Sag nicht, wer du bist!

Veröffentlichung  05. Dezember 2014    Regie  Xavier Dolan    Darsteller  Xavier Dolan  Pierre-Yves Cardinal  Lise Roy
Foto: Kool Filmdistribution
 IMDb-Wertung
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Nicht jede Wahrheit lässt sich sagen

Als Tom (Xavier Dolan) Montreal verlässt, um der Beerdigung seines Partners Guillaume beizuwohnen, nimmt er das Auto. Eine lange Strecke steht ihm bevor, voller flacher Landstriche, Nebel und Einsamkeit. Auch als er an der Farm der Familie seines Geliebten angelangt ist, ändert sich nichts an der Menschenleere. Bis Guillaumes Mutter Agathe (Lise Roy, Die Invasion der Barbaren) vor ihm steht. Doch erwartet hatte sie den jungen Mann mit den blonden Locken nicht. Die Stimmung lädt sich mit Bedrohlichkeit auf als schließlich Francis, der Bruder (Pierre-Yves Cardinal, Polytechnique) des Verstorbenen, auftaucht und Tom dazu zwingen will nicht die wahre Natur der Beziehung zwischen ihm und Guillaume offen zu legen. Die Tage vergehen, samt ihrer Absonderlichkeit, Isolation und Gewaltausbrüche.

Nach dem opulenten Laurence Anyways (2012) zeigt sich Regisseur und Drehbuchautor Xavier Dolan mit seinem neuem Werk (in welchem er des Weiteren für Schnitt, Kostüm und Produktion verantwortlich ist) wieder der Reduktion und räumlicher Enge zugeneigt. Ebenso bekleidet der Kanadier erneut eine der Hauptrollen des Films. Trotz dessen Gesicht und emotionale Tonalitäten dem Betrachter bereits bekannt sein könnten, erweist sich Sag nicht, wer du bist! doch als ein völlig neuer Weg für Xavier Dolan. I Killed My Mother (2009), Herzensbrecher (2010) sowie auch Laurence Anyways können als Serie der unerfüllten Liebe aufgefasst werden. Nun soll eine andere Perspektive gefunden werden. Dafür bedient sich der 25-jährige eines Theaterstückes von Michel Marc Bouchard (Tom At The Farm). Neo-Noir-Thriller trifft auf Indie-Ästhetik.

Die Brutalität des Verhältnisses zwischen den beiden männlichen Hauptdarstellern, elegant und ästhetisch auf der Bühne, versprach bereits eine Rauheit und Gewalttätigkeit, die ich filmisch ausdrücken wollte und mit der ich das vertraute Terrain hinter mir lassen würde. Ich fühlte, dass diese Empfindung von Angst, Beklemmung und Fremdheit für die große Leinwand gemacht waren, und vor allem, dass das Neue daran genau das war, was ich zu finden hoffte. (Xavier Dolan über die Entdeckung des Theaterstückes)

Dabei lässt Dolan den Clash von Dörflichkeit und Städtertum außen vor ebenso wie er größtenteils aktuelle Bezüge ignoriert. Gänzlich wird dabei sogar auf die sonst so typischen Indie-Elektro-Musikstücke verzichtet und auf klassische Theatralik gesetzt. In 102 Minuten stellt sich der Fokus schnell auf zwei Männer ein, die sich kennen lernen und eine bizarre Art der Bindung zu einander aufbauen. Geheimnisse tun sich auf, Blut fließt, es wird getanzt, Ohrfeigen werden verteilt, das Alkoholtrinken wird zum Zwang, der hochgewachsene Mais entpuppt sich als Fluchtort und Gefangenschaft zugleich. Rettung oder Sittsamkeit spielen ein über den Film hinausgehendes Verwirrspiel mit dem Zuschauer.

Mit Sag nicht, wer du bist! ist Xavier Dolan ein Schritt in die richtige Richtung gelungen. Das Experiment aus latent spürbarer sexueller wie gewaltsamer Spannung funktioniert wunderbar verstörend und macht neugierig darauf, was noch alles in dem Übergenie stecken mag.