Sonita

Veröffentlichung  26. Mai 2016    Regie  Rokhsareh Ghaem Maghami    Darsteller  Sonita Alizadeh  Rokhsareh Ghaem Maghami
Foto: RFF Real Fiction Filmverleih
 IMDb-Wertung
Foto: RFF Real Fiction Filmverleih

Alle afghanischen Mädchen haben einen Preis?

In Afghanistan sind Frauen eine Ware. Sie sind die Schafe, die es gilt mit dem bestmöglichen Preis an einen neuen Besitzer zu verkaufen. Genau das prangert eine 18-jährige Rapperin an und sorgt damit für einen internationalen Aufschrei.

Es ist schon über zehn Jahre her, da ist Sonita mit einem Teil ihrer Familie aus Afghanistan und vor den Taliban geflohen. Mittlerweile lebt die 18-Jährige ganz ohne ihre Eltern im iranischen Teheran. Unterstützt wird sie von einer sozialen Einrichtung, die ihr kleinere Jobs zuschiebt und bei der Trauma-Bewältigung hilft, die sie nach der Kindheit im Kriegsgebiet dringend benötigt. Doch bei ihrem großen Traum, Rapperin zu werden, will Sonita keiner behilflich sein. Vielmehr mischt sich plötzlich wieder ihre Mutter ein, die in Afghanistan lebt, und drängt, dass sie eine arrangierte Ehe eingehen und in ihre Heimat zurückkommen soll. Sonitas Heirat würde der Familie das Geld einbringen, welches gerade so sehr für die Vermählung eines Sohnes gebraucht wird. Die Dokumentarfilmerin Rokhsareh Ghaem Maghami, die das junge Mädchen bisher aus einer gewissen Distanz begleitet hat, ergreift nun die Initiative. Sie ermöglicht zunächst durch eine Geldzahlung einen Aufschub für Sonitas Rückkehr nach Afghanistan. Und dann dreht sie noch mit ihr ein Musikvideo, dass sogleich zum viralen Hit wird und dem Mädchen mit einem Mal ganz neue Türen öffnet.

Kein Geld, kein Pass, keine Rechte

Die Filmemacherin Rokhsareh Ghaem Maghami hat mit Sonita eine wirklich außergewöhnliche Protagonistin ausfindig machen können. Sobald die Kamera auf die junge Afghanin gerichtet ist, schaut sie nicht etwa schüchtern weg, sondern gebärt sich mit einem unglaublichen Selbstbewusstsein. Sie weiß sehr genau wer sie ist und was sie im Leben erreichen möchte. Um ihre Träume festzuhalten, hat sie ein kleines Büchlein, in das sie mithilfe von Zeitungsausschnitten knallbunte Collagen zusammenbastelt. In diesen klebt Sonita ein Foto ihres Gesichts auf das, einer umjubelten Sängerin. Die 91-minütige Doku kommt ohne viel inszenatorisches Schnickschnack aus, weil Sonita schon an sich genug Facetten zu bieten hat. Trotz dessen sie keinen Pass und keine Rechte hat und ständig an der Grenze zur totalen Pleite ist, bleibt sie stark. Für ihre Freundinnen, die nach und nach an Männer in Afghanistan verkauft werden, hat Sonita immer ein offenes Ohr und einfühlsame Worte. Aber auch mit ihrer positiven Haltung ist es irgendwann vorbei – und das ist der Moment, in dem sich Regisseurin Maghami nicht mehr allein auf ihre Hauptdarstellerin verlassen kann.

Wie viel Distanz sollte bei einer Doku gewahrt werden?

Als es für Sonita eng wird und sie anscheinend wirklich einen Mann in Afghanistan heiraten muss, steht die Frage im Raum, ob Rokhsareh Ghaem Maghami weiterhelfen kann. Ganz direkt eröffnet Sonita ihr: „Ich stehe zum Verkauf und da könntest genauso gut du mich kaufen.“ Eine Aussage, welche die Dokufilmerin in Bedrängnis bringt. Eigentlich sollte sie in ihrem Job einen gewissen Abstand zu ihrem Filmobjekt wahren. Schließlich will sie ja die Realität ganz unverfälscht wiedergeben. Aber die Person leiden zu sehen, die man schon so lange mit all ihren Wünschen und Träumen begleitet, funktioniert auch nicht. Der Augenblick, in dem Maghami aktiv wird, hebt ihren Film auf ein völlig neues Spannungslevel. Erst sieht es ziemlich düster für Sonitas Zukunftspläne als Rapperin aus und dann tun sich dank der mitfühlenden Regisseurin neue, unfassbare Chancen auf. Es heißt also nicht mehr flüchten, herauslügen oder sich selbst töten – es stehen mit einem Mal viel optimistischere Möglichkeiten auf dem Plan.

Dokus sind nicht so dein Ding? Nicht weiter schlimm, denn Sonita ist mehr als das. Es werden Einblicke in die Rap-Kultur sowie auch in das Leben von Teenagern im mittleren Osten gegeben. Protagonistin Sonita ist keine, die ängstlich an der Kamera vorbeinuschelt. Sie hat Charisma, sie rappt verdammt gut und benutzt in ihren Songs knallharte Worte und Vergleiche, durch die man sich sofort problemlos in ihre missliche Lage einfühlen kann. Und darüber hinaus kann man noch richtig was über die sogenannten Traditionen in Afghanistan lernen. Also unbedingt gucken.

 

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Rubrik  Kino    Autor      Datum  26. Mai 2016    Worte  643
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