Somewhere

 
Heimkino 13. November 2010
 
Somewhere
 

Lethargie trifft Melodrama trifft Sofia Coppola

Schon irre, was so ein schön gestaltetes Filmplakat (hier in groß) alles auslösen kann. Mich hat es vor einigen Monaten dazu gebracht mich mit Somewhere zu beschäftigen. Die kräftigen Farben, der Aufbau des Bildes und der bewusste Einsatz von Typographie lassen heute noch mein Herz erstrahlen. Aber nicht nur das Plakat weiß zu überzeugen, auch Regisseurin Sofia Coppola ist von erwartungvollem Interesse. Zeichnet sie sich doch verantwortlich für den Oscar-prämierten Klassiker Lost in Translation mit Scarlett Johansson. Ein Muss in jeder Filmsammlung! Und noch einige weitere richtig gute Streifen gehen auf ihr Konto und man sollte sie alle gesehen haben (Marie Antoinette, The Virgin Suicides)! Als Tochter von Francis Ford Coppola, seines Zeichens ebenso Regie-Ikone und ausführender Produzent vieler ihrer Filme (u.a. Somewhere), füllt sie die großen Fußstapfen würdig aus. Mit ihrem neuen Film Somewhere meldet sich Sofia Coppola nun nach einer 4-jährigen Pause zurück. Alle wichtigen Medien loben den Streifen über den Klee und auch bei den Internationalen Filmfestspielen in Venedig gewann Somewhere den nicht wenig aussagekräftigen Preis als Bester Film.

Ohne es vorher zu wissen ist bereits die erste Szene Sinnbild und Erklärung des gesamten Films zugleich: Johnny Marco (Stephen Dorff) dreht in seinem Ferrari Runde um Runde auf einer Teststrecke vor den Toren Los Angeles’. Mit Vollgas geht es immer weiter. Der röhrende Motor gibt nur in den Kurven kurz Ruhe. Das Gefühl, trotz dauernder Höchstgeschwindigkeit nicht weiter zu kommen, umgibt auch den prominenten Fahrer des Sportwagens. Johnny ist ein angesagter Schauspieler und begehrt bei seinen (weiblichen) Fans. Doch sein Leben ist alles andere als zufriedenstellend. Er wohnt standesgemäß in einem Hotel, feiert jeden Abend Parties und hat einen ganzen Schwarm an Personal mit Verantwortung für seine Tagesplanung. Doch wenn die Tür zu und er allein ist, verfliegt der glamouröse Rausch und er gibt sich seiner Einsamkeit hin. Wenn er tagsüber Pressetermine wahrnimmt, wird einem sehr deutlich das auch diese nur routinierter Alltag sind und keine Abwechslung darstellen. Erst als seine Tochter Cleo (Elle Fanning) gezwungener Maßen wieder für mehrere Wochen zu einem größeren Bestandteil seines Lebens wird, tut sich etwas. Mit ihrer lebensbejahenden Art hilft sie ihrem Vater Stück für Stück aus seinem seelischen Loch. Sie verbringen viel Zeit miteinander, haben Spaß am Alltäglichen und auch am Beruflichen. Johnny nimmt Cleo zum Beispiel wegen einer Preisverleihung mit nach Mailand und die Beziehung der beiden wird mit jedem Tag etwas stärker. Doch diese Zeit ist irgendwann vorbei und Johnny, der seinen inneren Frieden nie so richtig finden konnte, muss sich fragen wie sein Leben weitergehen soll. Coppola dazu: “Man wird nicht reifer oder verändert sich, weil dauernd dramatische Großereignisse einschlagen, sondern man nimmt Details wahr und zieht vielleicht sogar unterbewusst richtige Schlüsse. Zeit mit seiner Tochter zu verbringen lässt Johnny wacher werden, als er es vorher war, und ich denke, dass der Film damit bei einer positiven Note endet.” Die letzte Szene des Films: Johnny nimmt das Tempo raus, parkt seinen Flitzer am Straßenrand und geht mal ein Stück zu Fuß.
Sofia Coppola wendet bei Somewhere die ihr eigene minimalistische und naturalistische Bildsprache an, die jeden Moment zu etwas Besonderem werden lässt. Mit subtilen Emotionen und Szenen, die ein ums andere mal zu lang wirken (wie das Leben?!), entwickelt sich Somewhere zu einem intimen Blick hinter die Kulissen Hollywoods und vielleicht auch Coppolas selbst.
Auf die Frage wie es zum Filmtitel Somewhere kam, antwortete Coppola übrigens:

Der Titel war eigentlich nur als Platzhalter gedacht, aber er blieb kleben. Weil ich wollte, dass der Film wie ein Gedicht über genau diese Übergangsphase im Leben dieses Mannes wirkt, reflektiert der Titel auch seine Ahnung, dass er endlich aufbrechen muss. Er weiß nur noch nicht genau, wohin er gehen soll. Somewhere …

Somewhere weiß zu gefallen und ist äußerst sehenswert. Die Komik einiger Situationen verharrt jedoch zu oft im Mittelmaß, wodurch Coppola wertvolle Sympathiepunkte verschenkt. Viele Eindrücke sind bereits in die Inhaltsbeschreibung geflossen und daher würde ich das auch gerne so für sich stehen lassen. Eine meiner Meinung nach zutreffende Kritik soll diese Rezension abschließen:

Wer kein ausgefallenes Meisterstück erwartet, findet hier einen schönen kleinen Film über die Leere hinter der Fülle. (Stuttgarter Zeitung)

 
653 Wörter von David, 552 Tage alt