The Diary of a Teenage Girl

Veröffentlichung  19. November 2015    Regie  Marielle Heller    Darsteller  Bel Powley  Alexander Skarsgård  Kristen Wiig
Foto: Sony Pictures Releasing
 IMDb-Wertung
Foto: Sony Pictures Releasing

Identitätsfindung

Dass sich erwachsen fühlen und tatsächlich erwachsen sein zwei völlig unterschiedliche Paar Schuhe sind, muss die 15-jährige Minnie erst auf die harte Tour lernen.

Hallo Welt, hör ganz genau zu: Minnie Goetze (Bel Powley) hatte zum allerersten Mal Geschlechtsverkehr! Und zwar nicht mit irgendjemanden, sondern mit dem Lover ihrer Mutter Charlotte (Kristen Wiig), der nun auch ihre heimliche Affäre werden soll. Eigentlich ist das ja gar keine große Sache, denn Minnie wächst in den siebziger Jahren in San Francisco auf und ihre Mom ist eine ziemlich stereotype und total lässige Hippie-Braut. Flower Power ahoi! Aber so sehr sich Minnie anfangs auch über die neue Entwicklung in ihrem zuvor so langweiligen Leben freut, so ist sie bald doch ziemlich enttäuscht. Ihre aufblühende Sexualität, ihr ständiges Verlangen nach Nähe und Zärtlichkeit scheinen die meiste Zeit vor allem abschreckend auf die Männerwelt zu wirken. Die Jungs in ihrem Jahrgang haben mit einem Mal regelrecht Angst vor ihr und auch Monroe (Alexander Skarsgård) – der es weiterhin vorzieht mit Minnie sowie auch ihrer nichts ahnenden Mutter ins Bett zu gehen – gibt ihr zu verstehen, dass sie sich manchmal komisch verhält. Autsch. Bei einem derartigen Gefühls- und Identitätschaos hilft Minnie irgendwann nur noch das Zeichnen – und darin ist sie verdammt gut.

Gestatten: Das Leben, ganz ungefiltert

Einen Großteil der Eltern wird es wohl mächtig grauen, wenn sie sich mit dem Inhalt von The Diary of a Teenage Girl befassen. Ein 15-jähriger Teenie, der sehr freimütig seine Reize, seinen Körper und die Liebe sowie das Liebemachen ausprobiert? Oh weh! Und dennoch sollte sich einfach jeder diesen Film anschauen. Denn hier wird geradeheraus von den Gedanken und Emotionen einer Jugendlichen berichtet. Die Geschichte wirkt vollkommen echt und ungekünstelt – das liegt auch daran, dass die Autorin des Werkes hier ihr eigenes Heranwachsen verarbeitet hat. Phoebe Gloeckner ist nämlich die reale Minnie, die hierbei ihren Weg zu einer starken, unabhängigen Frau beschreibt. Die Comic-Zeichnerin wollte mit ihrer Graphic-Novel von 2002, auf dem der Coming-of-Age-Streifen basiert, verdeutlicht wissen: Zum Glücklichsein braucht man nicht zwingenderweise einen Partner. Wichtiger ist es sich darüber klarzuwerden wer man sein möchte und welche Werte man vertritt. Word.

Ist man automatisch erwachsen, wenn man Sex hatte?

In The Diary of a Teenage Girl ist beständig der Wunsch spürbar, dass es doch ein Ereignis geben sollte, mit dem man die Schwelle vom Kindsein zur erwachsenen Person übertritt. Sex scheint dafür genau das Richtige zu sein. In 102 Minuten praktiziert Protagonistin Minnie diesen sehr häufig. Der unverfängliche Umgang mit dem Geschlechtsverkehr, der direkte Blick der Kamera auf die Wölbungen der jungen Frau schocken regelrecht. Zwar wird man täglich mit höchst sexualisierten Werbemaßnahmen konfrontiert und man hat sich allein dadurch an den Anblick von ein paar Nackedeis gewöhnt, aber dennoch ist die erste Filmarbeit von Marielle Heller (welche die Story zuvor bereits am Theater realisierte) etwas anderes. Sie ist wie Lena Dunhams HBO-Serie Girls. Da geht es schließlich auch rund um die Uhr um Sex und Beziehungskram. Aber The Diary of a Teenage Girl richtet sich nicht an die Twentysomethings, sondern an Mädchen darunter. Da muss noch nicht jeder Schritt einer Logik folgen, nicht jede Handlung hat einen tieferen Sinn – und dieser Umstand macht den Film erst so einmalig und unglaublich wichtig.

Auch wenn es Mama und Papa wahrscheinlich nicht gerne hören wollen: Selbst junge Mädchen haben Lust und Freude an Sex. The Diary of a Teenage Girl möchte diesem regelrechten Tabu-Thema ein Ende machen. Dank der aufregend bunten Inszenierung von der 36-jährigen Regisseurin Marielle Heller sowie auch der mutigen und insgesamt wahnsinnig genialen Hauptdarstellerin Bel Powley wird Teenagern, die sich auf der Suche nach sich selbst befinden, eine authentische Stimme gegeben.

 

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Rubrik  Kino    Autor      Datum  19. November 2015    Worte  602
Permalink  http://www.farbensportlich.de/the-diary-of-a-teenage-girl/    Farbe  #d0422a
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