Nellys Abenteuer

Veröffentlichung  17. März 2017    Regie  Dominik Wessely    Darsteller  Flora Li Thiemann  Hagi Lacatus  Julia Richter  Kai Lentrodt
Foto: farbfilm verleih
 IMDb-Wertung
Foto: farbfilm verleih

Typisch deutsch trifft auf untypisch rumänisch

Jetzt mal halblang mit den Vorurteilen: Dieser Film macht klar, dass Roma nicht so rückständig sind, wie es oft verallgemeinernd dargestellt wird. Trotzdem spielt man ganz schön viel mit Vorurteilen.

Die Sommerferien könnten eigentlich so eine schöne Zeit für Nelly (Flora Li Thiemann) werden, müsste sie nicht mit ihren Eltern (Julia Richter und Kai Lentrodt) nach Rumänien. Darauf hat die 13-Jährige überhaupt keine Lust. Doch so richtig wütend wird sie erst, als sie mitbekommt, dass ihre Familie plant gänzlich in das Land umzuziehen, weil der Vater dort einen neuen Job gefunden hat. Aus lauter Verzweiflung rennt Nelly weg. Dabei verläuft sie sich jedoch schnell in dem ihr so fremden Land. Schließlich fällt sie auch noch in die Hände zweier Schurken (George Pistereanu und Marcel Costea), die sie entführen. Damit haben die beiden nämlich ein Druckmittel gegen Nellys Vater in der Hand, der vor hat in Rumänien Windräder zu bauen, was den Ganoven gar nicht in den Kragen passt. Nun wird das Mädchen in einem Roma-Dorf versteckt, wo sie letztlich mit der Hilfe von Tibi (Hagi Lacatus) und seiner Schwester Roxana (Raisa Mihai) Land und Leute besser zu schätzen lernt.

Die Sozialkritik wird verwässert

In Nellys Abenteuer sollen die Probleme und Vorurteile über die rumänische Provinz einmal ganz klar aufgezeigt werden. Die Deutschen scheinen hier die Mächtigen zu sein, die Roma sind im kritischen Fall die Schwächeren. Eine Einheimische bringt sogar den Satz „Wir wie Scheiße am Schuh von Europa.“ Na wenn das nicht deutlich war! Dennoch gibt es viele Momente in dem Film, in dem sich insbesondere die Jüngeren aufbäumen. Sie wollen sich nicht immer in die Schublade der Hilfsbedürftigen stecken lassen. Aber die Message des Films wird stark getrübt durch die einfache Umsetzung. Hier gibt es ganz kindgerecht eine Aufteilung in Gut und Böse. Die Zwischentöne fehlen völlig. Dies bringt mit sich, dass weiterhin in Kategorien und Stereotypen gedacht wird.

Bildungsauftrag erfüllt?

Ein weiterer Punkt, der für Regisseur Dominik Wessely scheinbar sehr wichtig war: Windkraft kommt vor Wasserkraft. Ah ja, es geht also nicht nur um das Anprangern von gesellschaftlichen Problemen, sondern auch noch um die Achtung vor der Natur. In 97 Minuten ist das alles ein bisschen zu viel des Guten. Speziell weil Nelly zwischendrin immer noch viel Zeit gegeben wird, um die extrem Pubertierende zu mimen. Und die Eltern spielen die Dummen, die keinen blassen Schimmer haben, was bei ihrer Tochter eigentlich gerade los ist. Die Anliegen des Filmemachers, sich mehr auf Windkraft zu verlassen und auch mal einen Schritt in die Richtung von anderen Kulturen zu machen, wirken im Gesamten regelrecht hilflos eingestreut. Ist Nellys Abenteuer nun Gesellschaftskritik oder Coming-of-Age-Geschichte? Eigentlich will der Film alles auf einmal sein. Damit schafft er es aber am Ende nur sehr grob an der Oberfläche zu kratzen.

Nellys Abenteuer ist ein sehr chaotisch zusammengeklebter Film. Grundsätzlich sollen wir mehr über die Roma und Windkraft lernen. Aber vor allem sehen wir ein junges Mädchen, das versucht mit sich und ihrem neuen Leben klar zu kommen. An sich keine schlimme Sache, würde man dem Film nicht so stark anmerken, dass er eigentlich extrem hohe Ambitionen hatte.

 

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Rubrik  Heimkino    Autor      Datum  16. März 2017    Worte  514
Permalink  http://www.farbensportlich.de/nellys-abenteuer/    Farbe  #6ea260
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