Mad Max: Fury Road

Veröffentlichung  14. Mai 2015    Regie  George Miller    Darsteller  Tom Hardy  Charlize Theron    Gastbeitrag  DER[filmtipp]
Foto: Jasin Boland / Warner Bros. Pictures Germany
 IMDb-Wertung
Foto: Jasin Boland / Warner Bros. Pictures Germany

Brachiale Filmkunst ohne Atempause

Mad Max: Fury Road ist ein abartiges Monster an Action und Crazyness! 1979 gelang George Miller mit Mad Max ein Überraschungshit, der Mel Gibson berühmt machte. 1981 präsentierte er das vielleicht beste Sequel der Filmgeschichte. Wer hätte gedacht, dass der heute 70-jährige Regisseur von Schweinchen Babe und Happy Feet 36 Jahre nach dem Erstling so ein Comeback abbrennt?

Worum geht es überhaupt? Immortan Joe (Hugh Keays-Byrne, Mad Max) herrscht über ein Volk von Verwahrlosten. In seiner Zitadelle werden Frauen gemolken und als Gebärsklavinnen gehalten. Für Metall, Benzin und Waffen schenkt er seinen Untertanen kleine Mengen an Wasser und wird dafür verehrt wie ein Prophet. Jahre nach Mad Max 3 – Jenseits der Donnerkuppel ist Max Rockatansky (Tom Hardy, Warrior) dort in Gefangenschaft geraten. Zeitgleich verrät Imperator Furiosa (Charlize Theron, Monster) ihren Führer. Sie flieht mit einem tonnenschweren Tanker und Joes wertvollstem Besitz – fünf Frauen, seinen “Brütern”. Er nimmt die Verfolgung auf und hetzt eine Armee von “War Boys” auf die Fliehenden. Einer dieser “War Boys” ist der kranke Nux (Nicholas Hoult, Warm Bodies). Er spannt Max als lebenden Blutbeutel vor seinen Wagen, um an der Jagd teilnehmen zu können.

“Oh What A Day, What A Lovely Day!”

Dieser Film ist wie ein Atombomben-Wecker am Sonntagmorgen. Von der ersten Sequenz an fliegen uns Metall und Mensch um die Ohren. Es rauscht, es ballert, es ist heiß und dreckig. An jeder Ecke lauert der Wahnsinn. George Miller setzt die Messlatte hoch und liefert mit nur einer einzigen Jagdstory den besten Amoklauf an Chaos und Kuriositäten seit… ja seit wann eigentlich? Einer gefühlten Ewigkeit! Ihr habt Angst, dass der Trailer zu viel zeigt? Er ist nichts weiter, als ein Best of der ersten 20 Minuten. So gut wie keine Aufnahmen von “danach”. Danke! Danke! Danke!

Was für eine durchgeknallte Optik, was für spektakuläre Stunts und Choreografien. Kein Effekt-Schnick-Schnack. Echte Menschen und echte Gegenstände fliegen durch echte Luft und schlagen auf echten Böden auf. Ohne Vin Diesel-Gepose, ohne Avengers-Hochglanz. Alles ist rau, grob und unkontrolliert. Statt mit vielen Dialogen spricht Miller über Bilder und Sound. Ein wahrer Rausch für die Sinne und zwar ohne Pause in fast zwei Stunden. Dazu eine Rock-Opera und eine missgeburtige Sadomaso-Folter-Ausstattung, die zusammen wie die Faust aufs Auge schlagen.

Ist das noch Mad Max? Und wie! Miller bleibt der Weltparanoia von damals treu, fügt ein minimales Wasser-Update hinzu. Wir bekommen den typischen Zoom auf V8-Interceptor-Teile, eine kleine Spieluhrreferenz, schnelle Schnitte, große Augen, Wüsten-Punks und jede Menge Car-Porn. Noch dazu spielt Hugh Keays-Byrne (bekannt als Toecutter aus dem ersten Mad Max-Film) Immortan Joe und auch die Namen sind nach wie vor völlig bescheuert. Ich würde mein Kind jedenfalls nicht Rictus Erectus, Organic Mechanic oder People Eater nennen.

“Alle sind verrückt geworden”

Während der ganzen Raserei wird dem Auge jede Menge Spaß und abgedrehter Unsinn geliefert. Mein Highlight ist dabei ganz klar der Doof Warrior, der die ganze Verfolgungsjagd lässig und cool mit E-Gitarre begleitet. Hier werden dicke Frauen gemolken, Lenkräder angebetet und degenerierte Echsen gefressen. Urplötzlich zwischen all der Sonne, dem Staub und den Explosionen taucht der Zuschauer in ein tiefes Blau. Schlamm. Nebel und Dunkelheit. Krüppel, die auf Stelzen wandern und die Geräusche der Krähen wiedergeben, die um sie herum geistern. Und Peng! Zurück in die Wüste. Woooha!

Fast and Furiosa

Nicholas Hoult und Charlize Theron sind ein Biest an Endzeitdarbietung! Hoult spielt den völlig durchgeknallten Nux, dessen Lebensziel der Gang nach Walhalla durch Selbstopferung ist, grandios! Theron als Furiosa ist der heimliche Höhepunkt, weil ihre Figur viel mehr im Mittelpunkt steht, als Max. Man merkt der Dame die Spielfreude an und dass sie den Miller-Stil verstanden hat. Sogar in den vermeintlich ruhigen Momenten zieht sie die Aufmerksamkeit auf sich.

Und Max himself? Stellt euch vor Mama mixt gerade den Teig für ein Euren Lieblingskuchen und ihr werft Euer Lieblingsschokostückchen rein, damit’s auch richtig geil schmeckt. Mad Max wird erst mal wieder eingeführt in die Geschichte, in der eigentlich Furiosa der Main Act und selbst nur Beiwerk ist. Er gerät zufällig in dieses Chaos. Und doch setzt er entscheidende Akzente.

Hardy spielt nicht den Max a lá Gibson. Seine unzähligen Alleingänge und seine Erfahrungen haben ihn noch wortkarger gemacht, verwirrt, auf Überlebensinstinkt reduziert. Nur muss dafür keine 20 Minuten Schmalzszene herhalten. Anfangs erinnert seine Maske an Bane aus The Dark Knight Rises, vielleicht sogar gewollt. Kein Oscarpreiswerk, aber dieses Zucken, dieses Grunzen und Murren und dann diese Blicke und Einzeiler, das ist schon richtig cooler Stoff.

Wenn man Ahnung hat, einfach mal die Fr… halten

George Miller ist das rostige Messer, das Blockbuster von nervigen Zwangsdialogen kappt. Es wird gesagt, was gesagt werden muss. Mehr nicht. “Was ist mit denen da?” – “Die suchen nach Hoffnung.” Punkt. Das ist kein Stumpfsinn, sondern pure Absicht! Zu wenig Text? Mel Gibson hatte gefühlt 15 Zeilen Text in Mad Max 2 – Der Vollstrecker. Ultron braucht ca. dreimal so viele Wörter, um seinen ach so genialen Evil-Plan auch dem letzten Doofkopp einzuzimmern. Fury Road wird dagegen passend rasiert wie der Schädel von Furiosa. Richtig so!

Ähnlich ist es mit der Vermeidung von gähnender Weiterentwicklung. Hulk verknallt sich hier nicht in Black Widow, es wird auch nicht plötzlich in Tokyo gedriftet oder ein Panzerlehrling zum Killer deutscher Truppen. Hier wird ein Plan in die Tat umgesetzt, mit allen Konsequenzen. Es wird gejagt, aufs Gas getreten und um Leben gekämpft. Innerhalb eines Tages entwickelt sich niemand “weiter”, das ist nun mal so. Und wer nicht ganz ohne Seelen-Twist leben kann, dem hat Nux noch etwas zu bieten.

Pausenloser Atemraub mit vollem Tritt auf’s Gaspedal. Mad Max: Fury Road ist nicht nur der sehenswerteste Blockbuster seit langem. Auch Star Wars, Jurassic World, James Bond und Co. werden sich in Sachen Action und Detailliebe an ihm messen lassen müssen. Für mich ein preisverdächtiges Meisterwerk auf technischer Ebene, ohne Testosteronüberschuss oder Handlungsnetzoverkill. Einfach nur mörderisch gute Unterhaltung!

Die Review von Michael Scharsig erschien zuerst auf DER[filmtipp].

 

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Rubrik  Kino    Autor      Datum  22. Mai 2015    Worte  967
Permalink  http://www.farbensportlich.de/mad-max-fury-road/    Farbe  #ce6131
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