Jella Haase

   Film  4 Könige    Veröffentlichung  03. Dezember 2015    Regie  Theresa von Eltz
Foto: Hella Wittenberg
 IMDb-Wertung
Foto: Hella Wittenberg

„Ich will noch nicht erwachsen sein!“

Schauspielerin Jella Haase erklärt im Interview warum man nicht alles immer allzu ernst nehmen sollte, dass es in Ordnung ist auch mal zu scheitern und weshalb sie es nicht für erstrebenswert erachtet auf dem schnellsten Wege erwachsen zu werden.

Dank Fack ju Göhte ist Jella Haase mittlerweile bekannt wie ein bunter Hund. Die 23-Jährige war maßgeblich an dem Erfolg der deutschen Komödie beteiligt, denn sie verkörperte darin die unvergessliche Chantal Ackermann aus der 10b. Das Mädchen mit dem viel zu starken Lidschatten, welches nicht ganz so helle ist, aber dafür ein ganz großes Herz für ihre Mitmenschen hat. Mit ihrer Rolle in 4 Könige (Kinostart am 03. Dezember) beweist die Schauspielerin aus Berlin Kreuzberg nun, dass sie nicht immer nur die hohle Birne geben muss. In dem Drama ist sie gezwungen ausgerechnet Weihnachten in einer Psychiatrie zu verbringen – doch zum Glück sollen noch drei weitere Jugendliche ihre Leidensgenossen in dieser besonders schwierigen Zeit werden. Im Gespräch mit uns berichtet Jella Haase, was genau sie mit ihrer Figur im Film verbindet, warum sie sich selbst noch nicht als Erwachsene sieht und was sie den Menschen rät, die wie sie den Weg der Schauspielerei einschlagen wollen.

Wieso wolltest du unbedingt Lara spielen?

Jella Haase: Ich fand vor allem die direkte und sprunghafte Art von Lara spannend. Sie ist jemand, der Menschen herausfordert, sie oftmals auch von sich wegschubst und gleichzeitig doch immer sehr liebevoll zu allen ist.

Auf der Facebook-Seite von 4 Könige heißt es von einer Userin, die den Film bereits vorab bei einem Festival sehen konnte, dass das Drama „Szenen aus dem richtigen Leben und doch irgendwie erfunden“ bietet. Würdest du dem zustimmen?

Auf jeden Fall, denn die Geschichte ist ja nun mal erfunden und entspricht irgendwie auch dem echten Leben. Man kann sich mit den Charakteren identifizieren. Ich finde, dass ist auch das Schöne an dem Film – er geht einem sehr nahe, weil er dicht an der Realität ist.

Welche Eigenschaften von Lara entdeckst du auch an dir?

Ich habe eine ähnliche humoristische Ader wie sie. Lara schafft es selbst in den absurdesten Momenten ein kleines Fünkchen Glück hervorzurufen. Dass bedeutet nicht, dass sie eine unverbesserliche Optimistin ist, aber dennoch hat sie diese spritzige Lebendigkeit, die ich auch an mir wiederentdecke. Wir beide nehmen nicht alles zu ernst. Es gab da eine Szene, die wir zwar gedreht haben, die es aber leider nicht in den Film geschafft hat, die für mich sehr gut beschreibt wie Lara tickt. In dieser Szene bekommt Fedja eine Panikattacke. Er sitzt in der Wäschekammer, krampft die Hände zusammen und Lara geht nur so vorbei und sagt: „Alter, seid ihr Mongos!“ Ich habe die Szene geliebt!

Der Film ist sehr kompakt. Der Zuschauer wird mehr oder weniger in die Geschichte hineingeworfen, ohne allzu viel über die Hintergründe der Charaktere zu erfahren. Hast du dir eine eigene Backgroundstory für deine Figur überlegt?

Wir alle haben einen ganzen Tag lang mit einem Coach eine tiefenpsychologische Rollen-Analyse betrieben. Also weiß ich alles über meine Figur. Und wenn man genau zuhört, erfährt man im Film, dass Laras Bruder tot ist, dass sie eine Menge gekokst hat und wahrscheinlich auf einem Trip hängenblieben ist. Ihre Eltern wollen nur noch von ihr in Ruhe gelassen werden. Es ist die Stärke des Films, dass man sich auch selbst seine Gedanken machen kann und nicht mit dem Finger auf eine Krankheit gezeigt wird.

Heißt jung sein, Grenzen auszuloten?

Definitiv.

Wie sah das bei dir aus?

Mir wurden als Kind nur wenige Grenzen gesetzt. Ich bin sehr locker erzogen worden. Doch als dann die Pubertät kam und ich mit meinen Freunden nachts bis in die Puppen irgendwo rumhängen wollte, meinten meine Eltern plötzlich ich solle um zwölf Uhr zu Hause sein. Ich konnte das kaum glauben. Ich hatte das Gefühl, dass ich vorher alles durfte und mir mit einem Mal gar nichts mehr durchgelassen wurde. Und so blieb ich einfach länger draußen als ich durfte. Ich erzählte ihnen auch nicht, wenn ich auf Partys ging und Alkohol trank. Bei meinem ersten richtigen Absturz log ich meine Eltern an, ich hätte etwas Schlechtes gegessen und sie glaubten mir das – oder wollten es gern glauben. (lacht) Aber so richtig haben sie mir das alles nicht verboten, was wahrscheinlich mit sich gebracht hat, dass ich nun zu solchen Dingen ein sehr gesundes Verhältnis habe. Wenn man immer nur hört, dass man etwas nicht tun darf, will man es doch noch viel eher. Aber sie ließen mich einfach ausprobieren. Und mal ganz ehrlich: Unsere Eltern haben mit Sicherheit auch jede Menge Mist gebaut als sie jung waren!

Aber es ist auch wichtig, dass sich jeder in der Familie seiner Rolle bewusst ist – die Eltern passen eben auf das Kind auf.

Schon, aber irgendwann wird man ja erwachsener und dann können sich die Rollen auch mal ändern. Zum Beispiel hatte meine Mama neulich einen ganz schlimmen Kater und da war ich es die ihr Toast geschmiert und ihr gut zugeredet hat, das würde bald wieder vorbeigehen.

So ein Rollenwechsel kommt speziell bei technischen Fragen schnell zustande, oder?

Ja, mein Vater geht nicht so mit der Zeit. Er ist richtig verblüfft, wenn ich ihm etwas im Internet zeige. Und dann sagt er immer: „Warte, warte, nicht so schnell!“ Er lässt sich von Neuerungen kaum beeindrucken und gibt bei Google in das Suchfeld selbst noch „www“ ein. Ich finde das aber sehr angenehm.

Fühlst du dich mittlerweile als Erwachsene?

Nein, ich bin keine Erwachsene. Ich habe mir dazu eine Theorie zurechtgelegt: Wenn man voller Stärke und Reife akzeptieren kann, dass manche Dinge einfach doof laufen, dass man scheitert, Beziehungen in die Brüche gehen und man irgendwann aus seinem geborgenen Kindheitstraum aufwachen muss – dann wird man erwachsen. Aber ich will noch nicht erwachsen sein! Ich bin gerne das Kind. Zwar kümmere ich mich selbstständig um all meinen Kram, reise durch die Welt, mache meinen Job und gebe den ganzen Tag Interviews, aber dann will ich auch wiederum mal von Mama ein Essen gekocht bekommen, Papa soll mir beim Fahrradkaufen helfen und die Versicherung für mich anrufen.

Dennoch wirkst du sehr selbstbewusst. Wie schaffst du das?

Meine Eltern haben mir stets vermittelt, dass ich gut so bin wie ich bin. Und gleichzeitig haben sie mir auch klargemacht, dass es in Ordnung ist zu scheitern. Meine freie, geistige Entwicklung stand immer im Vordergrund. Außerdem sind sie völlig problembefreite Leute und so muss ich nicht noch ihre Probleme mit mir herumschleppen, wie es bei so vielen anderen Menschen der Fall ist. Ich konnte immer den Interessen nachgehen, auf die ich gerade Lust hatte. Ein Regisseur hat mal zu mir gesagt, ich hätte ein gutes Vertrauen ins Leben und ich denke, ich habe das meiner Erziehung zu verdanken sowie auch der bedingungslosen Liebe meiner Eltern.

Mit Dr. Wolff steht den Jugendlichen in 4 Könige ein Mann zur Seite, der volles Vertrauen in sie hat und sie auch davon überzeugen möchte an sich zu glauben. Hattest du selbst so eine Person, neben deinen Eltern, die dich so unterstützt hat als du jünger warst?

Ja, zum einen meine beste Freundin und zum anderen meine kleine Schwester. Wie sehr ich meine Schwester brauche, habe ich erst neulich gemerkt als sie für eine Zeitlang wegflog. Da habe ich auf einmal tagelang geheult. Denn sie hat mir, wenn auch unterbewusst, bisher immer Bestätigung gegeben – auch in der Funktion als ihre große Schwester. Wenn sie ständig anruft und mich um Rat fragt, aber auch wenn sie mich überredet irgendwohin mitzukommen, dann kann das ganz schön nerven, doch hauptsächlich ist es ein sehr schönes Gefühl, wenn sie mir mit allem so vertraut.

Was kannst du Schülern raten, die auch gerne Schauspielern möchten?

Wenn der Wille da ist, ist alles möglich. Ich habe irgendwann einfach angefangen Theater zu spielen und mich dann schließlich bei einer Agentur vorgestellt. Man muss an sich selbst glauben und trotzdem nicht zu verbissen sein. Wenn etwas nicht funktioniert, ist das kein Weltuntergang. Falls es mal nicht mehr mit dem Schauspielern klappt, würde ich sicherlich auch mit etwas anderem glücklich werden. Zum Beispiel möchte ich mich gern weiterbilden und zur Uni gehen. Und ich könnte mir außerdem vorstellen als Kindergärtnerin zu arbeiten. Ich hätte große Lust so meinen Teil zur Gesellschaft beizutragen.

Hier findest du unsere Rezension zu 4 Könige.