Real Estate

Album  Real Estate    Veröffentlichung  17. November 2009
Foto: Hella Wittenberg Foto: Hella Wittenberg

Real Estate sind noch ein unbeschriebenes Blatt. Doch mit Songs wie „Beach Comber” von ihrem gleichnamigen Debütalbum bestätigen sie ihren eigenen Wunsch nach einem gelungenen Popsong. Sie sind zum ersten Mal in Berlin, im Magnet Club. Damit treten sie in die Fußstapfen von den Garage-Rockern Black Lips, mit denen ein Vergleich gar nicht so weit hergeholt ist – hört man sie sich auf Platte an. Live sind die Vier konzentrierte Jammer. Sänger Martin Courtney erklärte im Gespräch weshalb es trotz chronischem Geldmangels einen Sinn im Leben gibt.

Ich hab gerade an eurem Merchandise-Stand gesehen, dass ihr Tarotkarten verkauft. Wie kamt ihr auf die Idee?

Unser Drummer Etienne macht das. Er macht auch unser Artwork. Es ist sein kleines Projekt all das auf Tour zu verkaufen.

Ihr seid ja nun zum ersten Mal in Deutschland.

Naja, wir spielten vor zwei oder drei Tagen schon in Hamburg. Aber es ist unser erstes Mal in Berlin.

Hast du im Vorhinein große Erwartungen an Deutschland gehabt bzw. gehen dir irgendwelche Klischees durch den Kopf, wenn du an Deutschland denkst?

Nein, aufgrund der Tatsache, dass ich das erste Mal nach Berlin kommen sollte, war ich einfach nur aufgeregt. Unser Gitarrist Matthew lebte hier für sechs Monate und erzählte viel aus dieser Zeit.

Ihr habt als so genannte Sommerband begonnen. Versucht ihr noch immer den Sommer-Vibe in euren Songs einzufangen?

Es ist nicht so, dass wir unbedingt eine Sommerband sein wollten, das passierte einfach. Die Songs auf unserem Album sind alle irgendwie zur selben Zeit entstanden und dadurch entwickelte sich ein durchgängiger roter Faden. Wir versuchen nicht mit aller Macht etwas Bestimmtes zu sein. Im Moment schreiben wir einfach drauf los und sehen was dabei raus kommt.

Zum Beginn eurer Bandgeschichte habt ihr im elterlichen Keller geprobt.

Wir machen das immer noch (lacht).

Aber kann es nicht die Atmosphäre zerstören, wenn man ständig darüber nachdenken muss wie laut und wie lange man proben kann?

Letztlich ist es halt gut, weil wir für nichts bezahlen müssen. Ich meine, wir wuchsen gemeinsam auf und spielten für eine lange Zeit zusammen in einer Band und so hat sich das mit der Zeit ergeben, dass wir es so gewohnt sind. Es ist unheimlich teuer einen Proberaum in New York zu mieten und deshalb denke ich, dass es ziemlich gut ist, dass wir die Möglichkeit haben in einem Keller zu proben.

In früheren Jahren wart ihr in Weezer und The Strokes Coverbands tätig. Kannst du dir auch mit Real Estate Coversongs vorstellen?

Das haben wir erst kürzlich bei einem unserer Konzerte gemacht. Aber generell war das mit den Coverbands eine Sache, die sich auf die Highschool-Zeit beschränken sollte. Eigentlich handelte es sich bei den Coversongs nur um einen großen Witz, den wir jedoch selbst sehr ernst genommen haben. Wir mögen aber immer noch die Bands, die wir mal gecovert haben.

Eine Coverband ist ja auch gut, um die Liebe zur Musik zu zeigen.

Ja, irgendwie ist das cool. Gleichzeitig ist es auch eine sehr interessante Sache, wenn man mit der eigenen Band bestimmte Spielweisen anderer Musiker nachempfinden kann.

Wann wird fremde Musik für dich interessant?

Das ist eine sehr schwierige Frage. Es variiert sehr. Es kann die Art der Produktion sein, eine Melodie oder auch eine einzelne Textzeile. Das ist jetzt irgendwie sehr allgemein.

Dann sag mir doch welcher Song dir erst vor kurzem so richtig gut gefallen hat und warum.

Ok, also die gesamte Band ist ziemlich fasziniert von einem Song der Band Happy Birthday. Die sind sehr neu, gerade erst von Sub Pop unter Vertrag genommen worden. Sie haben den einen Song draußen namens „Girls FM” , den findet man in Blogs und so. Und das ist so ein guter Song! Ein kleiner Popsong und exakt drei Minuten lang. Er hat so eine wahnsinnig gute Melodie! Ich weiß nicht, es ist so schwer zu erklären wieso das Lied so großartig ist, aber es ist einfach ein wirklich wirklich guter Song und so clever. Wir alle mögen gute Popsongs!

Wie sieht der perfekte Real Estate Hörer für dich aus?

Ich würde mir vielleicht jemanden vorstellen, der die gleiche Musik mag, die wir mögen. Jemand, der schöne Melodien zu schätzen weiß. Es ist schwer sich das vorzustellen, weil ich es insgesamt noch ganz komisch finde, dass Leute wirklich unsere Musik hören. Wenn ich mir nun vorstelle, dass es da draußen Menschen gibt, die sich unsere Musik anhören und es auch noch genießen… Wow, das ist einfach ziemlich cool. Aber ich könnte mir vorstellen, dass Real Estate Hörer viele Dinge mögen, die wir auch gut finden. Wir machen Musik, die wir auch selbst hören wollen.

Und ihr scheint ganz gute Reaktionen auf eure Musik zu bekommen.

Ja, seit wir begonnen haben Musik zu machen, läuft das ganz gut. Die Leute sind nett zu uns. Wir haben eine Menge positives Feedback erhalten. Das ist schön.

Ihr kommt aus kleinen Vororten.

Dazu findet man auch Bezüge in unseren Songs.

Meiner Meinung nach gibt es große Unterschiede zwischen Menschen, die in Vororten oder der Stadt leben. Anscheinend sind große Kommunikationsbarrieren vorhanden. Hast du damit Erfahrungen gemacht?

Ich denke auch, dass viele Menschen, die jetzt in der Stadt leben eigentlich in den Vororten aufgewachsen sind. Dann gibt plötzlich es diesen Wendepunkt, an dem sie nur noch das Gefühl haben weg zu müssen. Das scheint eine große Sache zu sein. Irgendwie kommt man wohl in ein bestimmtes Alter, wo man dann an nichts Anderes mehr denken kann. Man möchte nur noch in die große Stadt fliehen. Ich habe das Gefühl, dass das auf viele Menschen zutrifft.

Gerade Musik ist ein Thema, mit dem man nicht bei jedem Anklang findet. Insbesondere in der Familie.

In meiner Kindheit habe ich es so erlebt, dass meine Eltern nicht wirklich viel Musik gehört haben. Aber das Witzige ist, dass meine Mutter jetzt total für Indie schwärmt (lacht). Sie liest all die wichtigen Blogs und so. Sie weiß einfach alles – sie weiß sogar viel mehr als ich! Sie kennt so viele Bands und das ist toll zu sehen, denn offensichtlich habe ich mit dem was ich tue sie dazu gebracht sich mehr für Musik zu interessieren. Aber ich glaube das Gefühl, wenn man so zurückzieht in den Vorort, dass spielt schon eine Rolle in unseren Songs. Wir lebten alle in unterschiedlichen Orten, gingen getrennte Wege für eine Weile nachdem wir gemeinsam den Abschluss am College gemacht hatten und dann kamen wir nach Hause zurück. Das ist so ein komisches Gefühl gewesen. Um einen herum sind wieder all die gleichen Leute, die man schon zu Highschool-Zeiten kannte und man hängt plötzlich wieder in den Häusern der Eltern von Freunden ab. Ich habe viel über das Erwachsen-Werden und meine Umgebung nachgedacht und das auf eine ganz andere Art und Weise als die Art und Weise wie ich früher darüber nachgedacht habe. Auf dem Album dreht es sich viel um diese Gedanken.

Wie ist es dazu gekommen das ihr Vier wieder zueinander gefunden habt?

Wir wussten nicht was sonst. Wir haben alle unseren Abschluss gemacht und zogen nach Haus zurück, weil es kostenlos war und wir sonst keinen Job hatten. Wir versuchten alles auf die Reihe zu kriegen, Arbeit zu finden und dann war es letzten Endes das Natürlichste gemeinsam Musik zu machen, da wir ja auch schon in der Vergangenheit immer zusammen gespielt haben.

Ist es nun dein Ganztagsjob?

Für den Moment: ja. Wir sind halt auf Tour. Wenn ich zu Haus bin, hab ich noch einen Job, aber das ist eher dafür, um ein bisschen Geld reinzukriegen. Wir machen im Moment nicht sehr viel Geld, wir werden wohl auch nicht sehr viel Geld mit dieser Tour verdienen, aber wir arbeiten sehr hart daran. Wir möchten uns etwas aufbauen und das ist wohl der Punkt, glaube ich. Hoffentlich werden wir bei der nächsten Tour ein wenig mehr Geld machen. Aber wir fühlen uns einfach auch so glücklich, dass wir in der Lage sind hier zu sein und touren zu können. Im Grunde touren wir gerade kostenlos durch Europa und das ist wirklich großartig.

Und man kann Martin Courtney und seinen Freunden von Real Estate nur das Beste wünschen. Wir verabschieden uns mit einem Foto, sie gehen auf die Bühne. Pünktlich um 0.30 Uhr versammeln sich überraschend viele Menschen, um den Geschichten aus der Vorstadt interessiert zu lauschen.

 

 

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Rubrik  Interview    Autor      Datum  07. Februar 2010    Worte  1,339
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