Lower Dens

Album  Escape From Evil    Veröffentlichung  27. März 2015
Foto: Hella Wittenberg Foto: Hella Wittenberg

Hört man sich Escape From Evil an, glaubt man sich im tiefsten Nebelwald verirrt zu haben. Ein jedes Stück von Lower Dens klingt wie ein bitterdüsterer Traum. Ein Song wie „Ondine“ malt schnell Bilder im Kopf, und doch bleibt von allem nur der verschwommene Umriss übrig, wenn man am Ende der 3:07 Minuten schweißgebadet aufwacht. Aber so sehr die Band aus Baltimore auch auf Albumlänge dem Blurry-Pop verfallen ist, so deutlich weiß Sängerin und Texterin Jana Hunter sich im Interview auszudrücken. Sie ist eine Frau mit klarer Haltung – kompromisslos und mit dem beständigen Wunsch nach Simplizität.

Ist es einfach für dich voll und ganz in der Gegenwart zu leben?

Jana Hunter: Ich weiß nicht ob es einfach ist, aber es ist notwendig. Das Leben auf Tour geht an die Substanz. Ständig passieren komische Dinge, man muss auch mal ohne Schlaf auskommen und oft schafft man es nicht gut zu essen. Selbst wenn das Equipment Probleme macht und die Leute immer wieder krank werden, muss man weitermachen können. Für mich ist es auch notwendig jede Nacht aufzutreten, denn das macht es leichter mit allem anderen fertig zu werden. Außerdem sehe ich keinen Nutzen darin ständig auf die Vergangenheit zu schauen – was da mal passiert ist, hat keine Relevanz für das Jetzt. Es gibt auch keinen Sinn nostalgisch Momente aus der Vergangenheit hervorzuheben und alles andere zu ignorieren, weil das heißt, dass man die Bedeutung, die Tiefe und die Substanz des Vergangenen vernachlässigt. Ich gucke nicht zurück, sondern konzentriere mich dann doch lieber auf das, was als nächstes geschieht.

Das klingt wirklich sehr fokussiert.

Ich weiß welcher Schritt der nächste sein wird und was es dafür braucht, weil ich erst kürzlich so viele Schritte gegangen bin. Das lässt mich sicherer auftreten, ist aber nichts im Vergleich zu früher als ich noch ziemlich eingebildet und überzeugt von mir war. Mittlerweile habe ich in vielen Bands gespielt und kann nun besser einschätzen wie man auf einem effizienteren Level arbeitet.

Wirst du dich in einem Jahr auf irgendeine Art noch an diese Tour zurückerinnern?

Nicht wirklich, ich habe kein gutes Erinnerungsvermögen. Dass ist etwas, was ich nicht unbedingt an mir leiden kann. Es kommt vor, dass ich lange Gespräche mit jemandem führe, dem diese Unterhaltung wichtig ist und dann vergesse ich sie wieder. Ein Umstand, der mich manchmal traurig macht. Die andere Person weiß noch alles von dem Gespräch und will vielleicht daran anknüpfen und ich habe keine Ahnung, wer mein Gegenüber überhaupt ist. Für mich hat das nichts zu bedeuten, aber für sie schon.

Für viele Menschen ist so eine Erinnerung etwas besonders Wertvolles, was es gilt vor dem Vergessen zu bewahren.

Bei mir ist das nicht so. Ich hatte eine recht schwere Zeit als ich langsam erwachsen wurde, aber ich möchte nicht daran festhalten. Es soll nicht als Ausrede herhalten, um im Selbstmitleid zu versinken oder irgendetwas von anderen Menschen zu erwarten. In meiner Familie sind alle sehr zielorientiert – eine Sache sollte auch einen bestimmten Zweck erfüllen. Wenn es das nicht tut, kann es vorkommen, dass ich mich nutzlos fühle. Und so geht es mir auch, wenn ich zu lange in der Vergangenheit verweile, denn das dient ja auch keinem richtigen Zweck.

Aber kannst du dich daran erinnern wie und wann du deinen ersten Song geschrieben hast?

Das weiß ich noch so ungefähr. Aber das waren andere Zeiten, weil ich damals noch Violine spielte. Ich muss um die 14 Jahre gewesen sein als ich mein erstes Lied mit einer niedlichen Melodie schrieb und deshalb ganz aufgeregt war.

Bist du ein Fan von Kollaborationen?

Absolut. Ich denke sehr viel interessantere Dinge geschehen durch Kollaborationen. Ich finde es immer spannend, was andere mit meinen Sachen machen. Es passiert schnell, dass ich regelrecht krank von dem Klang meiner Stimme oder sogar manchmal von meinen Ideen werde. An der Stelle ist es aufregend, wenn das alles durch andere gefiltert wird. Escape From Evil stellt auch eine Konversation zwischen meinen Bandkollegen und mir dar. Einen einzig langen Monolog hätte ich für belanglos gehalten.

Kannst du mir mehr zum Cover von Escape From Evil erzählen?

Ich habe der Künstlerin während des Prozesses der Album-Realisierung so viel wie möglich darüber erzählt. Doch noch bevor der Titel feststand, hatte sie angefangen kreativ zu werden. Das war auch gar nicht schlimm, denn für mich war ein Grund, weshalb ich mit ihr arbeiten wollte, dass ich einen Zusammenhang zu ihrer Arbeit und unserer Musik sehe. Sie macht Dinge, die an der Oberfläche sehr simpel wirken, obwohl eine Menge Zeit und Entwicklung darin stecken. Alles auf dem Albumcover ist handgemacht. Sie hat ein jedes der Dinge zurechtgeschnitten, geschärft, angemalt und anschließend fotografiert. Es entstand etwas, das einfach und ursprünglich aussieht. Und so denke ich, machen wir auch unsere Alben. Also auch wenn sie nicht wusste, wie der Titel lauten und was am Schluss herauskommen würde, so war mir doch klar, dass es zwischen uns diese Verbindung gibt. Und die Idee der Flucht, die sich in dem Albumtitel wiederspiegelt, ist für mich eine Rückkehr zur Wertschätzung des Simplen im Leben.