Mirrors

 
Interview 01. Juli 2011
 
Mirrors
Foto: Hella Wittenberg
 

„Wir möchten ehrliche Songs schreiben. Das ist alles, was wir je machen wollten.”

Wirken die Vier auf Albumlänge noch sehr von der heimischen Brightoner Seebrise unterkühlt, erwecken die Jungspunde auf der kleinen Bühne des Comet Clubs einen weit offeneren Eindruck. Schon zuvor im Interview versprühen James New und Ally Young eine herzlich warme Stimmung als sie über ihre Musik und insbesondere über ihr Debütalbum Lights and Offerings sowie die Intention hinter dem Projekt Mirrors sprechen.

Was haltet ihr von dem Comet Club als Venue für eure Show?

Ally: Ehrlich gesagt, hatten wir uns nicht so einen kleinen, dunklen Club vorstellt als wir das Konzert in Berlin geplant haben. Aber wir mögen es trotzdem sehr, es ist so richtig Rock ‘n’ Roll.

In eurem Video zur Single „Ways To An End” sieht man euch live spielen und im Hintergrund laufen wunderschöne Visuals. Sieht so eine typische Mirrors Live Show aus?

Ally: Ja, wir wollen dem Zuschauer mit unserer Gestaltung der Show eine ganz besondere Erfahrung bereiten. Sie sollen mehr als nur den normalen Kram, also eine Band auf der Bühne, erleben.

James: Wir haben zu jedem Song ein Video und tendieren dazu oft Änderungen vorzunehmen, da wir ständig interessante Dinge entdecken. Manchmal benutzen wir Sachen aus dem Internet, aber für den Großteil sind wir selbst verantwortlich. Die Verwendung von Visuals ist nichts Neues, aber bei anderen Bands sieht es oftmals nach Bildschirmschoner schon. Wir wollen nicht so beliebige Visuals, sondern vielmehr handgemachte und anheimelnde Visuals. Sie sollen den Erlebniswert für den Zuschauer steigern. Gleichzeitig erzählen sie aber keine Geschichte. Sie sind also dazu da, um zu hypnotisieren und zu entspannen.

Ally: Wir versuchen die Visuals nicht zu ablenkend zu gestalten. Sie sind einfach nur ein weiteres Element für eine gute Show.

Ihr habt euer Album Lights and Offerings betitelt. Was hat es mit dem Titel auf sich?

Ally: Wir haben einen Song, der sich Lights and Offerings nennt. Dieser Songtitel wurde wiederum von den Lyrics inspiriert. Eigentlich sollte der Song auch auf unserem Album vertreten sein. Jedoch mussten wir die Entscheidung treffen, ob der finale Track „Secrets” oder eben Lights and Offerings sein sollte und schlussendlich hat er es nicht auf das Album geschafft. Da der Titel aber sehr gut zum Gesamtpacket passt, dachten wir uns, dass wir wenigstens das Album danach benennen.

Mit eurer Band verfolgt ihr ein striktes Konzept. Was geschieht, wenn ihr eine Idee umsetzen möchtet, diese aber nicht in das Konzept der Band passt?

James: Wir kennen uns alle schon sehr lange. Deshalb ist es für uns ziemlich einfach, die Dinge herauszufiltern, die nicht speziell zu unserem Verständnis von dem passt, was Mirrors ist. Gleichzeitig entwickelt sich die Frage nach „Was ist Mirrors?” zusammen mit den Ideen weiter. Wir arbeiten aber nicht insgeheim an Soloprojekten oder so.

Mirrors rufen stets extreme Reaktionen, ob positiv oder negativ, hervor. Wo seht ihr den Grund dafür?

Ally: Das stimmt. Leute sagen uns oft nach, dass wir prätentiös wären. Doch oft genug sehen sie auch, dass wir ein klares Konzept vertreten und respektieren den Fakt, dass wir genau über unser Tun nachdenken.

James: Wir möchten ehrliche Songs schreiben. Das ist alles, was wir je machen wollten. Unserer Meinung nach muss in einem Song eine Intention stecken, es muss Seele im Song vorhanden sein. An diesen Punkt werden Texte sehr wichtig. Unsere Texte befassen sich stärker mit der dunklen Seite des Lebens. Das ist für uns als Band einfach erfrischender. Im Moment fühle ich mich hier, in diesen dunklen Räumen des Clubs, viel besser aufgehoben als irgendwo in London.

Ally: Über einen schönen sonnigen Tag, den man im Freien verbringt, gibt es auch nicht viel zu schreiben, das ist doch das Problem!

James: Es ist doch so, dass bei Künstlern vorausgesetzt wird, dass sie sich elend fühlen und uns passt das ganz gut.

Euren letzten Berlin Besuch habt ihr als Vorband von OMD bestritten. Was hat diese Tour euch gelehrt?

James: Das wir sehr gut auf großen Bühnen sind! (lacht)

Ally: Was wir mit unserer Performance versuchen zu erreichen, funktioniert umso besser je größer die Bühne ist. Wir haben eine Menge Zeit darin investiert zuvor alles zu prüfen, bevor es irgendwer zu hören bekommt. Es ist also sehr intentional. Wir arbeiten sehr hart an den Visuals und genauso hart an dem Sound. Es fantastisch ein großes Soundsystem nutzen zu können, so dass alles einwandfrei klingt.

James: Viele Bands werden von großen Bühnen eingeschüchtert, aber für uns fühlt es sich so an als wäre unsere Musik und die Gestaltung wie geschaffen für die großen Bühnen dieser Welt. Bei uns ist alles ziemlich theatralisch und die Visuals sind nur ein Teil von dem großen Ganzen. Zum Beispiel ermöglicht uns eine große Bühne exakt die Atmosphäre zu erschaffen, die wir mit unserer Show erzeugen wollen. Das fühlt sich einfach richtig an!

Könnt ihr euch vorstellen ein Livealbum zu realisieren?

James: Eigentlich haben wir schon mal so etwas in der Art gemacht. Es ist nicht wirklich ein Livealbum, aber auf der iTunes-Version unseres Albums kann man sich Songs anhören, die wir live gespielt haben als wir in Hamburg mit OMD waren. Der Gig war gut und wurde zudem noch aufgenommen und so haben wir es als Bonus hinzugefügt. Aber ich weiß nicht, ob wir so ein richtiges Livealbum machen würden. Das Live-Erlebnis muss in Aktion konsumiert werden.

Wie sieht bei euch ein Tag auf Tour aus?

Ally: Größtenteils sitzen wir im Van, machen Soundchecks und gehen dann auf die Bühne. Das sind natürlich nur die Sachen, die ich dir sagen kann.

James: Nein, es ist viel mehr Rock ‘n’ Roll bei uns auf Tour! Tatsächlich zerbrechen wir ständig Fenster in Hotelzimmern! (lacht) Aber nein, unglücklicherweise ist es nicht so. Es ist nur ein Mythos, dass Bands auf Tour eine ungeheuerlich aufregende Zeit haben, aber eigentlich ist es sehr viel harte Arbeit. Insbesondere bei unserer Bühne, da wir alles aufbauen müssen. Wir haben ja keine Crew! Aber so können wir uns wenigstens alles nach unseren Vorstellungen gestalten, damit die Leute wirklich unsere Idee hinter Mirrors verstehen können.

Ally: Wir haben aber auch hin und wieder Zeit ein Buch zu lesen. Ich habe gerade The Rest Is Noise: Listening To The Twentieth Century von Alex Ross gelesen und es dann leider im Kölner Hotel vergessen.

James: Ich lese gerade Down and Out in Paris and London von George Orwell und es ist brillant. Ich wünschte, ich könnte diese Person in dem Buch sein! Das passiert mir immer wieder. Vor einer Weile las ich von William Boyd Any Human Heart. Es geht dabei um seine Reise durch das 20. Jahrhundert und als ich dachte beim Lesen die ganze Zeit: „Gott, ich wünschte ich wäre da gewesen, ich wäre im Spanischen Bürgerkrieg gewesen oder ein Kunsthändler in New York geworden!”.

Schreibt ihr Songs auf Tour?

James: Nicht wirklich, die Zeit auf Tour sollte man eher dafür nutzen den Blick schweifen zu lassen und Inspiration von dem alltäglichen Leben zu nehmen. Zudem ist es ziemlich schwer auf Tour zu schreiben, schon allein weil ich gern Songs am Piano schreibe und das ist meist zu kompliziert zu handhaben.

Ally: Ich denke, dass wir mit vielen Ideen zurückkommen werden. Aber im Moment singen wir höchstens eine Melodie, die uns im Kopf herumschwirrt, auf ein Aufnahmegerät. Das ist leider nicht sehr romantisch. Ich würde ja gern sagen, dass ich dann ein paar Zeilen in meinem Buch niederschreibe, aber so ist es leider nicht.

James: Ja, aber Songtexte können schon auf Tour entstehen. Das können dann auch nur ein paar Gedankenfetzen sein, die ich niederschreibe. Ich schreibe regelmäßig Tagebuch, da ist schon allerhand Müll drin. Aber jetzt nicht so was wie „Heute habe ich geduscht.”. (lacht)

In eurem Tourblog war zu eurem letzten Besuch in Berlin zu lesen, dass ihr ganz angetan von dem Geschichtshintergrund der Stadt ward. Ist das auch eine Inspirationsquelle für Songs?

James: Definitiv. Wir lieben Deutschland und im Speziellen Berlin macht immer Spaß. Nur ist nie genug Zeit zur Stadterkundung vorhanden. Deshalb haben wir auch schon geschaut wie teuer es wäre hier eine Wohnung zu mieten. Es ist auch ziemlich billig, zumindest billiger als in Brighton. Aber James Tate ist der Geschichtsbesessene in der Band. Wir kennen uns schon seit wir elf Jahre alt waren und gingen gemeinsam zur Schule. Er hat mich mit seiner Obsession angesteckt. Ich interessiere mich besonders für die Geschichte des 20. Jahrhunderts und da ist es eine besondere Ehre als Band in solch einer geschichtsbesetzten Stadt zu spielen.

Ally: Morgen werden wir in Dresden sein und keiner von uns war zuvor dort.

James: Wir haben so ein Bild von der Stadt, und nicht unbedingt ein sehr gutes. Aber mal schauen, ob es dem entspricht oder nicht. Ich stelle mir Dresden sehr industriell und grau vor, aber in so eine Richtung wie ich es mag. Im letzten Jahr bespielten wir im November Leipzig und das war eine unserer liebsten Städte. Das Publikum war erschreckend gut.

Ally: Wir liefen dann so in Leipzig herum und das war schon furchteinflößend für uns vier dünne Engländer in diesen Straßen. (lacht) Aber vom Publikum her war es eines der besten Konzerte, das wir je gegeben haben.

James: Die Leute waren auch große Elektro-Fans. Wir sprachen mit einigen Leuten nach dem Konzert und sie erzählten uns, dass ihnen technisch gesehen gar nicht erlaubt war einige von den OMD Alben zu hören als sie veröffentlicht wurden. So wurde es für sie solch eine Kostbarkeit dieser Musik zu lauschen. Das klang für uns so fremdartig, dass uns dies umso mehr faszinierte.

Welches Ziel verfolgt ihr mit euer Band?

James: Das ist eine schwierige Frage. Ich meine, wir haben immer das gemacht, was wir machen wollten. Wir hatten da jetzt keine genauen Ambitionen vor Augen.

Ally: Wir wollten eine bestimmte Berühmtheit erreichen, um die Venues spielen zu dürfen, die uns erlauben all unsere kreativen Ideen, die wir so im Kopf hatten, in die Tat umzusetzen. Das Konzerterlebnis ist somit der wichtigste Ausgangspunkt, wir arbeiten rund um die Uhr an der Liveshow.

James: Die Show muss dir das Publikum abkaufen, sie nehmen dir nicht alles ab. Generell finde ich Musik ist sehr entwertet worden und somit ist nur noch an der Liveshow zu messen wie sehr die eigene Musik gemocht wird. Die Leute, die zum Konzert kommen, sind gewillt die Musik und die Band vollständig verstehen zu lernen. Wir sehen uns als Popband, so vielschichtig dieser Begriff auch ist. All die Popbands, die wir in der Vergangenheit gesehen haben, vermischen sich immer mehr ineinander. Da ist nichts Besonderes. Einprägsame Popsongs zu schreiben, ist die eine Sache. Aber ist das denn noch genug? Ich finde nicht. Unsere Ambition ist wohl, dass wir wenigstens einen kleinen Eindruck hinterlassen wollen, in dem Sinne wie wir unsere Musik überbringen. Wie gut wir das machen oder ob das überhaupt klappt, ist eine andere Frage. (lacht)

Musik machen klingt ein bisschen wie Sport.

James: Ich hoffe nicht, denn ich war nie gut im Sportunterricht! Aber wir sind sehr kompetitiv. Generell sind Bands kompetitiv, denke ich. Und in dem Sinne erinnert es schon an eine Sportart.

Ally: Ja, und man trainiert und trainiert und hofft man ist der Beste. Wenn wir heute also eine gute Performance hinlegen, dann kommen wir danach erst so richtig in Fahrt.

Wie reagiert ihr, wenn das Publikum nicht bei eurem Konzert mitgeht?

James: Wir spucken! (lacht) Nein, wir sind ganz glücklich mit unserem Publikum. Gleichzeitig sind wir sehr selektiv mit unseren Shows. Wir spielen nicht so viele Konzerte in Großbritannien und dadurch läuft es scheinbar ganz gut. Aber generell sind wir glücklich über jede Reaktion.

Ally: Ob positiv oder negativ, die Hauptsache ist doch, dass eine Reaktion vorhanden ist.

James: Wir machen hin und wieder auch kostenlose Shows, insbesondere in Brighton und da hoffen wir natürlich, dass wir neben den vorhandenen Fans auch einige neue dazu gewinnen können.

Ally: Ja, es ist schön öfter in der Heimat zu spielen. Aber in Großbritannien gibt es einfach so viel Musik, jeden Tag der Woche finden viele gute Konzerte in den großen Städten statt. Da ist es natürlich umso schwieriger die Leute davon zu überzeugen genau zu unserem Gig zu kommen. Wenn wir zum Beispiel einen Tag in London, den nächsten in Brighton und dann noch in Manchester spielen, sind das alles sehr besondere Tage für uns. Aber für die Leute, die in den jeweiligen Städten leben, ist es nichts Besonderes, weil sie jeden Tag so überfüttert werden mit Musik. Wenn wir die Leute dann trotzdem irgendwie mit der Show kriegen, so dass sie sich wirklich fallen lassen, ist das großartig! Aber manchmal muss man ein paar Schritte zurückgehen, um nach vorn zu kommen.

Mirrors stehen auch für einen guten Modegeschmack. Gab es auch mal Fehltritte?

James: Naja, ich habe schon einige Fehler gemacht.

Ally: Wirklich? Ich habe noch nie einen gesehen, ich habe lediglich davon gehört!

James: Ach, ich überlege noch. Gerade bei dir Ally, gab es schon so einige kranke Sachen.

Ally: Pah! Du trägst manchmal ziemlich schwule Nadelstreifenanzüge. Keiner trägt so was, außer dir.

James: Da ist die Modesünde! Aber ich habe meine Lehren daraus gezogen. Außerdem trug ich mal so einen grünen Anzug, in dem ich wie ein Busfahrer aussah. Schrecklich!

Ally: Ich hatte mal weiße Socken zu einem schwarzen Anzug an. Dafür würde eine ganze Weile verspottet.

 
2,145 Wörter von Hella, 323 Tage alt