High-Rise

Veröffentlichung  18. November 2016    Regie  Ben Wheatley    Darsteller  Tom Hiddleston  Jeremy Irons  Sienna Miller  Luke Evans
Foto: DCM Filmverleih
 IMDb-Wertung
Foto: DCM Filmverleih

Das Leid anderer zählt immer nur so viel,
wie man selbst betroffen ist

Was im Hochhaus geschieht, bleibt auch im Hochhaus? Der zweistündige Ausflug ins Jahr 1975 offenbart fragwürdige Vorstellungen von Unterwürfigkeit, sowie eine tiefe Sehnsucht nach Anonymität.

Dr. Robert Laing (Tom Hiddleston) ist ein angesehener Dozent für Physiologie. Daher kann er sich auch eine der begehrten Eigentumswohnungen in der Mitte des neuen und super modernen Hochhauses leisten. Nach den ersten Bekanntschaften mit der Nachbarschaft offenbart sich für ihn auch ziemlich schnell, wie das Haus tickt: Je höher du wohnst und je ausgelassener deine Partys sind, desto angesehener bist du. Spätestens ein Besuch auf der Dachterrasse des Architekten Anthony Royal (Jeremy Irons) – mit genug Platz für Pferd und Gartenlandschaft – verrät Laing, dass er nur ein kleines Rädchen im gesellschaftlichen Getriebe des Wohnturms ist. Um hier zu überleben, muss er sich anpassen und mitfeiern. Also heißt es den Kopf ausschalten, sich amüsieren und alles Übel ignorieren. Doch die Stimmung zwischen den unteren 10 und den oberen 5 Etagen kippt zusehends. Wegen andauernder Stromausfälle bilden sich Tumulte und die Oberschicht muss zu drastischen Mitteln greifen, um ihren Status zu rechtfertigen. Es braucht eine richtig große Feier, wie sie die Mieter noch nicht gesehen haben.

Es herrscht Anarchie und niemanden interessiert es

Eines muss man High-Rise lassen – der Film zieht die totale Eskalation gnadenlos durch. Bis fast kein Stein mehr auf dem anderen steht. Wir starten gleich mit einer Szene, in der Laing genüsslich den am Spieß gebratenen Hund des Architekten verspeist und dabei seine Post durchschaut, als sei nichts gewesen. Zu diesem Zeitpunkt ist bereits im ganzen Komplex das völlige Chaos ausgebrochen. Die Apokalypse scheint kurz bevor zu stehen. Oder hat man sie gar schon erreicht? Nur warum verhält sich niemand dementsprechend? Dieser offensichtliche Wiederspruch ist das Meisterstück des Films, der eine Untergangsstimmung kreiert, welche die Protagonisten ganz und gar kalt lässt. Warum auch nicht? Nur weil es weder Strom, noch Lebensmittel oder sonstige Annehmlichkeiten gibt, muss man ja noch lange nicht aufhören zu tanzen und zu trinken. Insbesondere in der Figur von Laing sehen wir das Desinteresse einer Gesellschaft, die nichts mit dem Leid der anderen zu tun haben will. Viel wichtiger scheint für ihn die Frage, ob er endlich den richtigen Grauton für die Wände seiner neuen Wohnung gefunden hat.

Auferstehen aus Ruinen

Im ganzen Film findet sich kein einziger Moment, der irgendwie nachvollziehbar ist. Weder die Sex-Orgien der Reichen, noch die brutalen Ausschreitungen der Armen. Es wird eine Gesellschaft voller verdorbener Menschen gezeigt, in der sich jeder selbst der Nächste ist. Mit der richtigen Erwartungshaltung kann das Zuschauen aber großen Spaß bereiten, schließlich entwickelt High-Rise die Dynamik einer tickenden Bombe, die jederzeit hochgehen müsste. Nacht um Nacht wird das stilvolle Wolkenkratzer-Leben unattraktiver – bis schließlich nichts mehr da ist, worum man die Mieter noch beneiden könnte. Der Blick in Laings Gesicht verrät jedoch etwas anderes: Endlich kann er wieder durchatmen, ganz er selbst sein. Hat er sich etwa in diesem Loch eingelebt?

Für das Hochhaus-Drama High-Rise braucht man Durchhaltevermögen, wird aber mit einem erstklassigen Absturz belohnt. Die Inszenierung gleicht über weite Strecken einer Theateraufführung, in der die luxuriöse Kulisse in Zeitlupe auseinandergenommen wird. Ein unvergleichliches Filmerlebnis!