Pirates of the Caribbean – Fremde Gezeiten

Veröffentlichung  19. Mai 2011    Regie  Rob Marshall    Darsteller  Johnny Depp  Penélope Cruz  Ian McShane  Sam Claflin
Foto: Walt Disney Germany
 IMDb-Wertung
Foto: Walt Disney Germany

Mit frischem Wind in den Blockbuster-Sommer 2011

Ab ins Kino! Wenn die See ruft, werden Millionen folgen. In guter Tradition erfolgreicher Fortsetzungen (Fast & Furious FiveTron – Legacy) nähert sich das Kinojahr 2011 seinem vorläufigen Höhepunkt. Noch bevor sich X-Men: Erste EntscheidungHangover 2, Transformers 3: Dark of the Moon und Harry Potter 7 – Die Heiligümer des Todes, Teil 2 dazu gesellen werden, freuen wir uns über den lobenden Ansatz der Fluch der Karibik-Reihe einen Neustart hinzulegen. Vier Jahre nach dem letzten Film gilt sie als eine der erfolgreichsten Reihen der Filmgeschichte. Die Geschichte rund um Elizabeth Swan (Keira Knightley) und Will Turner (Orlando Bloom) ist erzählt und nur mit einer Hand voll Darstellern aus den ersten drei Teilen geht es auf in ein neues Abenteuer, das keine simple Fortsetzung ist, sondern ein Neuanfang.

Im vierten Teil der Piratenreihe Pirates of the Carribean – Fremde Gezeiten erleben wir ein Wiedersehen mit dem berüchtigten Captain Jack Sparrow (Johnny Depp), seinem Filmvater (Keith Richards) und dem zur englischen Flotte übergelaufenen einstigen Rivalen Captain Barbossa (Geoffrey Rush). Inszeniert wurde der neue Teil von Actionneuling Rob Marshall, der besonders geeignet dafür scheint große Ensembles zu choreografieren, hat er doch oscarprämierte Musicals wie Chicago (Bester Film 2004) und Nine zu verantworten. Erfolgsproduzent Jerry Bruckheimer sagt über Marshall:

Man braucht für diese Art Filme jemanden, der große Actionszenen inszenieren und Bewegung verstehen kann.

In explosivem 3D nimmt uns Pirates of the Carribean – Fremde Gezeiten mit auf eine wilde Fahrt durch die Weltmeere – auf der Jagd nach geheimnisvollen Schätzen. Dabei muss sich Captain Jack Sparrow mit allerhand Gegenspielern aus seiner Vergangenheit messen. Neu an Jacks Seite ist die heißblütige wie mysteriöse Angelica (Penélope Cruz), die mit Jack einige gemeinsame Erinnerungen verbindet. Angelica, die Jack Schlag um Schlag ebenbürtig ist, überzeugt ihn sich mit ihr auf die Suche nach der sagenhaften Quelle der ewigen Jugend zu begeben. Als sich Jack kurz darauf auf der Queen Anne’s Revenge wiederfindet, dem Schiff des legendären Captain Blackbeard (Ian McShane), dem – wieder einmal – gefürchtetsten, niederträchtigsten und ehrlosesten Piraten aller Zeiten, wird klar das Angelica nicht die ist, die sie zu sein scheint. Als gänzlich unbekannte Gesichter mischen der unerschütterliche und tapfere Missionar Philip Swift (Sam Claflin), dessen übermoralisches Verhalten im Gegensatz zu den Schandtaten und losen Moralvorstellungen der Piraten steht und die rätselhafte Meerjungfrau Syrena (Astrid Bergès-Frisbey) mit. Zusammen begibt sich die Crew auf eine spannende Schatzsuche im Wettstreit mit den Spaniern und den Engländern, angeführt von Captain Barbossa. Dabei entdecken sie zahlreiche magische Orte und begegnen den schönen Meerjungfrauen, die sich als ganz schön garstige Biester entpuppen. Natürlich muss sich der gerissene Captain Jack auch aus der ein oder anderen brenzligen Situation befreien. Wie aus den letzten Filmen bekannt, bleiben die Motive der einzelnen Protagonisten bis zuletzt unklar.

Die Neuauflage kann der Piratenwelt trotz allerhand Magie und Phantasie wenig neue Facetten abgewinnen. Man merkt dem Film an, dass er zu 100 Prozent auf Johnny Depp zugeschnitten ist und daher irgendwie bekannt wirkt. Die Rolle des Captain Jack Sparrow unterliegt leider überhaupt keiner Entwicklung – bei einem vierten Teil kann das dem Zuschauer schon einmal negativ auffallen. Die Gesten, die Dialoge, die musikalische Untermalung, nichts neues. Lobenswerte Ausnahme ist der Beginn im grauen London, einem Schauplatz, den man noch nicht in der Piratensaga gesehen hat. Bedauerlicherweise hastet auch der vierte Teil zu oft nur von Ort zu Ort, nimmt sich kaum Zeit für die ohnehin dünne Handlung und dafür Gedanken zu Ende zu erzählen. Wer die ersten drei Teile nicht kennt, läuft darüber hinaus Gefahr Anschlussgeschichten und Anspielungen nicht zu verstehen. Dadurch steht die Geschichte nur halbherzig auf eigenen Beinen. In Sachen Situationskomik lässt man es etwas ruhiger angehen als in den Vorgängern. Die Lacher sind rar gesäht. Visuell überzeugt Teil 4 mit tollen Tiefeneffekten. Dem Zuschauer wird ein brilliantes 3D geboten, das nicht erst in der Nachbearbeitung erzeugt wurde. Freunde des mehrdimensionalen Kinos werden das zu schätzen wissen.

Mit der Kombination aus Johnny Depp, Piraten und 3D kann eigentlich nichts schief gehen. So dachte sich wahrscheinlich auch Disney, die sich wieder verantwortlich zeigen und mit dem Franchise rund um den quirligen Piraten eine Goldgrube gefunden zu haben scheinen. Nicht nur die Attraktionen in den Themenparks und das Merchandise erfreuen sich hoher Beliebtheit, auch eine mögliche zweite Trilogie wirkt verführerisch auf den Medienkonzern. Obwohl das Drehbuch für einen fünften Teil schon fertig ist, will sich Hauptdarsteller Johnny Depp noch Zeit lassen, um die Glaubwürdigkeit seiner Rolle zu gewährleisten. Anders als bei den Teilen 2 und 3, die gleich am Stück produziert wurden, dabei aber immer komplizierter wurden und in ihrer Geschichte gleichzeitig abgebaut haben, soll diesmal alles richtig gemacht werden. Daumen drücken, dass wir in den nächsten Jahren keinen Piraten-Overkill erleben.

Depp und Marshall planen übrigens bereits die nächste Zusammenarbeit fern ab der Piratensaga. In dem Remake der Krimikomödie “The Thin Man” wird Depp einen Detektiv spielen, der eher unfreiwillig einen Mord aufklären soll. Wie Tim Burton scheint auch Rob Marshall dem Charme des Wahlfranzosen verfallen zu sein. Was würde die Kinolandschaft (und insbesondere Tim Burton) nur ohne Johnny Depp, dem Til Schweiger des Charakterkinos, machen? Hoffen wir, dass er uns noch lange erhalten bleibt und Filme wie The Tourist die Ausnahme bleiben.

Wer ab Donnerstag Lust auf Kino hat, für den sollte Fluch der Karibik 4 die erste Wahl sein. Wer partout nicht auf Piraten steht, findet vielleicht sein Glück in dem Kinofilm Der Biber, rund um eine sprechende Handpuppe, die das verkorkste Leben von Walter Black (Mel Gibson) auf den Kopf stellt.