Inside Job

 
Heimkino 29. Juni 2011
 
Inside Job
 

Spannende Doku über den Fall des Finanzsystems 2008 und die Folgen

Derartigen Dokumentationen sollte man zunächst einmal sehr aufgeschlossen begegnen. Denn wenn sie halten, was sie versprechen, macht uns das alle zu informierteren Bürgern. Wissen ist bekanntlich Macht, doch wenn das Volk nur zusieht wie eine korrupte Finanzindustrie unsere Gesellschaft unterwandert, wird sich nie etwas ändern. Diese Hilflosigkeit zeigt sich auch in Inside Job, der uns – anklagend und mahnend zugleich – vor Augen führt wie löchrig und niederträchtig das Weltfinanzsystem aufgestellt ist. Ähnlich einer Kettenreaktion haben sich im Jahr 2008 mehrere Bankenpleiten ereignet, die auf Staatskosten gerettet werden mussten, um eine übergreifende Währungsstabilität gewährleisten zu können. Dass dieses hehre Ziel nicht gelingen konnte, haben wir alle zu spüren bekommen – und tun es noch heute. Ausgehend von den USA, begleitet Inside Jobden Aufstieg verantwortungsloser Finanzbetrüger und untersucht das beeinflussbare Geflecht aus Banken, Politik, Behörden und Wissenschaft. Interviews und verständliche Grafiken veranschaulichen den Sündenpfuhl genauso wie Geschichten von Menschen, die die immense Tragweite des zusammengebrochenen Finanzsystems geballt zu Spüren bekommen. Millionen Bürger verlieren durch Kreditausfälle oder Jobverlust ihren Halt in der Gesellschaft oder sogar ihre gesamten Besitztümer.

“Fesselnd”, “Atemberaubend”, “Packend”, “Kühn”, die eingefangenen Stimmen sprechen eine einheitliche Sprache und loben den Grundcharakter sowie die Intention dieses Films. Der Oscar für den Besten Dokumentarfilm 2011 zeichnete diese Tatsache nicht zuletzt aus. Regisseur Charles Ferguson sagte bei seiner Dankesrede: “Three years after our horrific financial crisis caused by financial fraud, not a single financial executive has gone to jail, and that’s wrong” und sorgte damit für einen der wenigen hellen Momente der Veranstaltung. Und tatsächlich stellt sich einem ein beklemmendes Gefühl ein, wenn die Zusammenhänge so offenkundig dargestellt werden. Inside Job versteht es das Wissen, das sich einjeder inzwischen in unzähligen Berichten angelesen haben sollte, durch viele pikante Details auszubauen. Die Rekonstruktion der Ereignisse bringt das unüberschaubare Debakel wütend als Stimme einer benachteiligten und machtlosen Schicht auf den Punkt: das unstillbare Verlangen der Spekulanten nach immer Mehr führte zum Kollaps des weltweiten Finanz- und Wirtschaftssystems. Das man diesen Zustand in höchst offiziellen Kreisen hat kommen sehen, macht es natürlich nicht besser. Die bisweilen sehr einseitig erzählte Geschichte hinter der globalen Wirtschaftskrise rüttelt definitiv auf, wird, so scheint es, aber doch überhört. Man kann das Gefühl bekommen, dass vergleichbar verschwörerisch-angehauchte Dokumentarfilme wie Michael Moores Klassiker Bowling for Columbine und Fahrenheit 9/11 oder Morgan Spurlocks vergleichsweise neue Werke Super Size Me und The Greatest Movie Ever Sold immer nur kurz den Zeitgeist treffen, die eklatanten Missstände zwar aufzeigen, diese meist jedoch im Kern unberührt bleiben. Warum ist das so? Aus Gier. Die Menschen, die inzwischen wieder oder neue Verantwortung im Umgang mit den unvorstellbaren Summen an Geldern tragen, machen ihre Umsätze nicht etwa mit sicherer Geldanlage, sondern mit gewagten Investitionen horrender Beträge. Sinkende Schiffe werden in der Regel weit vor Erreichen des Eisbergs verlassen und die Beseitigung des Wracks und die Rettung der Reisenden anderen Institutionen überlassen. Das dieses System bereits zielstrebig auf den nächsten monumentalen Zwischenfall zusteuert, ist nicht nur vorhersehbar, sondern Gewissheit.

Die Blu-ray bietet keinen nennenswerten Mehrwert gegenüber der DVD und steigert somit auch nicht die an sich schon spannende Story (die Extras sind auf beiden Datenträgern gleich). Den Film muss man aber gesehen haben. Egal ob der Finanzcrash 2008 oder die Staatspleiten auf der ganzen Welt heute (aktuell: Griechenland), das Thema wird und sollte uns immer beschäftigen. Diese Geschichte ist unsere, sie ist echt und stammt aus keinem Drehbuch.

 
548 Wörter von David, 325 Tage alt