Jessica Chastain

   Film  Molly's Game    Veröffentlichung  08. März 2018    Regie  Aaron Sorkin
Foto: SquareOne Entertainment
 IMDb-Wertung
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„Ich möchte kein Leben in Angst führen“

Eigentlich ist Jessica Chastain erkältet. Kein Wunder, ihre Promo-Tour zu Molly’s Game führt sie einmal durch ganz Europa. Und trotzdem sitzt sie mit einem großen Lächeln im Soho House, bringt Interview für Interview hinter sich, ohne es wie Arbeit aussehen zu lassen.

In ihrem neuen Film, der auf wahren Begebenheiten basiert, spielt sie Molly Bloom, die mindestens genauso tough und smart wie Chastain ist. Nur dass diese ihre Klugheit lange Zeit dafür nutzte, einen geheimen Poker-Ring zu leiten – bis sie eines Tages vom FBI festgenommen wird, weil in ihrem exklusiven Club auch die russische Mafia mitmischte. Nun gilt es herauszufinden, wie viel Molly tatsächlich wusste oder nicht wusste.

Im Gespräch erzählt Jessica Chastain, weshalb Geschlechterklischees aufgehoben werden müssen, warum die heutige Zeit eine gute für starke Frauen ist und warum die echte Molly Bloom auch ein Vorbild sein kann. Kleiner Fun Fact: Chastain selbst hasst das Glücksspiel.

Aaron Sorkin hat das Drehbuch und dieses Mal sogar die Regie übernommen. Wieso warst du daran interessiert, mit ihm zusammenzuarbeiten?

Ich liebe The West Wing und ich mag den Rhythmus, den sein Schreiben hat. Ich habe früher Text und Rhythmus studiert und gelernt, dass jeder Autor seinen eigenen Rhythmus hat. Dabei habe ich auch festgestellt, dass egal, ob es Shakespeare oder eben Aaron Sorkin ist – wenn man ihre Texte abändert oder versucht zu improvisieren, dann stirbt ihre ganze Intention. Schon als ich an der Juilliard School war, verstand ich, wie wichtig schnelles Sprechen ist. Man muss genau die Worte und ihre Bedeutung kennen. Alles hängt von der Schnelligkeit ab. Wenn man zu langsam redet, stirbt die Energie.

Im Film wird immer wieder thematisiert, wie viel Angst Molly davor hat, irrelevant zu sein. Konntest du dich damit identifizieren?

Fragen wir uns nicht alle manchmal, ob wir einen Beitrag leisten, ob wir relevant sind? Aber ich habe keine Angst irrelevant zu werden. Denn ich versuche jeden Tag bewusst so zu gestalten, dass ich etwas zur Gesellschaft beitrage. Ich will präsent sein und mit meiner Arbeit beeinflussen, Veränderung und etwas Positives erschaffen. Das beginnt mit den Dingen, die ich entscheide, mir zu erarbeiten oder zu kaufen. Es geht weiter mit den Medien, die ich konsumiere, sowie mit den Filmen, bei denen ich mitwirke. Jede Entscheidung, die man trifft, hat ihre Reaktion. Und ich versuche ein Leben in Empathie zu führen und damit auch andere zu inspirieren. Schließlich kann man nur etwas bewirken, wenn man auch eine Unterhaltung dazu anregt. Das will ich – gerade in Bezug auf Gender-Fragen.

Aber bist du nicht, speziell was dieses Thema angeht, manchmal einfach nur wütend?

Wut bringt oft eine Blockade mit sich. Es gibt diese Szene im Film, in der Molly im Wartezimmer eines Psychologen sitzt und dann doch entscheidet, sofort nach New York zu gehen und dort mit dem Glücksspiel zu beginnen. Ich frage mich, was gewesen wäre, wenn sie die Sitzung beim Arzt wahrgenommen hätte? Denn sobald sie in New York ist, geht es nur noch um Wut und Rache. Das ist wie eine Spirale, die nach unten geht. Sie fängt sogar mit Drogen an. Wut ist also keine gute Ausgangslage für das Treffen von Entscheidungen. Ich will eine positivere Startposition haben. Wenn ich mich zum Beispiel für eine neue Filmrolle entscheide, möchte ich mit ihr zeigen, wie schön es ist, eine Frau zu sein. Das ist doch der viel machtvollere Weg.

Was passiert gerade in Hollywood? Kannst du das aus deiner Perspektive erzählen?

Das, was in Hollywood passiert, passiert eigentlich überall. Über 700.000 Farmarbeiterinnen schrieben einen Brief an uns Hollywoodschauspielerinnen und darin formulierten sie unter anderem, dass sie auch regelmäßig Missbräuche durchleben müssten, nur bekämen ihre Stimmen nicht die gleiche Aufmerksamkeit. Wir sollten also den Fokus nicht allein auf Hollywood, sondern auf die gesamte Gesellschaft richten. Es gibt überall Machtmissbrauch.

Denkst du, dass sich wirklich etwas in der Filmindustrie ändern lässt?

Ich hoffe so sehr, dass es in Zukunft mehr Inklusion geben wird. Zumindest suchen viele Studios momentan verstärkt nach Filmemacherinnen. Ich habe selbst auch vor einigen Jahren eine Firma gegründet, sie heißt Freckles Films. Das Ziel ist es, Filme und Fernsehen für diejenigen zu schaffen, die in der amerikanischen Filmindustrie unterrepräsentiert sind.

Wie kamst du auf den Namen Freckle Films?

Meiner Meinung nach wird in der Gesellschaft nicht oft genug das gefeiert, was uns einzigartig macht. Wir sollten alle am besten gleich aussehen, uns nicht unterscheiden. Deshalb mochte ich früher überhaupt nicht meine Sommersprossen. Sie ließen mich so anders erscheinen. Mittlerweile will ich aber genau dieses Anderssein zelebrieren, daher wählte ich den Namen.

Ist dein Leben in der Filmindustrie so, wie du es dir früher vorgestellt hast?

Mein Leben ist jetzt so viel größer als ich es mir je vorgestellt habe. Vor einiger Zeit habe ich gemerkt, dass ich viel mehr Macht habe, als mir bis dahin bewusst war. Ich kann also meine eigene Produktionsfirma haben. Die Erkenntnis, dass man nicht darauf warten muss, dass einem jemand ein Skript schickt oder einen Job gibt, lässt proaktiver werden. Das kann man auch ganz gut bei Reese Witherspoon sehen. Ihre letzten Filme waren die besten ihrer ganzen Karriere – und sie kommen alle aus ihrer Produktionsfirma.

Wer ist dein Vorbild bzw. dein moralischer Kompass?

Meine Familie, und speziell meine Großmutter, geben mir Halt. Wenn ich mich zu gestresst durch die Arbeit fühle, zeigen sie mir wieder, worauf es wirklich ankommt. In der Filmindustrie sind Isabelle Huppert und Cate Blanchett meine Vorbilder. Sie fordern sich immer wieder selbst heraus. Sie machen Theater und Film, reisen konstant um die Welt und arbeiten an den unterschiedlichsten, spannenden Projekten. Gleichzeitig weiß man nicht viel über ihre persönlichen Leben. Von ihnen würde man nie etwas zu Privates in den News lesen. Alles ist auf ihre Arbeit fokussiert und das inspiriert mich sehr.

Ist Molly Bloom ein Vorbild?

Ich finde am Ende des Films wird sie zu einem Vorbild. Während des Films sehen wir, wie sie eine Menge Fehler macht und so viel von dem wegwirft, was sie eigentlich ausmacht. Wenn man ihr gegenüber verlauten lässt, sie würde ein hässliches Kleid tragen, geht sie los und kauft sich etwas, was überhaupt nicht nach ihr aussieht. Sie verändert sich, um die Männer dazu zu bekommen, sie als Anführerin wahrzunehmen. Denn in der Gesellschaft wird die Wertigkeit einer Frau anhand ihrer sexuellen Ausstrahlung gemessen. Aber am Ende des Films, wenn man ihr erklärt, was sie tun muss, um ihr Leben wieder in geregelte Bahnen zu kriegen, sagt sie, dass sie dieses Spiel nicht mehr mitspielt. Das ist der Moment, in dem sie zum Vorbild wird.

Was macht für dich eine starke Frau aus?

Ich sehe jede Frau als eine starke Frau. Und es ist eine aufregende Zeit für uns. Über Gender im Jahr 2017/2018 wird man sich in der Geschichte unterhalten. Denn Frauen dürfen jetzt nach vorne treten, stark sein, Anführerinnen sein. Männern ist es erlaubt, sanfter und sensibler zu sein. In der Vergangenheit wurden Männer und Frauen immer getrennt und dazu gebracht, ihre Rollen zu spielen. Das war nicht richtig und viele litten darunter. Zum Beispiel ist die Suizidrate bei Männern viel höher als bei Frauen. Ich glaube, dass das auch daran liegt, weil sie dazu forciert wurden, ihre Gefühle zu verstecken. Sie wurden in Positionen gedrängt, die nicht zu ihrem Charakter passten.

Was lässt dich so selbstbewusst sein?

Bevor ich in die Filmindustrie kam, hatte ich schon ein erfülltes Leben. Ich ging zur Schule und ich habe studiert. Ich lebte in einem extrem kleinen Appartement in New York mit einigen Freunden. Und als ich nach Los Angeles zog, mietete ich erst einmal mit meiner Großmutter zusammen eine Wohnung. Bevor ich ein Bewusstsein für Erfolg bekam, hatte ich also bereits eine sehr klare Vorstellung von mir selbst. Und auch wenn mich Vorsprechen nervös machten – ich zitterte dann am ganzen Körper und meine Stimme ging extrem nach oben – brachte mich der Gedanke zur Ruhe, auch ohne das alles leben zu können, weil ich vorher schon ein wunderbares Leben hatte. Ich möchte kein Leben in Angst führen. Denn ich denke, worauf auch immer man seine Energie lenkt, beeinflusst das, was man letztlich erschafft. Ich freue mich über all die schönen Dinge, die mir jeden Tag wiederfahren, aber wenn es mal nicht so weitergehen sollte, ist das ebenfalls okay. Ich werde trotzdem glücklich sein, weil ich es davor auch war.