Lars Eidinger

   Film  Der Prediger    Veröffentlichung  05. Februar 2014 um 20:15h im Ersten    Regie  Thomas Berger
Foto: Hella Wittenberg Foto: Hella Wittenberg

Wir sitzen bei Schneesturm im Berliner Café Sauers. Gegenüber das Babylon, in dem in wenigen Stunden die Premiere von dem Fernsehfilm Der Prediger stattfinden wird. Ein Werk, welches sich mit Gott, Schuld und der Suche nach der Wahrheit beschäftigt. In den Hauptrollen: Devid Striesow (Fraktus) und Lars Eidinger (Hell). Zweiterer, gerade erst 38 Jahre geworden, sitzt mit einem Kaffee und einem Glas Wasser vor mir, bereit über sich, den Film und Geschenke zu reden.

Gestern hast du deinen Geburtstag gefeiert. Wie wichtig sind dir Geschenke?

Lars Eidinger: Ich bekomme gern Geschenke. Aber meine Frau schenkt mir nichts zu Geburtstagen, was mich total traurig macht. Sie findet das unwichtig. Ich dagegen will immer unbedingt ein Geschenk haben und es bereitet mir auch genauso viel Spaß selbst zu schenken.

Wie alt bist du geworden?

Ich bin 38 geworden. Also fast schon 40! Das ist schrecklich. 50 finde ich schon wieder OK, aber 40! Neulich habe ich mir eine 15 Jahre alte Dokumentation über die Schaubühne angesehen, bei der ich mich spielen sehen konnte. Ich war so ein Baby! Das hatte nichts mit dem zu tun wie ich mich jetzt empfinde.

Wie gut kannst du mit Autorität umgehen?

Ich bin kein Mensch der per se ein Problem mit Autorität hat. Aber ich mische mich gern ein, weil ich mich sonst schwer damit tue etwas zu machen, das ich nicht verstehe. Es gibt auch Schauspieler, die spielen aus einem diffusen Unverständnis heraus und es funktioniert. Nur wenn sie gefragt werden, was sie von ihrer Rolle denken, können sie nichts dazu sagen.

Wie autoritär bist du als Vater?

Als Familienvater bin ich definitiv nicht autoritär. Meine Frau übernimmt die Strenge und ich bin der Papa, der alles erlaubt.

In Der Prediger spielst du den verurteilten Mörder Jan-Josef Geissler, der plötzlich zu Gott gefunden hat und nun Theologie studieren will. Was hat dich an der Rolle so angezogen?

Die Dialogszenen haben mich gereizt. So ein textlastiges Drehbuch habe ich noch nie gehabt. Mich interessierte auch das Thema, mit dem ich mich sonst nicht in dem Umfang auseinandergesetzt hätte. Denn auch wenn ich aus der Kirche ausgetreten bin, fand ich es interessant mir die Bibel zu nehmen und zu schauen, was da wirklich steht. Das würde ich aus mir heraus nie machen. Es fällt mir schwer ein Buch in die Hand nehmen und los zu lesen. Ich brauche einen Anreiz.

Im Fokus von Der Prediger steht Devid Striesow, der als Referent des Bischofs ermitteln muss wie ernst es deiner Figur mit der Religiosität wirklich ist und gerät dabei selbst in eine Glaubenskrise. Wieso denkst du, ist es für den Zuschauer und auch für dich so wichtig sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen? Was müsste man in diesem Zusammenhang mehr betrachten?

Was allgemeinhin als Glaube und Religiosität verstanden wird, hat nichts mehr mit dem zu tun, was eigentlich mal gemeint war. Die meisten Menschen beten doch für zutiefst eigennützige Sachen wie eine Gehaltserhöhung und nicht für Gerechtigkeit oder Weltfrieden. Außerdem zieht die Kirche ihren größten Reiz daraus, das sie den Menschen Angst macht. Auch mir macht sie Angst. Dieses überdimensional große Schiff und überall sind blutrünstige Bilder zu sehen. Die Kirche strahlt für mich einfach die schreiende Ungerechtigkeit aus. Wenn ich in so einem goldverzierten Raum stehe und vor der Tür sitzen die Bettler.

Im Film heißt es, der Glaube zu Gott bedeutet sich selbst zu finden.

Im Religionsunterricht fand ich immer am spannendsten, das Gott den Menschen nach seinem Ebenbild erschaffen hätte. Da kann ich mehr mit anfangen, als mit der Vorstellung, dass Gott im Himmel wohnt oder mich zu fragen, warum er nichts tut gegen all das Elend und die Ungerechtigkeit auf der Erde. Denn das ist nicht Glaube. Gott muss nichts machen. Er könnte uns auch alle töten und müsste sich dafür nicht erklären. Es würde genügend Gründe dafür geben, warum wir es verdient hätten, einfach so weggefegt zu werden.

Es geht in dem Film auch um Gerechtigkeit. Worauf gründet sich dein Gerechtigkeitssinn?

Ein Sinn für Gerechtigkeit entsteht durch die Erziehung, die Moral und die Werte, mit denen man aufwächst. Es ist unglaublich schwer sich davon frei zu machen. Auch wenn meine Sehnsucht sehr groß ist nicht in diesen Kategorien zu denken. Da muss ich an einen wichtigen Satz in Hamlet denken: „Es gibt nichts Gutes oder Schlechtes, es sei denn das Denken macht es dazu.“ Das bringt es für mich auf den Punkt.

In welcher ungerechten Situation würdest du selbst einschreiten?

Wenn jemand meinem Kind etwas antun würde, hätte ich keine Skrupel damit dieser Person den Kopf abzuhacken. Ich müsste nicht einen Moment darüber nachdenken, ob das gut oder schlecht wäre.

Muss es immer einen Schuldigen geben, damit man besser schlafen kann?

Viele Leute im Theater denken, dass es keine moralische Institution wäre und wir nur dazu da sind um Fragen zu stellen. Aber mittlerweile bin ich um jeden froh, der Antworten geben kann. Denn meiner Meinung nach zieht man sich aus der Verantwortung, wenn man immer nur Fragen stellt. Ich finde es interessant, wenn man den Zuschauer dazu bringt in einen Konflikt zu geraten. Wenn er mit einer Figur mitleidet, die er eigentlich ablehnt. Weil er sich in dem Fehlverhalten wiedererkennt und nicht mit dem Gedanken aus dem Kino geht: „Die Welt ist schlecht.“ sondern „Ich bin schlecht.“

Welche Frage stellst du dir oft?

Das neue Album von Beyoncé beginnt mit der Frage, was die Motivation im Leben ist. Und sie sagt darauf: „to be happy“. Ich frage mich oft, wie ich glücklich werde.

Das TV-Drama Der Prediger mit Lars Eidinger läuft am 05. Februar 2014 um 20:15h im Ersten.

 

 

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Rubrik  Heimkino  Interview    Autor      Datum  03. Februar 2014    Worte  907
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