Phoenix

Veröffentlichung  20. März 2015    Regie  Christian Petzold    Darsteller  Nina Hoss  Ronald Zehrfeld  Nina Kunzendorf
Foto: Christian Schulz / Piffl Medien
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Foto: Christian Schulz / Piffl Medien

Das Nachkriegsdilemma und sein Scherbenhaufen. Oder die Suche nach dem alten Ich und etwas Halt: Christian Petzold lässt auch in seinem neuen Werk die unterkühlte Nina Hoss und den warmherzigen Ronald Zehrfeld in einer unruhigen Zeit aufeinandertreffen und trotzdem zusammen spielerisch agieren. Denn wie schon in dem Vorgänger-Drama Barbara (2012) wissen die Zwei ihre gemeinsame Leinwandzeit zu nutzen, um einer eigentlich spröden Geschichte etwas Magisches einzuhauchen. Und doch ist Phoenix kein einfach lau aufgewärmtes Sujet. Vielmehr spielt Petzold mit den Erwartungen an seine Darsteller sowie auch mit den von ihm neu definierten Film-Noir-Elementen.

Juni 1945: Der Krieg ist vorüber und hat auch bei der Jüdin Nelly (Nina Hoss) seine Narben hinterlassen. Ihr Gesicht ist ganz und gar entstellt. Doch ein Arzt verspricht ihr ein neues Gesicht – im Trend wäre gerade Zarah Leander – und somit auch eine neue Identität. Nur will die verstörte Frau nicht erneut bei Null anfangen. Sie will einfach nur ihr altes Leben mitsamt ihrer alten Liebe zurückgewinnen. So wünscht sie sich schließlich, dass Wangenknochen, Nase und Gesichtsformung wenigstens im Ansatz wieder ihrem früheren Aussehen entsprechen mögen. Als sie aber nach der Operation und intensiver Suche wieder auf ihren nicht-jüdischen Ehemann Johnny (Ronald Zehrfeld) trifft, erkennt dieser sie nicht. Allein eine Ähnlichkeit zu der, in seinen Augen verstorbenen, Geliebten gesteht er ihr zu. Daraus soll sich im Folgenden eine fragile Beziehung entspinnen, bei der nie sicher ist, welcher Nutzen für jeden tatsächlich dahintersteckt.

“Mich gibt’s gar nicht mehr” sagt Protagonistin und Petzold-Erprobte Nina Hoss an einer Stelle des Films. Ohne ihre Liebe und ihr Gesicht fühlt sich die Auschwitz-Überlebende identitätslos. Was Phoenix schafft, ist es in einem Trümmer-Berlin eine Träumerin zu zeigen. Denn auch wenn sie die Kriegszeit deutlich gezeichnet hat, so lebt sie doch in ihrer eigenen Fantasiewelt. Dort, wo die Worte ihrer Freundin Nele (Nina Kunzendorf, Meine Schwestern) nicht bis zu ihr durchdringen. Wo sie sich eigene Luftschlösser baut. Die analytische Erzählweise steht im Kontrast zu der zarten Hauptfigur. Aber auch Johnny, der feinfühlige Musiker, ist schwer für den Zuschauer zu greifen. Seine physische Präsenz lässt ihn zum Szenen-Dieb werden, zum Sympathen, dem man sich nicht entziehen kann. Man merkt Phoenix Christian Petzolds Liebe zu der Thematik, zum Realismus und speziell auch zu seinen Schauspielern an. Und genau deshalb hat das doppelbödig-gewagte Kammerspiel auch das Potential zum Meisterwerk.

 

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Rubrik  Heimkino    Autor      Datum  20. März 2015    Worte  382
Permalink  http://www.farbensportlich.de/phoenix/    Farbe  #5f1f18
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