I’m Still Here

Veröffentlichung  13. Januar 2012    Regie  Casey Affleck    Darsteller  Joaquín Phoenix  Casey Affleck  Ben Stiller  P. Diddy
Foto: Koch Media
 IMDb-Wertung
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Als der 37-Jährige Schauspieler Joaquín Phoenix (Walk the Line) im Herbst 2008 seinen abrupten Ausstieg aus dem Filmgeschäft bekannt gab, um sich als Rapper neu zu erfinden, diskutierte man sich darüber die Köpfe heiß. War das alles nur als ein übler Scherz gedacht? Oder hatte der zweifach Oscar-Nominierte gar mit ernstzunehmenden Problemen zu kämpfen? Wie sollte man bloß auf seine Aussage reagieren, dass er nicht mehr die Rolle des Joaquín Phoenix spielen wollte?

Auch bei der Premierenfeier zu I’m Still Here bei den Filmfestspielen in Venedig war noch immer nicht klar, ob es sich um einen Mediengag oder die ungeschönte Wahrheit in den 104 Minuten handelt. Das Maul zerreißen über den pummeligen Star im miefigen Look sollte erst in der darauffolgenden Woche ein Ende haben als Freund und Regisseur Casey Affleck (ist u.a. in Gone Baby Gone als Schauspieler zu begutachten) der „New York Times“ berichtete, dass das über zwei Jahre zusammengesammelte Material kalkulierte Inszenierung war. Doch wen sollte diese Aussage wirklich beruhigen? Phoenix beleidigt sich durch den gesamten Film, entsagt David Letterman in seiner Show jegliche Antworten und erntet daraufhin gar die Worte: „Schade, dass sie heute Abend nicht da sein konnten.“ Permanent versteckt er sich hinter einer großen dunklen Brille und einem Bart, nuschelt und rappt lustlos wie auch griesgrämig vor sich hin, bestellt freudig Prostituierte und stößt schließlich auch Kollegen wie Ben Stiller gehörig vor den Kopf. Stiller (Zoolander) will den renommierten Mimen dazu bewegen sich an Noah Baumbachs 2010er Drama Greenberg zu beteiligen, wird aber eiskalt abserviert. Im Folgenden ist Ben Stiller in einer Nahaufnahme zu sehen, wie er ungläubig und enttäuscht vor sich hin starrt.

Nicht anders ergeht es dem Betrachter der Mockumentary. Casey Afflecks Regiedebüt schafft es pausenlos den Zuschauer peinlich zu berühren. Als dann auch noch P. Diddy als Produzent für das Musikprojekt gewonnen werden soll und dieser nach langem Hinhalten dem Schauspieler aufgrund seiner musikalischen Unterdurchschnittlichkeit einen Korb gibt, ist der Höhepunkt des Fremdschämens erreicht. Und das Fragenkarussell will einfach nicht aufhören. War es wirklich zuträglich für die Karriere von Phoenix sich auf diese Weise darzustellen und zwei Jahre ganz und gar auf das natürliche Sein zu verzichten? Es stellt sich als äußerst schwierig dar wirklich zu glauben, dass alles der Fiktion entsprang und nicht doch irgendwo ein Fünkchen Wahrheit dahinter stecken mag. Auch eine Satire hat eben seine Grenzen. Der Gedanke von I’m Still Here, Wahrheit und Heuchelei im Filmbusiness schamlos zu beleuchten, ist löblich, doch so richtig will es weder funktionieren noch interessieren. Dafür ist zum einen das Gerappe und Gebrabbel von Phoenix auf Dauer zu nervtötend und zum anderen möchte einfach kein plausibler Grund aufkommen, weshalb man nun für diese monotone Alltäglichkeit Zeit aufwenden sollte?