Paula Beer

   Film  Frantz    Veröffentlichung  29. September 2016    Regie  François Ozon
Foto: X Verleih
 IMDb-Wertung
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Reflektiert. Analytisch. Fokussiert. Passioniert. Paula Beer ist all das. Sie hat diese Wahnsinnsausstrahlung, die nahelegt, dass sie das Leben verstanden hat. Und das mit 21. Da wundert es kaum, dass François Ozon sie so dringend als Hauptdarstellerin für sein Nachkriegsdrama haben wollte. In Frantz spielt sie nun eine Witwe, die mithilfe eines mysteriösen Bekannten ihres verstorbenen Mannes über ihren Verlust hinwegzukommen versucht.

Wie lief das Casting zu Frantz ab?
Das fing ziemlich absurd an. Ich war gerade im Urlaub, da rief mich meine Agentin an und erzählte mir von einem französischen Projekt, für das ich im Gespräch sei. Genaueres könne sie mir noch nicht sagen. Als ich wieder zu Hause ankam, hatte ich eine E-Mail mit der Info, das ich den Text für das Casting bis morgen drauf haben solle. Da ich die Filme von François kannte und gut fand, war das echt was Großes für mich. Das Casting lief aber entspannt. Es ging nicht darum sich zu beweisen, sondern darum zu schauen, ob man miteinander klar kommt.

Ist der Beruf so, wie du ihn dir früher vorgestellt hast?
Ich habe früher nicht daran gedacht, was noch alles drum herum passiert, das gar nicht mit dem Spielen zu tun hat. Während ich jetzt für Frantz die ganze Pressearbeit mache, stecke ich ja eigentlich schon mittendrin in anderen Projekten.

Mit welchem Teil von Anna konntest du dich anfangs am wenigsten identifizieren?
Zu Beginn wusste ich nicht, was Krieg bedeutet. Ich wusste nicht, wie es ist, in solch einer Zeit zu leben und jemanden im Krieg zu verlieren. Als ich mich aber intensiv auf den Film vorbereitete, merkte ich, wie intuitiv dieses Wissen ist. Ich glaube, so ein Wissen ist eigentlich schon da und man muss nur noch den Zugang dazu finden. Ich konnte plötzlich spüren, was mit Anna los ist. Durch sie bekam ich ein Gefühl für die Zeit. So etwas konnte ich nicht im Geschichtsunterricht lernen.

Aber das ist schon eine Frage der Herangehensweise. Du könntest schließlich auch einfach den Text auswendig lernen und nicht weiter darüber nachdenken.
Ich will mir glauben, was ich da mache. Ich möchte verstehen, worum es ihr geht, was sie für Probleme und Wünsche hat. Einfach nur dastehen, ein Kostüm anhaben und behaupten, ich wäre Anna, erscheint mir falsch. Es ist auch so, dass man manche Szenen erst beim Drehen versteht. Das mag ich bei François’ Filmen: Man kann sich tagelang über sie unterhalten und entdeckt immer wieder neue Themen darin, zu denen man sich seine Meinung bilden muss.

Du bist bestimmt auch im Alltag ein sehr reflektierter Mensch, oder?
Ja, schon. Mich interessieren manche Dinge auch fünfmal neu gedacht. Filme helfen mir neue Perspektiven einzunehmen. Sie machen alles greifbarer. Zum Beispiel wurde ich öfter zu Frantz gefragt, ob Anna in Adrien verliebt sei. Seitdem stelle ich mir die Frage, ab wann man eigentlich verliebt ist? Oder wie lange projiziert man nur etwas auf eine Person, weil man möchte, das da mehr ist?

Wie bist du generell zum Film gekommen?
Ich habe das Gefühl, dass der Film zu mir gekommen ist. Das sollte so sein. Mit acht Jahren stand ich das erste Mal auf der Bühne. Und ich war das erste Mal mit sechs Jahren im Kino. Das war ein großes Drama, ich weinte extrem viel, weil ich da schon so sehr mit den Figuren mitging. Und ich liebte Geschichten! Ab der achten Klasse war ich dann im Theater.

Der nächste große Schritt lautete nun in einem französischsprachigen Film mitzuspielen?
Genau. Davor war der Dialekt in Das finstere Tal so eine Herausforderung für mich. Ich dachte erst, dass ich drum herum kommen und Hochdeutsch sprechen könnte, aber daraus wurde nichts. (lacht) Mir passiert es öfter, dass ich eine Entscheidung treffe, aber erst später realisiere, was das mit sich bringt. Dann werde ich meist in letzter Sekunde sehr aufgeregt. In einem Film Französisch zu reden, war noch mal eine ganz andere Nummer. In der Vorbereitung merkte ich, dass ich die Sprache nicht mehr zur Verfügung habe, sobald es richtig emotional wird. Daran musste ich viel arbeiten. Ich musste erst eine Haltung zur Sprache entwickeln.

Du hast auch deine Figur mitentwickeln können, richtig?
Speziell bei den Szenen, in denen Deutsch gesprochen wird, hat mich François stark einbezogen. Er wollte wissen, welche Worte sich richtig für mich anfühlen. Er sucht sich generell die Leute genau für das aus, was er braucht, aber dann lässt er sie auch machen und vertraut ihnen. François zerredet nicht alles und das gefällt mir. Er gab mir viel Freiraum. Und so konnte ich mich sehr gut in meine Figur hineinfinden.

Wenn du dich allein auf eine Rolle vorbereitest, hast du dafür feste Zeiten?
Auf jeden Fall. Ich stehe gegen sieben Uhr auf, trinke eine Kanne Tee und dann geht es los. Ich mache sogar eine Mittagspause. Es handelt sich wirklich um einen ziemlich spießigen Arbeitstag. Ich mache das so, weil ich gemerkt habe, dass ich mich ohne diese penible Organisation verzettele und kurz vor Drehbeginn total Panik kriege.

Schwebt dir auch so etwas wie ein Fünf-Jahres-Plan vor?
Nein. Ich warte lieber ab, was kommt. In dem Job macht alles andere keinen Sinn, weil man eh meist nicht wissen kann, was der nächste Monat bringt. Ich wusste ja auch erst sechs Wochen vor Drehbeginn, dass ich in Frantz mitspielen würde.

 

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Rubrik  Interview    Autor      Datum  03. Oktober 2016    Worte  858
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