Rot und Blau

Veröffentlichung  10. September 2015    Regie  Giuseppe Piccioni    Darsteller  Margherita Buy  Riccardo Scamarcio  Roberto Herlitzka
Foto: KAIROS Filmverleih Göttingen
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Foto: KAIROS Filmverleih Göttingen

Kritik am Schulsystem

Wie heißt es so schön? In der Schule lernt man für das ganze Leben. Der italienische Regisseur und Drehbuchautor Giuseppe Piccioni nimmt diesen Spruch zum Anlass, um aus der Sicht dreier Lehrkräfte den alltäglichen Kampf der Wissensvermittlung zu beleuchten.

Schauplatz der Charakterstudie ist ein römisches Gymnasium. Diesem steht die Direktorin Giuliana (Margherita Buy) vor, die ihren Beruf äußerst gewissenhaft und engagiert ausübt. Dennoch lautet ihre Devise: Alles, was sich außerhalb des Schulgebäudes ereignet, gehört nicht zum Aufgabenbereich des Schulapparats. Doch als sie dazu gezwungen ist sich eingehender um einen ihrer Schüler kümmern, weil dessen Mutter plötzlich wie vom Erdboden verschluckt scheint, muss Giuliana ihren Leitsatz noch einmal genauestens überdenken. Auf eine derartige Idee würde der kurz vor der Rente stehende Kunstgeschichtslehrer Fiorito (Roberto Herlitzka) wohl kaum kommen. Denn er hat mit den Kindern, die er tagtäglich vor sich sitzen hat, komplett abgeschlossen. In seinen Augen kann aus ihnen eh nie etwas Gescheites werden. Weshalb sich also noch Mühe geben? Selbst während des Unterrichts raucht er und vermittelt auch gegenüber seinen Kollegen den Eindruck, dass ihm mittlerweile alles ziemlich egal ist. Ganz anders ist da der neue Italienisch-Aushilfslehrer Giovanni Prezioso (Riccardo Scamarcio). Der noch junge Mann klammert sich fest an seine Ideale: Mit einer guten Portion Nächstenliebe, Empathie und Leidenschaft kann man aus jedem Gymnasiasten ein echtes Genie machen. Aber letztlich werden alle drei Lehrkräfte in „Rot und Blau“ an ihre Grenzen stoßen. Und dann bleibt nur noch die Frage: Wie viel können sie tatsächlich ertragen?

Schule: Ein Ort voller Hoffnungen und Enttäuschungen

“Die Schule ist eine Kreuzung, an der sich die desillusionierten Existenzen der Erwachsenen und die Träume der Jugendlichen begegnen.” Wenn man den Filmemacher Giuseppe Piccioni (Giulia geht abends nie aus, Nicht von dieser Welt) so im Interview über sein neues Werk reden hört, drängt sich der Gedanke auf, er habe selbst keine sehr guten Erinnerungen an die Schulzeit. Dennoch schafft er es in Rot und Blau (der Filmtitel ist ein Verweis auf die Korrekturfarben der Lehrer) eine Leichtigkeit aufrecht zu erhalten, bei der es umso mehr Freude macht bei den verschiedenen Handlungssträngen am Ball zu bleiben. Nie driftet er ins absolut Negative ab – und dass obwohl sein verbitterter Protagonist Herr Fiorito prädestiniert wäre für eine völlig ausweglose Sicht auf die Dinge. Sein Motto lautet nämlich: Auf keinen Fall können diese Kinder unsere Zukunft sein!

Das Individuum im Fokus

Giuseppe Piccioni stellt in seinem Film eine Vielzahl von Problemen der Schule dar, wie zum Beispiel die regelrecht wütend machende Egal-Haltung von Schülern und Lehrern, die beständig aufkommenden sozialen Ungleichheiten und das Kräftemessen untereinander. Doch dies tut er nicht einfach nur um sie anprangern zu können – vielmehr nutzt er die Vielfalt an Schwierigkeiten, um an ihnen die einzelnen, tiefer verborgenen Probleme der Menschen an der Schule ins Zentrum zu rücken. Die Schule wird in Rot und Blau als eine ausgeartete Form der WG präsentiert. Hier wird bunt durcheinandergewürfelt, was eigentlich nicht zusammenpasst. Und auch wenn durch dieses ungewöhnliche Miteinander unzählige Konflikten entstehen können, bietet es ebenso die Chance auf eine neue, vielversprechende Offenheit, welche die Lehrkörper sowie auch ihre Schüler mit der Zeit entwickeln.

Regisseur Giuseppe Piccioni ist ein Meister auf seinem Gebiet. Er weiß, dass es einfach ist Fehler aufzudecken und sie zu kritisieren. Seine Leistung besteht darin die Schule trotz ihrer Makel als etwas unvergleichlich Wichtiges in Rot und Blau vorzustellen.