmt nur. Am Ende der letzten Tour waren wir komplett zerstört. Und verletzt. Aber ohne all das würde es nicht „Encyclopedia“ geben. Trotzdem will ich nicht noch einmal so etwas durchleben müssen. Das war zu intensiv und hat die Arbeit am Album stark beeinflusst. Es war kein allzu spaßiger Prozess. Das ist es aber nie bei uns. (lacht) Der beste Teil ist der, wenn der Song fertig ist und wir ihn zum ersten Mal hören können. Ich glaube, das ist auch ein Grund dafür, dass wir nicht so mit anderen Bands backstage abhängen können. Die Dinge, die sie lieben – live spielen und jammen – sind für uns die Hölle auf Erden.

Jacob: Für mich fühlt es sich oft so an als wären wir eigentlich nie dafür bestimmt gewesen in einer Band zu spielen. (lacht)

Benötigt ihr jetzt, wo ihr nur noch zu zweit seid, weniger Worte?

Jonathan: In kreativer Hinsicht auf jeden Fall. Wir machen schon seit wir 12 Jahre alt sind zusammen Musik und wissen immer sofort, ob dem anderen etwas gefällt oder nicht. Aber abgesehen von der Musik reden wir viel miteinander. Obwohl ich der offenere von uns beiden bin…

Jacob: Stimmt, ich mache viel mit mir selbst aus. Ich mag Frieden.

Jonathan: Sicher, aber doch nicht bis zu dem Ausmaß, dass du irgendwann noch Krebs von dem ganzen in dich Hineinfressen bekommst. Du musst Loslassen lernen!

Jacob: Das versuche ich ja. Ich sage mir immer wieder, dass nichts so wichtig ist wie man zunächst denkt.

Jonathan: Ja, das Universum gibt es schon so unendlich lange – nichts zählt wirklich. Das gefällt mir. Ist doch viel besser als immer zu sagen, dass alles super und wichtig ist. Ich finde meinen Frieden in der Hoffnungslosigkeit. Wenn man erst einmal realisiert hat, dass nichts zählt, kann man ganz frei man selbst sein. Das ist für mich eine ganz neue Art der Hoffnung. Denn was sollte unser Tun schon in 500 Jahren wert sein? Wir werden zu dem Zeitpunkt nicht mehr existieren und es ist dann auch egal was für einen positiven Einfluss wir auf einen Einzelnen hatten. Derjenige wird dann ebenfalls nicht mehr leben und seine Kinder auch nicht. Mir fällt es deshalb schwer eine übermäßige Begeisterung für etwas zu entwickeln.

Jacob: Genau an diesem Punkt unterscheiden wir uns. Ich denke schon, dass Dinge zählen und Kettenreaktionen auslösen können. Wenn du zu jemandem nett bist, könnte das auslösen das die Person ebenso nett zu jemand anderen ist und das würde ewig so weitergehen.

Jonathan: Gut, aber wie lässt dich das länger leben?

Jacob: Tut es nicht.

Jonathan: Na eben.

Bei dieser Diskussion werdet ihr euch sicher nicht so schnell einig werden. Aber wie war es beim Albumtitel? Der Begriff „Encyclopedia“ wirkt auf mich sehr formal im Gegensatz zu eurem sonstigen Auftreten und den emotionalen Texten.

Jonathan: Der Titel reflektiert unser Leben. Die verschiedenen Kapitel, die wir in den letzten fünf Jahren durchlaufen sind. Mitgliederwechsel, Sound-Erweiterungen, wir haben uns selbst gefunden, ich habe geheiratet… Diese Veränderungen definieren uns und die Platte. Wie bei einer Enzyklopädie mussten nun neue Elemente zu uns hinzugefügt und obsolete Fakten herausgenommen werden.

Jacob: Wenn du also in einer Enzyklopädie nach The Drums suchst, würdest du dort all die unterschiedlichen Emotionen aufgelistet finden, die uns ausmachen.

Jonathan: „Encyclopedia“ ist nicht nur unser vielfältigstes Werk, sondern auch das informativste. In „Let Me“ und „Face of God“ geben wir mehr über uns und unseren Glauben preis als je zuvor. Doch würde man sich den Opener „Magic Mountain“ und direkt im Anschluss den letzten Song, „Wild Geese“, anhören, könnte man denken wir seien einfach nur verrückt. „Magic Mountain“ ist so aggressiv und wütend, ganz im Gegensatz zu „Wild Geese“. Das ist ein sehr einsamer Song, der aber auch ein bisschen Hoffnung in sich trägt. So machen wir das gerne: hier und da ein paar kleine Hoffnungsrosinen verstreuen. Wir können Bands nichts abgewinnen, die nur aus Drama und Wut bestehen. Variety is the spice of life!

 

 

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Rubrik  Interview    Autor      Datum  27. September 2014    Worte  1,119
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