Junges Licht

Veröffentlichung  18. November 2016    Regie  Adolf Winkelmann    Darsteller  Oscar Brose  Greta Sophie Schmidt  Charly Hübner
Foto: Slama / Winkelmann
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Foto: Slama / Winkelmann

Ein Sommer voller Verführungen im Ruhrpott der 60er Jahre

Julian hat gesündigt und möchte die Beichte ablegen – am liebsten gleich für einige seiner Mitmenschen mit. Die letzten Wochen haben aus dem naiven Messdiener einen abgeklärten Realisten gemacht.

In den 60er Jahren war man weniger damit beschäftigt die eigene Kriegsvergangenheit aufzuarbeiten, als viel mehr nach vorne zu blicken und die Wirtschaft anzukurbeln. Ein besonders starker Wachstumstreiber war der Bergbau im Ruhrgebiet. Bei aller Euphorie vergisst man heute jedoch oft, dass die Männer in 1.000 Meter Tiefe tagtäglich ihr Leben aufs Spiel gesetzt haben, um die Kohle aus der Erde zu holen. Über den 12-jährigen Julian (Oscar Brose) wird aus dem Leben im Revier erzählt. Sein Vater Walter (Charly Hübner) arbeitet Untertage und seine Mutter Liesel (Lina Beckmann) leidet unter ungeklärten emotionalen Stimmungsschwankungen, die aber niemand so recht ernst nimmt. Julian kümmert sich liebevoll um seine kleine Schwester und schmiert auch schon mal die Brote, wenn sonst keiner da ist. Vor lauter Sehnsüchten weiß er in den langen Sommerferien jedoch oft nicht wohin mit sich. Der Versuch sich einer Jungs-Clique anzuschließen, endet im Dilemma und auch bei seinen vorsichtigen Annäherungsversuchen an die 15-jährige Nachbarstochter Marusha (Greta Sophie Schmidt) wird er kaum für voll genommen. Julian bleibt schließlich unter sich und nutzt die Zeit um seine Umgebung mit viel Neugier zu beobachten. Somit muss er leider auch auf die harte Tour lernen wie boshaft, herzlos und manchmal sogar unmenschlich die Welt um ihn herum funktioniert.

Harte Arbeit als Daseinsberechtigung

Regisseur Adolf Winkelmann ist selbst zwischen Kohle und Stahl aufgewachsen und hat schon unzählige Filme über das Wirken im Ruhrgebiet gedreht. Mit Junges Licht ist dem 70-Jährigen ein außergewöhnlicher Blick auf seine Heimat gelungen. Durch die Augen des jungen Protagonisten wirkt das Industriewunder Deutschland wie ein nie enden wollender Tagtraum. Alle zehn Minuten steigt weißer Rauch aus dem benachbarten Kohlekraftwerk empor und verdunkelt den Himmel. Nachts glüht dieser dagegen oft feuerrot, weil heißer Stahl abgegossen wird. Das Lichter-Wirrwarr spiegelt auch Julians Seelenzustand wieder, der vor lauter Gefühlsregungen kaum noch schlafen kann. Doch davon bekommt sein Vater nichts mit, wenn er durch enge Gänge kriecht, um das schwarze Gold freizulegen. Die Arbeitsmoral der Kumpel unter Tage ist mit nichts zu vergleichen – das andauernde Malochen wird im Film als eine Art Daseinsberechtigung zelebriert. Die Frauen stehen den Männern dabei aber in nichts nach. Sie schrubben die Flure, machen fleißig Essen für die ganze Familie und kümmern sich um die Wäsche. Wer sich eine freie Minute gönnt, könnte ja als faul angesehen werden.

Vom Roman zum Film mit Kultpotential

Visuell bietet Junges Licht gleich eine ganze Fülle an Stilbrüchen, welche der langsamen Erzählung zu einem besonderen Seherlebnis verhelfen. Entgegen dem Standard-Hollywood-Schnitttempo dürfen so etwa einzelne Einstellungen bei einer gemeinsamen Mahlzeit oder in der Kohlegrube auch mal mehrere Minuten andauern. Außerdem wechselt das Bild alle paar Szenen zwischen Farbe und Schwarz-Weiß und ändert auch das Seitenverhältnis vom modernen 16:9-Format zu einem fast quadratischen Ausschnitt. All diese Effekte unterstreichen den poetischen Ansatz von Winkelmann, dem nicht daran gelegen war die Romanvorlage von Ralf Rothmann 1:1 zu adaptieren. Mit Oscar Brose fand man außerdem die perfekte Besetzung für den jungen Julian. Der geübte Theater-Mime passt von seinem Look und der Sprache perfekt in die Zeit. Am schwierigsten fiel ihm nach eigenen Aussagen der unterkühlte Umgang innerhalb der Familie, die kaum ein nettes Wort füreinander übrig hat. Tatsächlich sind es aber genau diese Momente, welche die authentische und gleichzeitig dennoch kunstvolle Wirkung des Werkes unterstreichen.

Junges Licht liefert einmalige Einblicke in eine Zeit der industriellen Revolution, über die man wenig weiß und die man aus guten Gründen auch nicht vermisst. Das Leben in den 60ern war rau und erbarmungslos. Adolf Winkelmanns ernster Heimatfilm bringt ein Lebensgefühl zum Vorschein, das voller Tatendrang steckt und eine bessere Zukunft herbeisehnt.

 

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Rubrik  Heimkino    Autor      Datum  15. November 2016    Worte  621
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