Mustang

Veröffentlichung  16. September 2016    Regie  Deniz Gamze Ergüven    Darsteller  Güneş Nezihe Şensoy  Doğa Zeynep Doğuşlu  Elit İşcan
Foto: Weltkino Filmverleih
 IMDb-Wertung
Foto: Weltkino Filmverleih

Auf zur Rebellion!

Deniz Gamze Ergüvens Drama fühlt sich wie eine Fortsetzung von Sofia Coppolas The Virgin Suicides (1999) an. Nur dass Mustang in der Türkei spielt und die Prämisse ist, die Mädchen schnellstmöglich zu verheiraten.

Nachdem die Eltern schon früh verstorben sind, leben die Schwestern Lale (Güneş Nezihe Şensoy), Nur (Doğa Zeynep Doğuşlu), Ece (Elit İşcan), Selma (Tuğba Sunguroğlu) und Sonay (İlayda Akdoğan) bei Verwandten in einem türkischen Dorf. Ihr Alltag dort soll sich mit einem Mal abrupt ändern. Denn die Mädchen nutzen einen besonders schönen Nachmittag, um nach der Schule mit ein paar Jungs im Meer herumzutollen. Doch was für die Fünf einfach nur ein unschuldiges Spiel ist, wird beim Dorfklatsch zu einem großen Skandal aufgebauscht. Die Geschwister sollen sich zügellos mit den Jungen vergnügt haben – es wird sogar gemunkelt, sie hätten mit ihnen geschlafen. Trotz der vehementen Unschuldsbekundungen von den Mädchen, leitet der Onkel (Ayberk Pekcan) strenge Maßnahmen ein. Rund um das Haus und vor den Fenstern werden Zäune und Absperrungen errichtet, welche die jungen Frauen von nun an von der Außenwelt abschotten. Und das ist noch nicht alles: Die Schwestern sollen auch so schnell wie möglich verheiratet werden, um so zum einen zu lernen, was es bedeutet eine sittsame und gute Frau zu sein, und zum anderen, um den Ruf der Familie wiederherzustellen.

Der Raub der Freiheit

Das Thema von Mustang könnte aktueller nicht sein. In dem Drama geht es um junge, starke Frauen, die sich frei entfalten wollen. Sie möchten anziehen und tun, worauf sie gerade Lust haben. Vor allem ist es ihr Ziel selbstbestimmt zu leben. Aber Kultur und Traditionen in dem türkischen Dorf sehen anders aus. Beispielhaft ist dafür die Filmszene, in der die Mädchen mit ihrem Onkel schweigend am Esstisch sitzen. Dabei ist der Fernseher angeschaltet und es läuft eine Sendung, in der erklärt wird wie eine Frau zu sein hat. Sie soll dem Mann dienen, ihn an seine Tugenden erinnern und sich selbst zurücknehmen, ruhig sein und sich bloß nicht mit Wortmeldungen oder Aussehen in den Vordergrund spielen. Allein beim Zuschauen dieses Moments möchte man lautstark rebellieren. Viel zu oft bekommt man noch solch ein veraltetes Denken im Alltag auf die eine oder andere Art zu hören – aber selten wird es so deutlich aufgetischt wie in dieser sonst so sonnigen Umgebung in der Türkei. Doch das Besondere an Deniz Gamze Ergüvens Werk ist der Umstand, dass sie in ihrem Debütfilm zwar an dieser Stelle den Fernseher klare Worte sprechen lässt, jedoch im Gesamten den feministischen Ansatz subtil zwischen den Zeilen platziert. Die Schwere der ernsten, realitätsnahen Problematik weiß die Französin durch die beständige Leichtigkeit der Geschwister untereinander zu durchbrechen.

Das sieht gut aus: Coppola-Anleihen und eine Oscar-Nominierung

In diesem Jahr ist Mustang als bester fremdsprachiger Film an den Start gegangen. Kein Wunder. Dem Erstlingsfilm mangelt es nicht an Relevanz. Regisseurin und Drehbuchautorin Deniz Gamze Ergüven stammt eigentlich aus Frankreich, aber ein Großteil ihrer Familie lebt in der Türkei, weshalb sie dort auch ihre Geschichte über Teenager in schwierigen Verhältnissen ansiedeln wollte. Für sie war es spannend die Menschen in einem Land zu zeigen, welches sich so sehr im Umbruch befindet. Die Sehnsucht nach freier Entfaltung ist dort immens zu merken, wenn sich auch die Konservativen ihrer Meinung nach hartnäckig halten. Ihr Film weiß mit viel Hintergrundwissen den sensiblen Spagat zwischen dem Pochen auf Unschuld und der stetigen Übersexualisierung zu bewältigen. Noch ein weiterer Punkt macht den Film zu einem Oscar-Film: Er geizt nicht mit Referenzen an The Virgin SuicidesSofia Coppolas gefeiertes Debüt-Bubblegum-Drama von 1999, in dem sich eine Jungfrau nach der anderen aufgrund der heimischen Beengung umbringt. Auch in Mustang sieht man Geschwister, die eine enge Freundschaft und ein großes, gemeinsames Leiden verbindet. Als sie ihrer Freiheit beraubt werden, halten sie umso stärker zusammen. Das Quintett erfindet Fantasie-Auswege. Wenn zum Beispiel die eine Schwester meint, sie gehe schwimmen, dann hüpft sie dabei nur im Badeanzug im Bett und zwischen den Laken herum. Ein Akt der Verzweiflung, der gleichzeitig dem Betrachter einen verträumt-schönen Eindruck vermittelt. Nur so scheint es den Mädchen möglich sich ein gewisses Level an Frohsinn zu erhalten. Auch Kirsten Dunsts Rolle in The Virgin Suicides kommt in abgewandelter Form mit der älteren Schwester Sonay in Ergüvens Spielfilm vor. Sie versucht sich, wo sie nur kann, aus dem Haus zu schleichen, um mit einem Mann zusammen zu sein, an dem sie Gefallen gefunden hat. Der erste Schritt zur Rebellion ist definitiv mit ihr getan.

Strahlende Sonne, glitzerndes Meer und fünf wunderschöne, lachende Mädchen: Mustang wirkt zunächst wie die perfekte Urlaubskampagne. In die Türkei sollte man reisen, da hat man es gut! Doch schnell dreht sich der Wind im Film und Deniz Gamze Ergüven zeigt plötzlich keine lustig-romantische Sommer-Coming-of-Age-Story mehr, sondern knallharte Realität. Frauen werden gedemütigt, bedrängt und gegen ihren Willen verheiratet. Der Wunsch etwas gegen solch althergebrachte Ansichten tun zu wollen, kommt da von ganz allein.