Immer nie am Meer

Veröffentlichung  23. Mai 2008    Regie  Antonin Svoboda    Darsteller  Christoph Grissemann  Dirk Stermann  Heinz Strunk
Foto: Arsenal Filmverleih
 IMDb-Wertung
Foto: Arsenal Filmverleih

Charakterdarstellung in simpler Kulisse

Nach einer verkorksten Weinverköstigung fahren der Geschichtsprofessor Baisch (Dirk Stermann) und sein depressiver tablettensüchtiger Schwager Anzengruber (Christoph Grissemann) nach Hause. Zur gleichen Zeit geilt sich ein manischer Alleinunterhalter namens Schwanenmeister (Heinz Strunk) hinter seinem Lenkrad an einer Joggerin auf. Unbemerkt verwechselt er dabei Gas und Bremse und rauscht geradewegs in einen Graben. Die vorbeifahrenden Herren Baisch und Anzengruper nehmen sich dem Verunglückten an. Wenig später müssen auch sie der Joggerin ausweichen, die kurz zuvor schon Schwanenmeister zum Verhängnis wurde. Das Auto kommt von der abgelegenen Landstraße ab und landet eingekeilt zwischen zwei Bäumen tief im Wald. Hilflosigkeit macht sich breit: die Türen lassen sich nicht öffnen, das Schiebedach ist defekt und die Scheiben sind aus Panzerglas. Es beginnt eine lange Zeit des Wartens. Und in dieser entfacht das durchgeknallte Trio ein wahres Feuerwerk an Absurditäten auf kleinstem Raum.

Eigenwillig ist gut. Das als Psycho-Groteske angelegte Stück soll bewusst irritieren und Urzustände freisetzen: Angst- und Wutanfälle wechseln sich mit übertriebener Heiterkeit und verzweifelten Weinkrämpfen ab. Die Stellschrauben des Films werden mit zunehmender Länge angezogen und so entwickelt sich Immer nie am Meer zu einem verstörenden Verhaltensexperiment. Die zu Beginn noch als lustig angelegten Szenen weichen einer Ernsthaftigkeit, die dem Film eine gewisse (Ein-) Dringlichkeit verleiht und ihn so vom durchkonstruierten Klamauk abhebt. Zusammengepfercht wie Ratten in einer menschenunwürdigen Situation, erkunden die Drei in den Tagen ihrer Abstinenz tiefste seelische Abgründe. Und das in einer gewohnt ekelhaft-lässigen Skurrilität, das man denken könnte Strunk, Stermann und Grissemann wären nie woanders gewesen als eingesperrt in diesem Auto. Die Themen und Gespräche grenzen dabei ans Geschmacklose und stellen natürlich gerade dadurch die Berechtigung des Film dar.

Wo will Immer nie am Meer hin? Mit Sicherheit nicht ans Meer. Denn der Titel ist nur eine leere Hülle für eine Vielzahl an Gefühlen, die allesamt eine gewisse Unerfülltheit ausdrücken. Unerfüllt, weil die Schicksalsgemeinschaft eingesperrt nun einmal eingeschränkt ist in ihrer Entfaltungsmöglichkeit. Es sind Gefühle der Sehnsucht, des ständigen Scheiterns und des Freiheitstriebes, die das Künstlerkollektiv unterstreichen möchte. Wer die Darsteller mag und eventuell sogar schon einmal etwas von ihnen gesehen oder gelesen hat (das Drehbuch geht auch auf ihre Kappe), wird wissen worauf er sich einlässt. So kann man das Dargebotene sicher auch mögen und ins Herz schließen. Zu empfehlen für einen gemütlichen Filmabend mit Prosecco und Heringssalat.

 

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Rubrik  Heimkino    Autor      Datum  02. Juni 2011    Worte  378
Permalink  http://www.farbensportlich.de/immer-nie-am-meer/    Farbe  #4a743d
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