Judgment – Grenze der Hoffnung

Veröffentlichung  20. November 2015    Regie  Stephan Komandarev    Darsteller  Assen Blatechki  Ovanes Torosian  Miki Manojlović
Foto: Krasimir Andonov
 IMDb-Wertung
Foto: Krasimir Andonov

Ein tiefberührender Überlebenskampf

Der bulgarische Filmemacher Stephan Komandarev nimmt sich in seinem dritten Kino-Spielfilm einem höchst aktuellen wie brisanten Topos an: der allgegenwärtigen Flüchtlingsthematik. Ein kniffliges Unterfangen.

Alles wird wieder gut? Wohl kaum. Mityo (Assen Blatechki) lebt mit seinem 18-jährigen Sohn Vasko (Ovanes Torosian) in einem kleinen Örtchen in Bulgarien, direkt an der Grenze zur Türkei. Nachdem seine Ehefrau gestorben ist, gibt es nur noch die zwei Männer. Der Witwer versucht mit aller Mühe für sie beide zu sorgen. Doch als er seinen Job als Milchfahrer verliert, steht er vor einem Scherbenhaufen. Mit den Ratenzahlungen ist er im Rückstand und ein Gerichtsvollzieher wurde bereits eingeschaltet. Mityos letzter Ausweg: Er nimmt den fragwürdigen Auftrag eines alten Bekannten (Miki Manojlović) an. Der Job: Er bringt illegale Flüchtlinge aus Syrien über die Grenze in die EU. Dies ist ein besonders schwieriges Unterfangen, da ihr Weg sie an dem sogenannten Judgment-Felsen vorbeiführt. Mit diesem verbindet Mityo auch schreckliche Erinnerungen an seine Militärzeit im Kalten Krieg. Mit einem Mal wird er von Dämonen heimgesucht, die er nicht länger verdrängen kann.

Ein bildgewaltiges Epos

Beeindruckende Landschaftsaufnahmen voller Höhen und Tiefen, dichtem Nebel und klarem Wasser ziehen den Betrachter in ihren Bann. Regisseur Stephan Komandarev wollte in Judgment – Grenze der Hoffnung unbedingt die Szenerie nahe einer kleinen Grenzstadt in den Rhodopen einfangen, die ihn schon bei seinen früheren dokumentarischen Arbeiten fasziniert hatte. Immer wieder hielt er Ort und Leute mit der Kamera fest, so dass man ihn letztlich sogar fragte, ob er sich als Bürgermeisterkandidat aufstellen lassen würde. Schließlich bewies er ein gutes Auge und Ohr für die Bewohner. Aber sein Fokus lag stets auf dem Filmemachen. Und so wusste er: Der enorme Felsen, nach dem das Drama benannt ist, muss Dreh- und Angelpunkt der Story werden. In diesem steckt bereits Material für mehrere Horror-Geschichten. Denn auch im realen Leben ist der Judgment-Berg eine echte Bedrohung, der in der Vergangenheit schon viele Opfer forderte.

Zwischen Schuld und Verrat

Die von der Natur gegebenen Schwierigkeiten bieten auch eine Plattform für die ganz persönliche Vergangenheitsbewältigung des Protagonisten. Diese offenbart Komandarev nur langsam, baut so Schritt für Schritt mehr Spannung auf. Bevor dann das ganze Ausmaß der Tragödie zum Vorschein kommen kann. Eigentlich will Mityo nur seinem Sohn ein guter Vater sein und ihm ein besseres Leben ermöglichen. Doch sein Verhältnis zu Vasko spannt sich immer weiter an. Eben auch, weil er ihm nicht von seinen illegalen Handlungen erzählt. Sein Sohn fühlt sich ausgeschlossen, auf Distanz gehalten. Das menschliche Dilemma, in dem Mityo sowie auch Vasko stecken, findet sich auch in der Unebenheit der Landschaft wieder und bringt so das unheilbringende Gefühl des Dramas noch einmal perfekt auf den Punkt.

Ein Werk über Humanismus. Über Gräueltaten und den Versuch von Nächstenliebe in der Zeit des Kalten Krieges. Judgment – Grenze der Hoffnung ist emotional ergreifend. Auch wenn die Handlung doch immer mal wieder ihre Schwächen offenbart und den Wunsch nach mehr flüchtlingsthematischen Bezügen, anstatt der nach innen gekehrten Sichtweise, aufkeimen lässt.

 

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Rubrik  Heimkino    Autor      Datum  06. Januar 2016    Worte  486
Permalink  http://www.farbensportlich.de/judgment-grenze-der-hoffnung/    Farbe  #49696c
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