Laura Marling, Postbahnhof

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In Biopics über Berühmtheiten aus der schillernden Musikwelt wird nur zu gern mit der Kind- bzw. Jugendzeit der Legende begonnen, um atmosphärisch auf Großes einzustimmen. Des Öfteren sieht man dann verträumt die Jungspunde die Schulbank drücken, den Lehrer mit Ignoranz strafend und über die zukünftige Karriere, Künstlernamen wie auch effektvolle Auftritte nachsinnen. Doch die meisten Menschen wachen spätestens nach der prägenden Schulzeit aus diesem Traum auf und werden Maurer oder Zahnarzt. Film bleibt Film, ein Tagtraum gilt als Schwärmerei aus dem Kopf des Erwachsen-Gewordenen gebannt. Nur die wenigsten haben das Durchhaltevermögen und die gewisse Exzentrik, um das Rocker-Ding wirklich durchzuziehen. Oder hängen letztlich mit den falschen Leuten und dem falschen Bandnamen in den übelsten Kaschemmen ab.

So oder so ähnlich muss es wohl der 21-jährigen Laura Marling ergangen sein als sie beschloss bei Noah And The Whale auszusteigen. Warum Noah? Und was hat sie mit einem Wal zu tun? Eben. So trennte sie sich 2008 musikalisch wie auch privat von der Londoner Band rund um Sänger und Gitarrist Charlie Fink, um die (Folk-)Welt von nun an als Laura Marling zu bezirzen. Ganz ohne Schnickschnack kommt die etwas schüchterne Blondine aus. Marling musste nicht nächte- und tagelang einen schnittigen Künstlernamen erträumen, denn sie weiß was sie will. Nach der langen Zeit voller Kompromisse möchte sie ihre Musik, mit ihrem ganz persönlichen Stempel darauf vertreten. Das ist Laura Marling. So auch auf der Bühne des Berliner Postbahnhofs am 15. November. Zwar wird sie bei einigen Songs, wie dem Opener „I Was Just A Card“ von einer 5-köpfigen Band begleitet, aber immer öfter stellt sie sich auch allein dem ausverkauften Haus entgegen. Dabei fragt sie die Besucher fast flüsternd nach ihren Songwünschen. Die Menschen wollen rocken. Aber sind sie dafür an dem richtigen Ort, zur richtigen Zeit? Wenn schnellere Töne an die Ohren dringen, dann doch eher solche nur leicht angehaucht beschwingten Stücke wie „The Muse“ oder „All My Rage“ von ihrem in diesem Jahr veröffentlichten dritten Tonträger A Creature I Don’t Know. Zudem strotzt die junge Engländerin nicht gerade vor spritzigen Geschichten. Unterhalten möchte sie wohl trotzdem ein wenig und so lässt sie die Band beispielsweise erzählen, was sie mit der Hauptstadt verbinden. Bei Erzählungen über Geburtstage, die Liars, Irrungen wie auch Wirrungen will so langsam ein kleiner Funke überschwappen. Marling benötigt also doch keine große Lightshow um sich, um das Publikum in ihre kleine Welt mit zu nehmen. Vielmehr scheint sie nach ihren Entdeckungsreisen auf den Alben Alas I Cannot Swim (2008) und I Speak Because I Can (2010) sichtlich erwachsen geworden zu sein und dazu noch recht routiniert. Auch wenn ihre Ansagen leise daherkommen, lässt sich eine klare Bestimmtheit heraushören. Ein um’s andere Mal verspielt sie sich gar, was sie mit einem sympathischen Lachen wegwischt, um umso solider Songs wie „Goodbye England (Covered In Snow)“, „Rambling Man“ und die B-Seite „Flicker And Fail“, bei welchem ihr Vater die Melodie beigesteuert hat, zu performen.

Mit ihrem gekonnten Rundumschlag bietet sie jeder einzelnen Person des Saals die Möglichkeit beseelt den Nachhauseweg anzutreten. Und sie hat sich jedes Lob redlich verdient. Laura Marling ist keine Träumerin, sondern eine große Künstlerin, die mit Auszeichnungen wie dem BRIT-Award als „Beste Britische Solokünstlerin“ im Jahr 2011 und dem NME-Award als „Best Solo Artist“ im gleichen Jahr bereits alles erreicht hat, was sie sich vielleicht noch in so manchen Schulpausen kaum zu erträumen wagte.

23. März 2012