Ich und Kaminski

Veröffentlichung  17. März 2016    Regie  Wolfgang Becker    Darsteller  Daniel Brühl  Jesper Christensen  Amira Casar
Foto: X Verleih
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Das etwas andere Künstlerportrait

Zwölf Jahre nach der Tragikomödie Good Bye, Lenin! machen Regisseur Wolfgang Becker und Schauspieler Daniel Brühl endlich wieder gemeinsame Sache.

Wir befinden uns kurz vor der Jahrtausendwende: Genau zu dem Zeitpunkt wittert Sebastian Zöllner (Daniel Brühl) seine große Chance. Der egozentrische Kunstjournalist will ein Buch über den in Vergessenheit geratenen Maler Manuel Kaminski (Jesper Christensen) verfassen und ihn so zurück in das Gedächtnis der Menschen bringen. Für Zöllner würde bei solch einer Arbeit vor allem der schon so lang herbeigesehnte Ruhm herausspringen. Um dem bereits sehr betagten Herren noch kurz vor seinem Ableben die streng gehütete Geheimnisse zu entlocken, lädt sich der Karrierist schließlich selbst in Kaminskis Alpen-Domizil ein. Doch der einstige Schüler von Matisse und Picasso erweist sich als weitaus härtere Nuss als gedacht. Sebastian Zöllner muss letztlich ganz schön tief in die Trickkiste greifen, um sein so perfekt geplantes Vorhaben auch wirklich in die Tat umsetzen zu können. Denn zu guter Letzt macht ihm auch noch die kontrollsüchtige Tochter Kaminskis (Amira Casar) das Leben mächtig schwer.

Das Dream-Team wiedervereint

Die Geschichte von einem Sohn, der seiner Mutter nach dem Aufwachen aus dem Koma nur sanft an den Fall der Mauer gewöhnen und dafür noch eine ganze Weile für sie den Osten aufleben lässt, begeisterte das Publikum 2003 ungemein. Mehr als sechs Millionen Kinobesucher pilgerten in Wolfgang Beckers satirisch gefärbten Film Good Bye, Lenin!. Doch während es für Hauptdarsteller Daniel Brühl danach erst so richtig losging, wurde es um den Regisseur überraschend ruhig. Sein Anliegen: Erst wenn ein wirklich gutes Drehbuch auf seinem Tisch landet, würde er auch wieder einen Spielfilm drehen. Bis dahin aber konnte die Freundschaft zwischen Brühl und Becker immer enger werden. Die Zwei fuhren sogar so manches Mal zusammen in den Urlaub, spielten dort Tennis und unterhielten sich über Filme. Und so kam es auch, dass sie über die Romanverfilmung von Ich und Kaminski ins Gespräch kamen. Für Becker konnte es nur den Good Bye, Lenin!-Star als Protagonisten geben. Er wollte dafür verantwortlich sein, dass Daniel Brühl einmal nicht den netten, lieben Typen von nebenan verkörperte, sondern den selbstsüchtigen Kotzbrocken mit Hang zum Zynismus. Und sein Plan sollte aufgehen! Ich und Kaminski lebt von der Chemie zwischen Darstellern und Filmemacher. Jede Szene ist ein fantastisch-fiebriges Erlebnis, ein Schlagabtausch, der so irrwitzig schnell daherkommt, als hätten sich das Brühl und Becker genau so erst in diesem Moment noch gemeinsam ausgedacht.

Nach einem Werk von Bestseller-Autor Daniel Kehlmann

Bereits bei der Promotion-Tour zu Good Bye, Lenin! kreuzten sich in Österreich die Wege von Daniel Brühl, Wolfgang Becker und Daniel Kehlmann. Der letztere machte ebenfalls Werbung für seine Arbeit, und zwar für das Buch Ich und Kaminski. Bei einem kurzen Gespräch drückte Kehlmann dem Filmemacher dann seinen neuesten Roman in die Hand – und so wurde eine neue Filmidee geboren. Aber selbst, wenn Becker von Anfang an begeistert war von der Katz-und-Maus-Story, so mussten doch erst über zehn Jahre vergehen ehe er sie für die Leinwand adaptierte. Denn nun versteht es der Regisseur besser denn je die Fragen rund um das Erbe eines Künstlers und den Umgang mit dem Älterwerden für sich in eine geeignete Bildsprache zu übersetzen. Ich und Kaminski trägt den süffisanten Wortwitz Kehlmanns in sich, der zum Beispiel schon bei der Verfilmung von Die Vermessung der Welt (2012) wunderbar funktionierte, und gleichzeitig die geballte Bilder-Kunst von Wolfgang Becker. Reale Szenerien werden hierbei spielerisch in Gemälde umgewandelt, dass es eine wahre Freude ist. Außerdem weiß Becker, dass er dem Betrachter mehr geben muss als oberflächliches Kunst-Geplänkel. Er bietet bitterböse Einblicke in den Kunstbetrieb und löst seine Erzählung dennoch mit für jedermann verständlichen Einsichten auf.

Ich und Kaminski kostete lediglich neun Millionen Euro und ist auch jeden Cent Wert. Die Geschichte sowie die Figuren sind genauso vielschichtig wie die dargestellten Gemälde von Manuel Kaminski. Es gibt jede Menge Anspielungen auf Kunst und Kultur, weshalb auch ein mehrmaliges Betrachten der Tragikomödie nicht verkehrt sein könnte. In jedem Fall kann man nur hoffen, dass Regisseur Wolfgang Becker sich noch öfter mit Daniel Brühl zusammentun wird und dass möglichst nicht nur alle zwölf Jahre.