Maeckes

Album  Tilt    Veröffentlichung  21. Oktober 2016
Foto: Hella Wittenberg Foto: Hella Wittenberg

„Alles ist zu gleichen Teilen echt und unecht“

Ist das nur ein Double, eine Synchronstimme, ein Tupac-Hologramm? Wer ist eigentlich dieser deutsche Rapper namens Maeckes? Wir sind der Sache im Interview auf den Grund gegangen.

Wieso hast du dich bei deinem neuen Album für den Titel „Tilt“ entschieden?

Maeckes: Das Album war zuerst da. Dann kam der Name, wobei ich den schon vor Ewigkeiten in ein kleines Büchlein hineingeschrieben habe. Und er passt sehr gut zu dem, was auf dem Album passiert. Da ist ganz oft dieser Zustand, bei dem alles wegzubrechen scheint, man weiß nicht, was zu tun ist und man versucht trotzdem etwas daraus zu machen.

Das klingt sehr persönlich. Bist du auch der Mensch, den ich in den Songs höre?

Alles hat einen echten Kern, alles ist erfunden, alles bin ich. Die Songs sind Tagebucheinträge von mir, die ich in Lieder umgewandelt habe. Aber irgendwie sind sie auch alle von mir am Reißbrett entworfen worden. Manchmal weiß ich selber nicht mehr was genau was ist. Generell würde ich aber sagen, dass schon sehr viel von mir darin steckt.

Ist das auch ein bisschen tagesformabhängig, was man wann wie fühlt?

Einige Songs auf dem Album sind auf jeden Fall stark in meiner Vergangenheit verankert. Zum Beispiel „Der Misserfolg gibt mir Unrecht“ kommt aus einer Zeit, in der ich ein kleines depressives Kind war, das Sachen kompensieren wollte. Ich habe den Abgesang der Welt gefeiert, aber nicht meinen Platz darin gesucht. Es gab nur den Misserfolg und das Gefühl, dass man in dieser Welt nicht funktionieren kann. Aber das ist jetzt anders. Trotzdem wollte ich aus dieser Depression heraus starten.

Das klingt so, als würdest du dein früheres Ich noch mal nachträglich klein machen. Aber bestimmt hatte das damalige Gefühl auch seine Berechtigung.

Stimmt. So ein Gefühl lässt sich auch nicht einfach ausmerzen. Man findet nur einen anderen Umgang damit. Natürlich haben das Unverständnis und die Traurigkeit ihre Berechtigung. Wir leben nun mal in dieser merkwürdigen Welt, wo es keine eindimensionale Emotion gibt. Es ist nur die Frage, wie viel man davon herauslässt und veröffentlicht. Ich kenne von vielen, dass sie manches eher mit sich ausmachen. Darüber hatte ich auch nachgedacht und erst ein paar Songs weggelassen, die dann aber doch wieder dazukamen. So zeige ich noch mal andere Facetten von mir. Und wenn jeder nur so tun würde, als wäre alles perfekt, wäre man auch viel einsamer, wenn man traurig ist.

Naja, oft ist es leichter Trauer zu überspielen und so auch die Distanz zu den eigenen Gefühlen zu wahren. Das merke ich auch auf deinem Album.

Ja genau, man fragt sich, ob das nun echt ist oder nicht. Das sorgt dafür, dass man genauer zuhört. Diese Unsicherheit, was nun ist, lässt einen das Ganze überprüfen und macht damit auch Rückschlüsse für einen selbst möglich. Die Unsicherheit ist ein wichtiger Aspekt in der Musik.

Du wirkst nicht unsicher.

Nur wenn ich Promotage habe. (lacht) Wenn ein Konflikt akut ist, trägt man den ja nicht so nach außen. Man geht nicht damit hausieren. Aber sobald man eine Lösung oder einen Umgang damit gefunden hat, kann man das erzählen und dann kriegt das auch etwas Läppisches, wenn man beispielsweise sagt: „Hey, guck mal da, da bin ich fast gestorben!“ Dann wird es zu einer Anekdote. Zu etwas Lockerem, obwohl es nie etwas Lockeres war. Aber erst wenn es vorbei ist, kann man das irgendwie an die Wand hängen, begutachten, benennen und halt ein Lied drüber machen. Das ist nun mal ein normaler Umgang der Menschen mit Katastrophen.

Trotz der emotionalen Ungeradlinigkeit klingt das Album im Ganzen homogen.

Ich wollte unbedingt ein Album machen, das einen bestimmten Sound hat. Ich wollte Bandbreite zeigen, um so all mein Tun mal zusammenzubekommen. Also probierte ich viel mit Tristan Busch und Äh, Dings aus. Erst war es ein reines Musikalbum, dann haben wir eine Menge programmiert. Irgendwann ging ich ganz rational an die Sache heran, obwohl der Anfang noch so emotional geleitet war. Aber dieser eine Text, der mir aus einem bestimmten Grund zu Beginn etwas bedeutete, der veränderte sich in der Zeit, in der ich mich tagelang mit dem Gitarrenpart befasste. Das ist eine ganz eigene Art der Therapie. Und irgendwann ist das Gefühl aus dem Song nur noch eine Lappalie. Diesen Prozess finde ich wichtig.

Wichtig um etwas abzuschließen?

Um einen gesunden Umgang damit zu haben. Um das Gefühl so von dem Podest herunterzustoßen, den man dafür hatte. Man sieht all seine Freuden und Ängste immer irgendwo oben, auf einer Art Erhöhung. Davon muss das Gefühl aber runter, um so zum Alltag zu werden.

Gut durchdacht. Du bist bestimmt ein sehr guter Kumpel, der immer allen hilft.

Also nee, ich habe keine Freunde. (lacht) Aber ehrlich, ich drifte oft in meine Ideenwelten ab und höre nicht richtig zu. Ich überlege ständig, ob das, was ich gerade flüchtig gehört oder gesehen habe, eine gute Songzeile oder etwas für ein Musikvideo wäre. Das passiert immer simultan neben dem Mit-der-Realität-Klarkommen. Irgendwie multitasken wir doch die ganze Zeit mit der Welt.

Findest du das gut?

Bei anderen mag ich es eigentlich lieber, wenn die nur eine Sache verfolgen und darin richtig gut sind. Wenn sie sich immer weiter hineinbohren und dann Professoren oder Weltmeister in der einen Sache sind. Nimm halt einen Gewichtheber. Der opfert sich total auf, nur für das eine. Da steckt so viel drin. Der braucht kein Multitasking. Das fasziniert mich. Aber ich bin ganz anders. Ich will ständig viele Sachen.

Damit passt du gut in unsere Zeit, in der immer mehr Alleskönner gefragt sind.

Aber das trägt auch so was Lächerliches in sich. Münze das mal auf was Privates um, zum Beispiel auf die Anforderungen an einen Partner. Der muss auf eigenen Beinen stehen, natürlich bildhübsch und schlau sein, Interessen teilen und eigene haben, muss ein Pornostar sein, aber auch eine Dame, muss die Freunde mögen und auch tolle Freunde haben. Das ist so ein Riesenkatalog an Anforderungen. Das ist doch nicht sinnvoll. Wenn man immer alles vom Leben erwartet, ist das kein guter Ausgangspunkt, um glücklich zu sein. Das ist Quatsch. Aber gerade im Moment verspricht einem die Welt, dass alles immer geht und alles ist perfekt. Von allen kann man sich die idealen Momente anschauen, weil alle kuratieren, was sie nach außen lassen. Wenn man also möchte, kann man alles machen, man kann die perfekte Version seiner selbst sein. Ich finde, das ist kein gutes Klima, um etwas zu suchen, was bleibt.

 

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Rubrik  Interview    Autor      Datum  31. Oktober 2016    Worte  1,054
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