Solander “Monochromatic Memories”

Veröffentlichung  31. Januar 2014
Foto: Karin Granstrand Foto: Karin Granstrand

Zum Jahresbeginn stauen sich nur allzu gern die langgehegten Vorsätze und wollen am liebsten gleichzeitig sofort in die Tat umgesetzt werden. Weniger rauchen? Weniger trinken? Verbote, die nicht auf meiner Agenda stehen. Ich möchte mehr. Mehr von allem. Aber insbesondere möchte ich reisen. Das Gefühl des Fernwehs überkommt mich im Januar so sehr wie in keinem anderem Monat. Das Jahr beginnt in Berlin zunächst in Dunkelheit. Auch im Halbdunkel schreibe ich diesen Text. Dabei will ich so gern weit, weit weg. Mich nicht dem Hier und Jetzt stellen, das sich wie ein langgezogener Kater der Silvesternacht anfühlt. Wenn ich so überlege, ist meine Liste der Orte und Länder, die ich bereisen möchte viel länger als die Liste mit den bisherigen Urlaubszielen. Zu wenig Zeit, Geld und Angst vor dem Unbekannten. Doch ein weiterer Vorsatz für das taufrische Jahr ist, ein jegliches Zeichen, welches ich in bekomme, für mich zu nutzen. Und als ich dann das dritte Album von dem schwedischen Duo Solander in den Händen hielt, stand mein Entschluss fest. Mit Monochromatic Memories würde ich mich auf eine Zimmerreise begeben.

Ich legte die CD ein und “The Woods Are Gone” baute sich vor mir auf. Meine weiße Tapete blätterte sich nur beschwerlich von der Wand und bot mir bald ein Bild einer kargen Weite, die mich an meinen Heimatort erinnerte. Den Koffer in der einen Hand, lief ich vorbei an Feldern, auf denen es in absehbarer Zeit wieder Erdbeeren und Kirschen geben würde. Nur nicht jetzt. Bei “All Opportunities” stoß ich schon auf mehr Wärme und Struktur. Die Streicher und der Hall hinter der Stimme von Sänger und Gitarrist Fredrik Karlsson schwammen sanft um die offenen Fenster und wehenden Gardinen direkt an der Meeresküste. Es schien mir als würde ich dieses Mal weiter als nur bis zur Ostsee gekommen sein, viel weiter. Die Sprache war eine viel freundlichere. Und plötzlich stellte man mir in “Monday Afternoon” ein gelbes Fahrrad zur Verfügung und mit Fredrik und Anja Linna neben mir fuhren wir durch belebte Straßen – ja in der Ferne konnte ich Wolkenkratzer und Lichterreklamen sehen. Das Stadtleben gefiel mir, ich spürte mich Geborgenheit. Um dieses Gefühl so lang wie möglich zu konservieren, begaben wir uns in eine neblige Ecke einer Bar, um “Präludium” zu lauschen. Ich konnte den Schmerz in der Melodie hören, die von einem persönlichen Verlust der beiden Musiker erzählte. Die dunkle Wolke, die sich entwickelte, wollte selbst in der Abgeschlagenheit nicht von uns weichen. Mit “Black Rug” klopften mir Solander auf die Schulter und Arm in Arm verließen wir diesen Teil der Reise durch den Hintereingang. Da wartete schon der Sonnenaufgang auf die blinzelnden Augen und man nahm sich die Gitarre und stimmte “Hey Wolf” an. Ich war völlig im Moment und bei mir. Solander sind berühmt berüchtigt für ihre Konzerte, besonders dem Gig beim SXSW in Texas 2012. Bei “Social Scene” glaubte ich mich plötzlich genau dahin versetzt, lächelnd tanzend zwischen unzähligen Konzertbesuchern, die nach dem Gleichen suchten wie ich. Während die Zwei für Junip Supportshows spielen, wusste ich spätestens bei “London Marbles”, dass sie stark genug waren, um überall auf der Welt für volle Clubhäuser zu sorgen. Denn sie bewiesen, dass sie den heiligen Gral zwischen Laut und Leise beherrschten und ich mich auch beim Titelstück des Werkes noch glückselig in die Menge der Unendlichkeit kuscheln wollte. Mit “Lighthouse” war es dann aber zu Ende und ein jeder musste sich auf den Heimweg machen. Erst ein fester Händedruck, dann folgte doch noch eine Umarmung und ich wurde zurück in meinen Arbeitssessel an dem weißen Ikea-Schreibtisch zurück katapultiert. Ich schüttelte den Kopf. Das konnte es nicht gewesen sein. Die Streicher und Fredriks zerbrechliche Stimme hörte ich noch aus der Ferne. Aus der Benommenheit heraus tastete ich mein Gesicht ab. Die Mundwinkel blieben noch immer oben und der Gedanke, diesen kleinen Ausflug durch die Natur und Stadt mit dem Solander-Gefühl wiederholen zu können, stimmte mich zufrieden. Ich wollte definitiv mehr.

 

 

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Rubrik  Album    Autor      Datum  04. Januar 2014    Worte  653
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