Son Lux

Album  Bones    Veröffentlichung  19. Juni 2015
Foto: Hella Wittenberg Foto: Hella Wittenberg

Zunächst handelte es sich bei Son Lux um das Solo-Projekt von dem US-Amerikaner und Multiinstrumentalisten Ryan Lott. 2008 veröffentlichte er At War with Walls and Mazes, 2011 We Are Rising und zwei Jahre später Lanterns. Sein Talent für die Mischung aus Leisem und Orchestralem mit vielerlei komplexer elektronischer Versatzstücke, die er gekonnt mit seiner fragilen Stimme verwob, sprach sich schnell herum. Doch das einsame Betreten der Bühne und die fehlende Selbstsicherheit dabei fühlten sich auf Dauer für Lott nicht richtig an. Also beschloss er schließlich mit Ian Chang und Rafiq Bhatia zum Trio anzuwachsen. Das im Juni 2015 erschienene Album Bones mutet sogleich satter, ausgeglichener, ja sogar mutiger an. Und auch im Gespräch, kurz vor dem Konzert im Berliner Bi Nuu, beweisen die Drei nun wie routiniert sie mittlerweile einander die Bälle zuspielen können, wie der eine den Gedanken des anderen weiterformt. Son Lux ist nun eine Band, voller Komplexität und einem Haufen guter Ideen, und darüber hinaus vor allem eine dicke fette Männerfreundschaft.

Ist es angenehmer auf Tour Interviews zu geben, da man so mehr Zeit zum Reflektieren in Bezug auf das eigene Werk hatte?

Ryan Lott: Wir haben mittlerweile gelernt auf Fragen verschiedene Versionen einer Antwort zu geben. Am Anfang einer Promo-Tour überkommt mich noch oft das Gefühl als würde ich ständig Antworten erfinden. Generell finde ich, Interviews bieten die außergewöhnliche Möglichkeit sich selbst Dinge sagen zu hören und dadurch etwas über sich und über die eigene Musik zu lernen.

Ian Chang: Gerade bei den ersten Interviews gibt es häufig den Moment, in dem man sich wünscht, man hätte den einen Satz nicht gesagt. Aber diese Augenblicke werden zum Glück mit der Zeit immer rarer.

Rafiq Bhatia: Mir passieren solche unangenehmen Momente leider immer noch oft. (lacht)

Dokumentiert ein Album oder ein Konzert passender den Ist-Zustand von euch?

Ryan: Es gibt zwei Seiten der Medaille. Wir glauben, dass die Erfahrungen, die eine Person bei dem Live-Erlebnis macht und die Erfahrungen, welche sie in einer persönlichen Umgebung dank einer Aufnahme macht, andere sind. Die Auffassungsgabe ist verschieden, die Art wie der Verstand die Musik aufnimmt auch. Für uns ist es deshalb wichtig unterschiedlich an ein Konzert und ein Album heranzugehen und sie verschieden klingen zu lassen. Man muss sich vor Augen führen, dass manche Sachen nur live, manche nur im Studio umsetzbar sind. Außerdem sollte man das eine Stück Kunst nicht einfach noch einmal nachstellen wollen. Denn das funktioniert nicht.

Rafiq: Stimmt. Beim Hören eines Albums stellen sich doch gleich Bilder im Kopf ein. Man imaginiert wie die Sounds entstanden sein könnten, man stellt sich Bewegungen vor. Wenn man jedoch eine Reproduktion der Aufnahme live sieht, kann es passieren, dass die Spannung sowie die Ungewissheit verloren gehen, weil man realisiert, dass etwas sich nicht so entwickelt hat wie bisher geglaubt. Das Interesse wird dadurch geringer, eben weil beim Replizieren auch das Risiko weniger ist. Dabei sollte bei einem Konzert Risiko im Spiel sein. Man muss glauben, dass es gilt Löwen zu zähmen und dass jederzeit die Chance besteht von den wilden Tieren gefressen zu werden.

Ryan, als du das letzte Mal in Berlin Interviews gegeben hast, erzähltest du von den unterschiedlichen Sound-Eigenheiten eines jeden Venues, weshalb du manchmal am liebsten wieder nur in deinen eigenen vier Wänden den perfekten Klang am Computer kreieren würdest. Wie sieht es dieses Mal aus?

Ryan: Ich denke, das war eine sehr pessimistische Beurteilung der Situation. Wie gesagt: Eine Aufnahme und ein Konzert sind unterschiedlich. Das eine kann neben das andere gestellt ziemlich enttäuschend sein. Ich könnte auch sagen, dass ich am liebsten auf der Bühne stehe, da es im Studio nicht möglich ist die gleiche verrückte Spontanität hervorzurufen wie live. Gleichzeitig stimmt es schon – am liebsten arbeite ich wie besessen in meiner kleinen Höhle zuhause an einzigartigen Sounds. Doch ich will genauso außergewöhnliche Momente, die spezifisch, motiviert, voller Farbe und Abenteuer sind, für die Bühne kreieren. Und es gibt außerdem einige Dinge, die man tun kann, um die Variablen von einem Venue zum nächsten zu minimieren. Die Schönheit eines Gigs bleibt jedoch, dass sich jeder Auftritt anders anfühlt, obwohl sich die Kontrolle über die Musik immer in den Händen der gleichen drei Personen befindet. Optimistischer wäre es also zu formulieren: In jedem Moment steckt das Potential für eine Neuentdeckung.

Rafiq: Ich genieße an Konzerten die Nähe. Man spürt das Atmen des Publikums und es reagiert auf alles, was man tut. In jedem Moment kommt eine neue Information hinzu und so ein Feedback ändert die Musik. Das Ziel lautet bei einem Gig, einen Dialog mit den Besuchern herzustellen. Plötzlich ist man nicht mehr abgeschnitten von den Menschen. Man macht die Musik für sie und hofft sie wenigstens für einen Moment an einen anderen Ort transportierten zu können. Ein Effekt, der selbst nach dem nach Hause gehen noch wiederholt werden kann. Wenn man das hinbekommt, hat man seinen Job richtig gemacht.

Ian: Das Studio ist dagegen ein kontrollierterer Raum, was hilft, um sich auch mal zu limitieren – oder aber neue Details herauszufiltern. Bei uns läuft es nicht so, dass ich mit einem Schlagzeug-Part ankomme und dazu fügt sich der nächste Teil, und so weiter. Es ist eher eine Collage von Augenblicken, was dazu führt, völlig ungewollte und zufällige Dinge auf einer Aufnahme zu haben, die man dann versucht noch besser zu greifen und zu etwas Musikalischem zu machen.

Rafiq: Das Studio bietet Platz für Brüche mit bisherigen Prozessen, für Herausforderungen. Was heißt, dass ich zum Beispiel mit einem Mal Sounds kreiere, die man sonst so nicht aus einer Gitarre herauskommen hört. Nachdem dies aufgenommen ist, wird es wieder zerschnitten, auf Sampler gelegt, zerstört und erneut zusammengefügt. Danach muss ich ganz neu herausfinden wie ich dabei zu spielen habe. Es geht darum etwas in eine Art Zeitkapsel zu stecken, es zu dematerialisieren und es aus dem einen Moment herauszunehmen. Man ist dann an einem zeitlosen Ort, an dem man niemals glaubte sein zu können. Man transformiert – von diesem Schnappschuss von sich zu etwas, was man vielleicht sogar anstrebt, ohne dass man es so hätte sich genau vorstellen können.

Ryan: Man kreiert ein Zombie-Selbst.

Ihr alle macht schon eine ganze Weile Musik. Seid ihr mit der Zeit auch selbstsicherer geworden?

Ryan: Als Performer bin ich nun viel selbstbewusster. Was daher rührt, dass ich jetzt mit dieser Band auftrete. Vorher fühlte ich mich nie wirklich wohl auf der Bühne. Aber mit den zweien stimmt die Chemie und ich fühle mich plötzlich irgendwie befreit. Ich muss nicht mehr alle Rollen innerhalb einer Band spielen, sondern nur meine.

Ian: Die Band ist eine positive Bestätigung für jeden von uns. Wir gehen sehr kritisch miteinander um und vertrauen uns gleichzeitig. (wechselt in den Flüsterton) Ich liebe euch Jungs.

Ryan (flüstert zurück): Ich liebe euch auch!

Rafiq (lacht): Und ich liebe euch genauso! Jedoch muss ich sagen, dass ich gerade jetzt künstlerisch gesehen weniger selbstsicher bin als früher. Ich glaube aber, das ist ein gutes Zeichen. Wenn ich zu selbstsicher wäre, würde ich mich nicht genug herausfordern. Vor einigen Jahren hatte ich noch ein bestimmtes Konzept von mir und der Welt im Kopf, welches sich nun aber komplett geändert hat. Ich finde mich selbst in einem komischen und so gar nicht familiären Territorium wieder, was mich alles andere als selbstbewusst macht, mich aber hoffentlich für das gesamte Leben prägen wird. Ich meine damit: Wenn man die Art von Künstler sein möchte, die kontinuierlich in andere Richtungen geht und nicht bei einer Sache stagniert, dann muss man lernen sich an neuen Orten und in neuen Zonen zu verhalten. Damit geht eine Lernkurve einher, die mich dazu bringt ein besserer Künstler zu werden. Wenn sich bei der Arbeit ein unangenehmes Gefühl im Bauch einstellt, man nervös und angstvoll wird, kann das der Start für etwas Neues, etwas sehr Gutes sein.

 

 

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Rubrik  Interview    Autor      Datum  28. Dezember 2015    Worte  1,271
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