Laura Tonke

   Film  Mängelexemplar    Veröffentlichung  12. Mai 2016    Regie  Laura Lackmann
Foto: Hella Wittenberg
 IMDb-Wertung
Foto: Hella Wittenberg

Eine Komödie muss auch ernstgenommen werden

Seit zwei Jahrzehnten beglückt Laura Tonke schon die Film- und Theaterwelt mit ihrem Talent. Sie ist eine, die irgendwie immer authentischer ist als der Rest. Und sie ist vor allem eine Schauspielerin, bei der das Wort „authentisch“ auch noch richtig Sinn ergibt. In Hedi Schneider steckt fest hat die Berlinerin im vergangenen Jahr eine Frau gespielt, die mit einem Mal von Panikattacken und Angstzuständen heimgesucht wird. Sie gibt die Befindlichkeiten ihrer Figur mit extrem viel Wärme, Nähe und auch Witz wieder. Kein Wunder also, dass ihr das eine Nominierung beim Deutschen Filmpreis einbrachte. Eine weitere gab es für ihr Mitwirken in Mängelexemplar. Da ist sie die Harte, die Extreme. Und trotz den so gegensätzlichen Rollen kann man wieder sagen: Diese Laura Tonke ist verdammt glaubwürdig, in dem, was sie da tut! Chapeau.

Für den Deutschen Filmpreis bist du gleich zwei Mal nominiert. Einmal als beste Hauptdarstellerin in Hedi Schneider steckt fest und dann gehst du noch mit Mängelexemplar als beste Nebendarstellerin ins Rennen. Planst du so gut es geht im Vorhinein die Preisverleihung für dich durch oder gehst du mit einer gewissen Entspanntheit hin?

Laura Tonke: Wenn ich nicht nominiert wäre, würde ich wohl sagen: „Ach, da brauche ich doch nicht hingehen!“ Aber da ich es nun bin, ist es natürlich das Schönste dabei sein zu dürfen. Dafür lerne ich dann gerne meine Rede auswendig. Mir ist es auch wichtig ein gutes Kleid anzuhaben. Eben die ganze Hollywood-Nummer. Aber ich muss sagen, dass ich auch im vergangenen Jahr beim Deutschen Filmpreis eine tolle Zeit hatte, obwohl ich nicht nominiert war. Ich habe mich über alle Preisträger gefreut und fühlte mich gar nicht mehr so fehl am Platz, wie das manchmal noch mit Mitte Zwanzig der Fall war. Aber da kannte ich auch noch nicht so viele Leute. Jetzt mit 42 ist das anders. Dennoch denke ich, sollte man nicht den Moment unterschätzen, wenn man dann wirklich die Bühne betreten soll und einen das ganze Publikum anschaut und applaudiert.

Angstzustände, Panikattacken, Depressionen: Das sind die Themen der nominierten Filme, in denen du mitspielst. Zunächst klingt das wie die Aneinanderreihung von Frauenfilm-Klischees gegen die du dich auch schon in der Vergangenheit zur Wehr gesetzt hast.

Also die Hedi zu spielen, war für mich toll. Die Rolle und auch der Ansatz des Films gefielen mir. Es geht darum von Angststörungen und Panikattacken anders zu erzählen. Mit Humor. Da darf die Hauptrolle auch mal einen Kirschpulli tragen, obwohl es ihr nicht so gut geht. Mängelexemplar funktioniert ähnlich, wobei ich den Film vor allem als punkig-rotziges Berlin-Portrait verstehe. Jedenfalls sehe ich da keine Klischees, sondern nur richtige und total unterstützenswerte Inhalte. Mich stören vielmehr die Filme, in denen Frauen die Verhinderer sind und Sätze wie „Verlass mich nicht!“, „Bitte bleib zu Hause!“, „Du darfst nicht gehen!“ sagen oder sich darüber aufregen, dass die Wohnung nicht aufgeräumt ist. Frauen sind in diesen Filmen die Antagonisten, die nur im Weg stehen. Ich finde, das ist eine undankbare Rolle, die keinen Spaß macht und außerdem auch selten eine Herausforderung ist. Der Mann darf eine Entwicklung durchmachen und der Retter sein, während die Frau einfach nur der Unsympath ist. Wenn ich es mir aussuchen könnte, würde man von dieser Art Film wegkommen. Hedi ist da genau richtig. Und Anna aus Mängelexemplar auch. Bei Anna fand ich ihre Schroffheit, Abgeklärtheit und Härte so interessant. Wobei ich überrascht war, dass sie im Film letztlich gar nicht so extrem wirkt, wie ich dachte sie gespielt zu haben. Aber über so etwas hat man manchmal keine Kontrolle.

Passiert es öfter, das sich dein Eindruck einer Rolle oder eines ganzen Films vom Beginn bis zum Ende ändert?

Ja, ich glaube, das geht allen so. Selbst der Regie. Ein Film entwickelt sich nun mal. Aber Hedi Schneider steckt fest habe ich mir genau so gut vorgestellt wie er am Ende geworden ist. Bei Mängelexemplar sind jedoch nicht alle Ideen, die am Anfang da waren, umgesetzt worden. Zum Beispiel sollte Karos Kopf in einer Szene im Baumarkt wie in einem Film von Michel Gondry ganz groß werden. Ein schöner Gedanke, der aber zu weit von der Figur weggeführt hätte. Dafür gibt es einen tollen Moment, in dem sich Karo gerade endgültig von ihrem Freund getrennt hat und sich auf ihrem weißen Pulli plötzlich ein schwarzer Fleck bildet, der immer größer wird.

Einer deiner besten Szenen in Mängelexemplar ist die, in der du deiner Freundin erklärst, dass du nicht in einer Gesellschaft leben möchtest, in der man nicht weiß, ob jemand einen Bart ernst oder ironisch trägt.

Als ich das Drehbuch von Laura Lackmann gelesen habe, fand ich den Satz auch gut. Aber beim Dreh wusste ich dann nicht wie ich ihn richtig sagen soll. Für mich ist das eine Punchline und die bin ich nicht gewohnt. Bisher musste ich nicht so reden. Da ging es eher darum, dass es emotional und inhaltlich stimmt. Mir ist auch der Satz „Das sind die Rollkoffer-Spastis auf dem Weg nach Hause.“ schwer gefallen. Nach dem Dreh der Szene meinte Laura zu mir, dass ich es nicht so hinbekommen habe wie sie es sich vorgestellt hat, aber dass es trotzdem funktionieren würde. (lacht) Es war echt nicht leicht. Anscheinend bin ich für so eine Komödie noch nicht genug trainiert. Aber man muss das ernst meinen, was man da sagt, weil es sich sonst falsch anhört.

So entsteht ja auch ein Identifikationspotential.

Es kam zumindest auf beide Filme viel positives Feedback. Aber dann eher in die Richtung „Ich kenne das!“ oder auch „Meine Mutter hat das. Jetzt habe ich endlich verstanden, was da los ist.“

Welchen Film von dir würdest du in einer Zeitkapsel für die Nachwelt aufheben wollen?

Da würde ich mich immer noch für meinen ersten Film Ostkreuz entscheiden. Daran gibt es einfach nichts zu rütteln. Ich wollte ja schon Schauspielerin werden, bevor ich die Rolle in Ostkreuz bekommen habe. Nur dachte ich da noch, ich könnte nie meinen Traumberuf ausüben, weil ich zu schüchtern bin. Außerdem war ich auch noch ziemlich jung zu der Zeit. Aber als ich in dem Film mitspielen durfte, war es das Größte. Und auch wenn ich mir jetzt anschaue, finde ich ihn noch gut. Er ist mittlerweile Kunst für mich. Und eben auch Zeitgeschichte.

 

 

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Rubrik  Interview    Autor      Datum  21. Mai 2016    Worte  1,026
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