Rubber

Veröffentlichung  01. Juli 2011    Regie  Quentin Dupieux    Darsteller  Stephen Spinella  Roxane Mesquida  Wings Hauser
Foto: UFO Distribution
 IMDb-Wertung
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Eine Hommage an die reine Willkür

Filme, die sich der Absurdität verschrieben haben, entfalten ihr volles Potential wenn man als Zuschauer keinen roten Faden, nachvollziehbare Handlungselemente oder gar eine Erklärung für das große Ganze erwartet. Rubber schlägt genau in diese Kerbe und entfacht als eine unkonventionelle Liebesgeschichte mit einem amoklaufenden Hauptdarsteller ein wahres Feuerwerk an irrwitziger und böser Situationskomik. Filmemacher und Musiker Quentin Dupieux (bekannt als Mr. Oizo) stellt uns mit seiner lebendig gewordenen Fantasie eines mordenden Reifens auf eine harte Probe. Er will verwirren, verunsichern, verstören. Der ungewöhnliche Plot: ein Reifen erwacht mitten in der Wüste. Benommen rafft er sich auf und fängt an durch die Gegend zu rollen. Äußerlich unterscheidet er sich nicht von seinen Artgenossen, doch in ihm schlummert das Böse. Beobachtet von einer mysteriösen Gruppe von Menschen mit Ferngläsern auf einem nahegelegenen Hügel, entwickelt der Reifen mit der tiefschwarzen Seele seinen Drang anderen, mit Vorliebe lebendigen Wesen Schaden zuzufügen. Dabei wird eine französische Touristin auf Durchreise (Roxane Mesquida) durch die kalifornische Wüste zum Objekt seiner perfiden Begierde. Durch die Zuschauer, die das Geschehen zu jedem Zeitpunkt kommentieren und reflektieren, erzeugt der Film neben den offensichtlich fiktiven Sinnwidrigkeiten absurder Situationen ein in sich starkes Kontrastverhältnis zwischen Realität und Fiktion. Während der Reifen nun auch noch seine telekinetischen Kräfte entdeckt, die es ihm ermöglichen durch pulsierende Atembewegungen Dinge explodieren zu lassen, schlägt Polizeichef Chad (Stephen Spinella) die Brücke zwischen Beobachtern und Akteuren. Spätestens dadurch lösen sich die Grenzen der erzählten Geschichte im Film vollständig auf. Und als dann auch das vermeintliche Publikum Bestandteil der Handlung wird, ohne dass sich jedoch ihre Funktion als Zuschauer aufklärt, wird das Durcheinander der verschiedenen Erzählebenen und Handlungsstränge perfekt.

Bewegt sich die anfängliche Erwartungshaltung an einen rollenden Serienmörder noch in den Sphären trashiger B-Movies wie Der Angriff der Killertomaten oder Chucky’s Baby, überrascht Rubber durch seine frische und ästhetische Andersartigkeit. Lässt man sich auf das originelle Sujet ein, nimmt er einen mit in das Hinterzimmer einer kranken Autoreifenpsyche. Natürlich darf Plausibilität dabei nicht Maßstab der Bewertung sein. Rubber macht gerade deshalb so viel Spaß, weil er mit einer Vielzahl origineller Ideen punktet. So ist die Produktion mehr Kunstfilm als Horrorstreifen, die in den gelegentlichen Slasher-Elementen eine blutige Akzentuierung der Übertreibung findet, aber doch ein ergreifendes Portrait sein will. Mit seiner Manifestation des Nonsens durchbricht Quentin Dupieux gewohnte Seh- und Erzählmuster. Bilder, Einstellungen und Schärfeverläufe sind wunderschön inszeniert. Sie finden ihres gleichen höchstens im ambitionierten Werk einer Sofia Coppola. Die unwiderstehliche Darstellung, untersetzt mit vielen Detailaufnahmen, lässt Rubber mitunter wie eine feinfühlige Bewegungsstudie eines Reifens auf Selbstfindungssuche wirken. Mit diesem Werk untermauert Dupieux seine grenzenlose künstlerische Narrenfreiheit, die sich auch im Film-Soundtrack niederschlägt. Mr. Oizo hat es sich selbstredend nicht nehmen lassen dem Film akkustisch seinen Stempel aufzudrücken. Gemeinsam mit Gaspard Auge von der gehypten Elektro-Band Justice formulierte er eine emotionale Momentaufnahme – traurig, schön und merkwürdig. Gemäß den einleitenden Worten von Lieutenant Chad hat sich wirklich jedes Detail der Maßgabe der Willkür unterzogen und geschieht dadurch ohne erklärbaren Grund. Das Experiment ist zweifelsohne gelungen und bereitet mit seinen kurzweiligen 79 Minuten ein hohes Sehvergnügen. Volle Punktzahl!