Nowhere Boy

 
Heimkino 30. Mai 2011
 
Nowhere Boy
 

Das schon alles über John Lennon gesagt und gezeigt wurde, scheint Regie-Neuling Sam Taylor-Wood ziemlich egal zu sein. Mit dem erfrischend leicht daherkommenden Nowhere Boy nahm sich die Engländerin die jungen Jahre von dem Liverpooler Mann vor, der mal vor Millionenpublikum gemeinsam mit The Beatles spielen sollte. Souverän übernimmt der 20-jährige Aaron Johnson (mittlerweile verheiratet samt gemeinsamem Kind mit Taylor-Wood) den Part des rebellischen Jugendlichen und lässt das Biopic mit der Erzählung der grauen Nachkriegsjahre herrlich bunt erstrahlen. Die roten Fäden sind dabei die erziehungsberechtigte Tante Mimi (Kristin Scott Thomas) und die lebensbejahende Mutter Julia (Anne-Marie Duff), die ihm das Leben je nach Lage zum Himmel oder zur Hölle werden lassen.

Der Betrachter wird bei dem 90-Minüter mit auf eine wilde Achterbahnfahrt der Gefühlsausbrüche genommen. Dem kann man sich nicht entziehen, im Besonderen da auch der Soundtrack zu überzeugen weiß. Wenn „I Put A Spell On You” von Screamin’ Jay Hawkins seinen Weg in die noch grünen Öhrchen von Lennon findet, wächst die Gänsehaut des Zuschauers mit. Außerdem überzeugt Aaron Johnson als aufbrausender und gleichzeitig verwirrter John Lennon, der sich eigentlich doch nur nach Liebe sehnt. Dass Johnson ein wandlungsfähiges Neutalent ist, den man so schnell nicht mehr aus den Augen lassen sollte, bewies er nach Abdreh von Nowhere Boy 2010 mit der Charakterrolle als jugendlicher Actionheld in Kick-Ass. So unterschiedlich die Rollen, so extrem unterschiedlich auch das Aussehen Aarons. Er fühlt sich bedingungslos in seine Figuren hinein und so kann man sich sicher sein, wo er mitspielt ist Leidenschaft und Klasse in vollen Zügen zu genießen. Somit kann man auf Weiteres sehr gespannt sein.

Speziell auf Blu-ray weiß die traumwandlerische Ästhetik der einzelnen (Portrait-) Bilder des Musikfilms zu beglücken. Es steckt so viel Liebe in der Inszenierung, man fühlt fast mit wie sich Regisseurin Taylor-Wood nach und nach in ihren Hauptakteur verliebt. Durch die Unkonventionalität, mit der die komplizierte Emanzipation John Lennons von den beiden Mutterfiguren in Nowhere Boy dargestellt wird, erlangt der dramatische Film definitiv seine Berechtigung. Trotz dessen auch Paul McCartney (Thomas Brodie-Sangster) seinen einschneidenden Auftritt bekommt, möchte man hier nicht die Beatles-Geschichte neu aufwärmen. Vielmehr geht es um die kleinen Details und die großen Schicksale seiner Jugend, die ihm zu dem gemacht haben, was er dann schließlich mit den Beatles darstellte. Umso mehr muss man deshalb bei Sätzen wie „Warum hat Gott mich nicht zu Elvis gemacht?” schmunzeln. Was für ein bildschönes Debüt!

 
394 Wörter von Hella, 355 Tage alt