LA Priest

Album  Inji    Veröffentlichung  26. Juni 2015
Foto: Hella Wittenberg Foto: Hella Wittenberg

Früher gab es Late of the Pier, heute ist da nur noch LA Priest – genau genommen Sam Dust. Nachdem seine Band, die 2008 erfolgreich den von den Klaxons angekurbelten NuWave-Zug mitnahm, auf Eis gelegt wurde, hat der Waliser die Zeit genutzt um sich fortzubilden. Dust legte sich krasse Multi-Skills zu, sammelte musikalischen Input von Radiohead bis Gaga und wartet nun sogar mit einem politischen Gewissen auf. All diese Superkräfte bündelte er auf seinem groovenden und gleichzeitig fies kryptischen Solo-Debüt Inji, welches im Sommer 2015 erschien. Zwischen Konzert und Essenspause erzählte der passionierte Eskapist in einer lauschigen Ecke der Berliner Berghain Kantine von seinem Wunsch, alle Welt würde ein wenig mehr in die eigene Fantasie vertrauen. Spoiler-Alert: Nach einem Interview mit LA Priest bleibt man nicht mehr ruhig auf seinem Hintern sitzen, sondern fängt sofort mit dem Verändern an – wenn vielleicht auch nur erst einmal vorsichtig mithilfe des Legobaukastens.

Inji ist bereits Ende Juni 2015 veröffentlicht worden. Hat diese zeitliche Distanz geholfen das Erlebte und das Selbstkreierte besser zu verdauen und einordnen zu können?

Sam Dust: Ich bin jemand, der schnell von Sache zu Sache springt und häufig seine Meinung ändert. Es fällt mir schwer gedanklich bei einer Platte zu bleiben, die längst abgeschlossen ist. Für mich fühlt es sich so an, als wäre Inji seit Ewigkeiten draußen. Ich habe einen Großteil der Songs schon so oft live gespielt und generell haben sich 2015 mehr Shows angehäuft, als ich gedacht hätte.

Ist das etwas Gutes?

Ja, ist es. Ich wusste erst nicht, ob ich das Touren mögen würde. Mit Late of the Pier war ich so viel unterwegs, dass ich mir irgendwann nur noch gewünscht habe, es wäre endlich vorbei und ich könnte eine ausgedehnte Pause machen. Doch jetzt konnte ich kaum erwarten, dass es losgeht. Ich fühlte mich richtig nervös, weil ich so lange nicht mehr aufgetreten war. Aber als ich erst einmal ein paar Gigs gespielt hatte, merkte ich, dass es nun anders war. Die Solo-Shows haben viele Vorteile. Ich brauche nur einen Bruchteil der zuvor benötigten Konzentration, weil ich mich nicht mit so vielen verschiedenen Charakteren herumschlagen muss. Das erwies sich sonst als der stressigste Faktor auf Tour. Alle sind extrem müde und tragen ständig die gleichen Klamotten. Man kriegt einen Lagerkoller. Aber wenn ich für mich allein toure, habe ich mehr Fokus, um meine Musik und die darin steckenden Strukturen besser zu verstehen. Ich lerne in die Tiefe zu gehen.

Du bleibst also in Bewegung, verbesserst dich.

Ich wurde neulich in einem Interview gezwungen mein Album komplett zu hören und dann was dazu zu sagen. So was habe ich vorher noch nie gemacht. Dabei stellte ich fest, dass mir Inji mittlerweile ziemlich eindimensional erscheint. Ich bin es inzwischen gewohnt die Songs in Clubs zu hören, wie sie dort von den Wänden herunterspringen. Die Albumversionen klingen dagegen so klein und komisch. Nachdem ich nun die Logik hinter den Liedern erkenne, habe ich Wege gefunden die Sounds grenzenlos auszuweiten. Ich freue mich schon darauf neue Tracks einzuspielen und anzufangen damit auch mal richtige Geschichten zu erzählen. Ich will, dass die Leute meine Musik nicht einfach so beim Autofahren laufen lassen, sondern dass sie richtig zuhören müssen und involviert sind. Ich bin an Atmosphären interessiert, was vielleicht auch an meiner neu aufgeflammten Liebe zu Radiohead liegt.

Mit deinen Musikvideos ist es dir bereits gelungen sehr aufregende, neue Welten zu erschaffen.

Für mich sind Videos dafür da, dass zu machen, was andere Menschen eigentlich auch gerne tun würden. Viele sind zu beschäftigt einfach mal Zeit in den Wäldern zu verbringen. Ich lasse sie mit meinen Videos auf den Geschmack kommen. Meine Clips sind Experimente auf Low-Budget-Niveau. Mich inspirieren die Neunziger, die genialen Filmtechniken, die man damals in Michel Gondrys Arbeiten, zum Beispiel für Björk, sehen konnte. Nur dass diese Videos viel zu teuer waren. Wir müssen jetzt neue Wege finden Dinge umzusetzen.

Es braucht innovative Ideen, um heutzutage an die Fantasie der Menschen zu appellieren.

Mir wird oft gesagt, ich würde in meinem Clips völlig abgefahrenes Zeug machen, das man nicht kapiert. Ich denke aber, dass man nicht alles erklären muss. Dennoch trimmen uns die Medien darauf Dinge zu simplifizieren und zu kategorisieren, um sie auf diese Weise zweidimensionaler zu machen. Ich versuche mich dagegen zu wehren, indem ich beim Kreativsein jegliche Schubladen außer Acht lasse. Ich will nicht darüber nachdenken wie lang ein Song normalerweise zu sein hat und welche Elemente Menschen in einem Stück haben wollen. Das interessiert mich nicht. Für mich wäre es ein Erfolg, wenn ich mit allen Konventionen brechen könnte und es trotzdem noch Spaß macht meine Musik zu hören.

Inwiefern hilft oder stört Social Media dabei sich von dem Gängigen abzugrenzen?

Das große Problem von Social Media ist, dass es so zeitintensiv ist. Das merke ich auch am eigenen Leib. Es saugt einen völlig ein, obwohl es nicht einmal eine sehr inspirierende Welt ist. Sie ist vielmehr ziemlich steril. Das beste Beispiel dafür stellt Facebook da. Ich komme darauf gar nicht klar. Ich war ein Fan von Myspace, wo man noch selbst die Hintergrundfarbe verändern konnte und generell so einige persönliche Modifikationen möglich waren. Mich wundert es, dass so viele Menschen in Facebook eine innovative Struktur sehen, wo es doch so überhaupt nicht individuell ist und kein bisschen die eigene Persönlichkeit reflektiert. Es schaut für jeden gleich aus. Ich meine, Musik funktioniert doch auch nicht für jeden auf dieselbe Weise, obwohl man sich vielleicht darauf einigen kann, dass das eine ein guter Song ist und das andere nicht. Aber so eine Melodie, so ein Text spricht jeden Menschen auf verschiedenen Ebenen an. Ich möchte auf jeden Fall für eine Weile das Internet vergessen, gucken, was so in der Realität geschieht und dann irgendwann mal wieder nachschauen, ob die digitale Welt da mithalten kann.

Wie gelingt es dir am Ball zu bleiben und nicht mental zu stagnieren?

Ich versuche nicht in Wiederholungen zu leben, weil mich das unendlich frustriert. Die Ironie ist, dass das Repetitive zum Leben als Musiker dazugehört. Aber ich verweigere mich trotzdem so gut es geht einem allzu eintönigen Lebensstil. Dafür ist es auch wichtig Hoffnung in die Zukunft zu haben. Wenn man weiß, worauf man hinarbeitet, fühlt sich das gut an. Wenn jedoch meine Zukunftswünsche zerstört werden, macht das fertig. Dann muss man nämlich anfangen neue Ideen zu forcieren, obwohl es eigentlich das Beste wäre, etwas ganz natürlich entstehen zu lassen. Aber ich muss sagen, dass ich das Glück habe, das man mir vollkommen vertraut und ich deshalb einfach das machen kann, worauf ich Lust habe. Und ich denke, mit ein wenig Vertrauen und Kreativität könnte jeder das machen, was ich tue. Es gibt unzählige Musiker da draußen, die sagen, dass sie so vieles nicht können, weil sie nicht die Erfahrung haben. Doch Erfahrung ist nicht alles. Manchmal klappt etwas nur beim ersten Mal richtig gut.

Meist läuft es doch so ab: Diese eine Sache hat zuletzt gut funktioniert und aus diesem Grund wird es danach genauso wieder gemacht.

Ich bin fasziniert davon wie viele Menschen die Fähigkeit besitzen so wiederholend zu handeln. Gleichzeitig ist es auch verdammt schwer anderen verständlich zu machen wie zufrieden es mich stimmt jeden Tag etwas Neues auszuprobieren und wie unglücklich ich bin, wenn ich mich mal wiederholen muss. Sie sagen dann, dass ich grundlos meckere. Schließlich müssten sie auch jeden Tag das Gleiche machen. Der Standardsatz lautet, ich müsse mich langsam mal daran gewöhnen, weil es jedem so ergehen würde. Wir stehen auf und machen das, was wir gestern auch schon getan haben. Aber das sollte doch nicht die Norm sein. Wäre es nicht großartig, wenn es ein Gesellschaftmodell geben würde, in dem man ständig die Jobs herumtauschen könnte? Dann müssten alle mal richtig etwas riskieren. Es gibt so viel Potential.

Vor allem ungenutztes Potential.

Ja, und dass lässt die Leute borniert denken und leben – so erkläre ich mir zumindest viele der schlechten Dinge, die gerade in der Welt passieren. Gerade wenn ich mir die politischen Entwicklungen Großbritanniens anschaue, kann ich es kaum glauben. Am liebsten würde ich alles mal für einen Moment ignorieren, um mich mental besser zu fühlen. Aber das darf man einfach nicht mehr. Ich habe zum Beispiel lange überlegt wie ich auf die Attacken in Paris öffentlich reagieren könnte. Letztlich bin ich zu einer Demonstration gegangen, obwohl ich zuvor gedacht habe, dass es keinen Unterschied macht, ob man dabei ist oder nicht. Aber am Ende waren da mehr als 2000 Menschen auf der Straße und zeigten, dass sie sich das nicht gefallen lassen wollten. Es hatte einen Effekt. Die Regierung nimmt einen wahr. Wir machen klar, dass wir nicht passiv zu Hause hocken und uns alles gefallen lassen. Meiner Meinung nach sollten viel mehr Menschen aktiv werden.

Wie genau stellst du dir das vor?

Wir müssen stärker miteinander kommunizieren. Ich habe oft das Gefühl, dass viele gar nicht wissen, dass sie Freunde haben, die genauso fühlen wie sie. Dabei ist es so großartig wie viele von uns gleich denken. Dieser Umstand macht es umso komischer, dass zahlreiche Dinge nicht so sind wie wir glauben, dass sie sein sollten. Ich hoffe, ich kann in Zukunft mehr Menschen motivieren sich zu öffnen und ihre Meinung laut zu äußern.

 

 

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Rubrik  Interview    Autor      Datum  11. März 2016    Worte  1,510
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