Hördur – Zwischen den Welten

Veröffentlichung  29. Oktober 2015    Regie  Ekrem Ergün    Darsteller  Almila Bagriacik  Felicitas Woll  Hilmi Sözer
Foto: NFP marketing & distribution / Storming Donkey Productions Foto: NFP marketing & distribution / Storming Donkey Productions

Das Leben ist kein Ponyhof?

Diesen Satz hat wohl kaum jemand besser verinnerlicht als die Deutschtürkin Aylin, die aufgrund ihrer Abstammung auf Schritt und Tritt gehänselt wird. Erst die Freundschaft zu einem Pferd hilft ihr endlich für sich selbst einzustehen.

In der Schule ist Aylin (Almila Bagriacik) nur aufgrund ihrer türkischen Wurzeln als Außenseiterin abgestempelt. Von allen Seiten wird sie beleidigt, mit Müll beworfen und bis auf das Äußerste provoziert. Doch als sich das sonst eher ruhige Mädchen zur Wehr setzt, soll das schwere Folgen für sie haben. Der 17-Jährigen werden 50 Sozialstunden auf einem Pferdehof aufgebrummt. Mithilfe harter, körperlicher Arbeit will man Aylin maßregeln. Aber sehr schnell lernt sie die Zeit mit den Tieren zu schätzen – insbesondere das Islandpferd Hördur hat es ihr angetan. So überzeugt sie schließlich auch die Besitzerin des Hofes (Felicitas Woll), dass sie den wilden Hengst reiten und bald sogar an einem Turnier mit ihm teilnehmen darf. Dank Hördur entwickelt Aylin Selbstbewusstsein und so kann sie sich endlich gegenüber ihren Mitschülern sowie auch ihrem bisher sehr einengenden Vater (Hilmi Sözer) behaupten.

Schluss mit Ponyhof-Romantik

Filme, in denen ein junges Mädchen und noch dazu ein Pferd die Hauptrolle spielen, werden gern mal vorschnell in die Schublade für oberflächlichen Teenie-Kitsch katapultiert. Doch bei Hördur ist ein genauerer Blick lohnenswert. Denn hierbei handelt es sich nicht etwa um eine Fortführung von Die Mädchen vom Immenhof oder Bibi und Tina. Protagonistin Aylin hat schon einmal gar keine enge Vertraute, mit der sie sich rund um die Uhr auf das Pferd schwingen könnte. Sie scheint ganz und gar von der Gesellschaft isoliert zu leben. Nach dem Tod der Mutter ist da niemand zum Reden. Und ihr Vater weiß erst recht nicht mit der neuen Situation umzugehen. Schockierend, aber wahr: Als Migrantin hat es das Mädchen schwer Anschluss zu finden. Alltagsrassismus ist überall zu spüren. Das Besondere und gleichzeitig besonders Traurige an Hördur ist, dass es nur ein Tier schafft Aylin völlig frei von Vorurteilen zu begegnen. Allein der Hengst Hördur (was aus dem Isländischen übersetzt „Der Krieger“ heißt) kann ihr Hoffnung geben.

Das Pferd als Katalysator

Am Anfang des Debütfilms von Regisseur Ekrem Ergün wird ein düsteres Bild von Deutschland gezeichnet. Der gesamten Familie von Aylin wird mit Aggressivität und Ablehnung begegnet. Der Vater des Mädchens überlegt sogar, ob sie zurück in die Türkei ziehen sollten, weil er glaubt das beständige Unbehagen nicht mehr aushalten zu können. Hördur erzählt keine zauberhafte Märchengeschichte, in welcher Aylin in Deutschland sofort alle Türen offen stehen und sie überall mit einem strahlenden Lächeln empfangen wird. Dennoch verharrt Ergün nicht in seinem ausschließlich negativen Szenario. Mit dem Reiten und der immer enger werdenden Beziehung zu dem treuen Islandpferd zeigt er einen Weg auf, der Aylin zur Emanzipation führt. Er bestätigt damit aber auch einen nur allzu bekannten Spruch: Ein Tier ist der beste Freund des Menschen.

Ganz ohne Klischees kommt Hördur letztlich doch nicht aus. Die Geschichte eines Mädchens, dass nur noch mit ihrem geliebten Pferd Zeit verbringen möchte, weil es so allen Ärger vergessen und sich gänzlich frei fühlen kann, klingt bekannt. Trotzdem erzählt Ekrem Ergün alles mit einer solchen Leidenschaft und einer deutlich zum Vorschein kommenden sozialkritischen Note, dass man auch als nicht absoluter Pferdenarr mit dem Film bestens bedient sein sollte.