Laurence Anyways

Veröffentlichung  23. Januar 2014    Regie  Xavier Dolan    Darsteller  Melvil Poupaud  Suzanne Clément
Foto: MK2 Diffusion
 IMDb-Wertung
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Wunderkind, Genie, Alleskönner.

Auch bei der Veröffentlichung des dritten Werkes des 24-jährigen Kanadiers Xavier Dolan will das Lob nicht abebben. Kein Wunder, denn auch Laurence Anyways bietet 157 Minuten, in denen man durch sein außergewöhnliches Gespür für den richtigen Moment beschämt lachen, still träumen und angestrengt mitfiebern kann. Dolan hat erneut ein komplexes Epos aus dem Arm geschüttelt, das angefüllt ist mit dramatischen Metaphern und tanzbarer Musik (wie zum Beispiel Moderat, Fever Ray, Jean Leloup und Duran Duran) und zudem als eine Ode an die Schönheit der Individualität verstanden werden kann.

Alles beginnt in den letzten Zügen der achtziger Jahre. Seid 30 Jahren hat sich Laurence Alia (Melvil Poupaud, Die Zeit, die bleibt) versteckt und falsch gefühlt. Nun will er endlich den großen Schritt wagen. Er teilt schließlich seiner Freundin, der unangepassten Regisseurin Fred (Suzanne Clément, I Killed My Mother), mit, dass er sich von nun an – ob auf der Arbeit als Lehrer oder im Privaten – wie eine Frau kleiden möchte und auch bald eine Geschlechtsumwandlung folgen lassen will. Dies ändert zwar nichts an der Liebe zu Fred, aber doch alles an ihrer Beziehung. Auch wenn sich Fred nach dem ersten Schock dazu entschließt, weiterhin mit Laurence zusammen zu bleiben, so ist die Zweisamkeit von nun an weniger unbeschwert. Immer wieder müssen sich die Zwei ihrer Umgebung erklären, müssen ihre Liebe und den Partner in Schutz nehmen. Dass dies nicht ohne Entmutigungserscheinungen und Zweifel in jeglicher Hinsicht von statten geht, wird ihnen mit der Zeit immer bewusster.

Xavier Dolan verlangt dem Zuschauer mit dem Drama viel ab. In einer wahnwitzigen Länge von zweieinhalb Stunden gibt es Überfrachtung über Überfrachtung. Der Film ist voll mit verschiedensten Problemsträngen, humorvollen wie ergreifenden Dialogen und unausgesprochenen Subtexten. Ob es nun um die psychische wie physische Veränderung vom Mann zur Frau geht, wer Laurence wann zur Seite steht, wie Fred ihr Leben sieht und wie es wirklich ist, wie sich Einstellungen und Blickwinkel über die Jahre hinweg verändern oder auch woraus ein jeder sein Selbstbewusstsein schöpfen kann. Um all das dreht sich Laurence Anyways, ohne je die Möglichkeit des Gesamtüberblicks oder das Ausbleichen der vertrackten Hauptcharaktere einbüßen zu müssen. Mit viel Feingefühl und unprätentiösem Ideenreichtum wird die Geschichte von Laurence Alia erzählt, die zudem von wahren Begebenheiten inspiriert wurde. Es regnet die buntesten Kleidungsstücke, ein Wasserfall ergießt sich über die mondäne Einrichtung von Freds Wohnung sowie über sie selbst und Zeitlupen wie auch ausgedehnte Nahaufnahmen ergreifen die Chance den Zuschauer mit den Figuren zu betören. Auch wenn Xavier Dolan sich dieses Mal selbst nicht als Hauptdarsteller auserwählt hat und sich „nur“ Regie und Drehbuch gewidmet hat – so wohnt sein ganz eigenwilliger, (auch nach zwei vorherigen, stilistisch ähnlichen Filmen) origineller Charme allem hundertprozentig inne. Ein echter Hingucker.