Goldfrapp

Album  Silver Eye    Veröffentlichung  31. März 2017
Goldfrapp - Farbensportlich Goldfrapp - Farbensportlich

„Selbstdarstellung ist für mich das Wichtigste“

Goldfrapp achten nicht auf saisonale Befindlichkeiten. Während gerade gerne wieder über Frühling, Wärme und Sommerbekleidung gesprochen wird, veröffentlichen Alison Golfrapp und Will Gregory ein dunkeldüsteres elektronisches Album, dass direkt aus dem Club herausgetragen worden zu sein scheint. Silver Eye vereint das hypnotisch Tanzbare von Supernature mit dem sphärischen Utopien von Felt Mountain. Und das macht selbst Alison ziemlich glücklich, die mit vergangenen Platten oft zu hadern hatte.

Silver Eye klingt für mich wie ein Hybrid zwischen allen früheren Goldfrapp-Alben. Kannst du dem etwas abgewinnen?

Das sehe ich ganz genauso. Es löst bei mir ein behagliches Gefühl aus. Sonst haben wir immer so sehr verschiedene Alben gemacht. Dieses Mal kann ich bestimmte Dinge hören, Themen sehen und Atmosphären fühlen, die dem Früheren ähnlich sind. Da ist von allem ein bisschen drin. Aber dass das so ist, merkte ich erst, als ich mir das Album am Ende im Ganzen anhörte. Das macht mich zufrieden. Weil es so Kontinuität bedeutet.

Es ergibt Sinn, dass du dir dessen erst zum Schluss bewusst wurdest. Schließlich bist du ein Fan von der Unwissenheit, die am Beginn eines Albums mitschwingt und die zu einer ganz eigenen Spontanität führt. Was spielt da noch mit hinein?

Natürlich braucht man immer einen Beginn, aber so richtig weiß man nie, was und wann dieser ist. Das Ganze kann man erst am Ende sehen. Aber dann ist es interessant zu realisieren, dass dieser Start meist etwas komplett anderes ist. Zwischen dem Beginn und dem fertigen Resultat vergehen ja oft auch um die zwei Jahre. Anfangs hat man nur Ideen von Dingen, die man vielleicht mal ausprobieren möchte. Ich wollte zum Beispiel dieses Mal mehr Raum in den Sounds haben. Ich wollte mit Rhythmen herumspielen und verschiedene Arten ausprobieren, andere Betonungen von Rhythmen und Melodien testen. Außerdem wollte ich mit den Arrangements spielen und nicht immer der gleichen Formel folgen. Ich hatte auch den Gedanken, dass Akustikgitarren eine gute Sache wären. Aber da habe ich sehr schnell gemerkt, dass ich das eigentlich doch nicht will. Aber man muss diesen Prozess durchmachen, um herauszufinden, was sich gut anfühlt. Dinge verändern sich ständig.

In „Faux Suede Drifter“ singst du „The truth is overrated too“. Kannst du mir deine Perspektive auf den Text näher erklären?

Ich habe das Gefühl, dass manche Menschen manchmal ein bisschen zu ernst in Bezug auf Ehrlichkeit werden und anderen gerne sagen, was ihrer Meinung nach wirklich passiert ist. Dabei will ich das oft gar nicht wissen. Für wen ist die Wahrheit von Vorteil? Für mich oder die andere Person? Aber das ist nur meine Sicht auf den Text. Da kann jeder seinen eigenen Zugang dazu finden.

Wann hat dich Kunst zum letzten Mal so richtig bewegt?

Ob du das nun als Kunst empfindest oder nicht: Wenn ich einen Vulkan oder ein Gebirge sehe, macht das was mit mir. Es verwirrt und fasziniert mich gleichermaßen.

Und dann hast du diese Art von Landschaft auch direkt ins neue Artwork einfließen lassen.

Eine Umgebung, die Berge hat und gleichzeitig Wüste ist, finde ich dafür perfekt. Sie ist wie eine leere Leinwand, die man mit unterschiedlichsten Ideen füllen kann. Es ist ein idealer Ort, um mit Farbe zu arbeiten. Alles ist dort so episch und grafisch. Vulkane sind außerdem eine wunderbare Metapher dafür, dass etwas unter der Oberfläche brodelt. Musik ist für mich nämlich auch etwas sehr Visuelles. Es hat einen klaren Erzählstrang. Ich mag es beim Schreiben zu beobachten, wo es hingeht.

Siehst du noch mehr Ähnlichkeiten zwischen deiner Fotografie und der Musik?

Sie sind sich sehr ähnlich. Will und ich improvisieren die meiste Zeit zusammen. Und wir nehmen wirklich alles davon auf, denn so kommen viele Texte und Melodien für unsere Songs zustande. Am Ende nutzen wir oft die allererste Aufnahme, selbst wenn wir versuchen diese noch zu verbessern. Aber das klappt so gut wie nie, weil es dann einfach nicht das gleiche Gefühl und beispielsweise nicht genau die gleiche Phrasierung hat. Man kann so etwas eben nicht wiederholen. Und so fühlt sich das auch mit einem Foto an. Das ist doch großartig: Mann kann die Zeit nicht festhalten.

Nutzt du digitale Kameras?

Schon, aber ich habe auch mal mit Film gearbeitet. Daran mag ich, dass man vorher ganz genau wissen muss, was man abbilden will. Ich habe eine Hasselblad zuhause und immer wenn ich durch den Sucher schaue, sieht alles ein bisschen schöner aus.

Wie lange hat es gedauert, bis du die richtigen Fotos für das Artwork zu Silver Eye ausgesucht hattest?

Oh Gott, ich bin schrecklich im Auswählen. Ich kann mich nie entscheiden, in keiner Sache. Das ist der Schmerz meines Lebens. Das ist die Sache, die ich am meisten an mir verachte.

Was machst du, wenn du nicht drum herum kommst? Nutzt du eine App?

Gibt es eine App dafür? Das wäre genial! Obwohl man nach der Entscheidung, die die App getroffen hat, sich bestimmt nicht sicher wäre, ob man nun wirklich so entscheiden sollte oder lieber doch ganz anders. (lacht) Aber manchmal sind Dinge auch sehr offensichtlich. So wie das Cover des Albums. Sobald ich das Bild gemacht hatte, bekam ich dieses Gefühl, dass da was Richtiges passiert war. Es war der perfekte Moment. Die Sonne ging gerade unter und sie prallte nur noch kurz genau auf dem Berg auf, auf dem ich stand. Das ergab ein regelrecht goldenes Licht. Nur der Wind war ein bisschen schwieriger. Da kam der Sand in die Kamera, sie fiel ständig um und es war ein Akt irgendetwas an der Kleidung zu verändern. Doch der Aufwand hat sich gelohnt. Im Studio braucht man Stunden, um überhaupt eine Atmosphäre zu kreieren. Es wirkt alles viel klinischer. Draußen guckt man sich einmal um und findet zig schöne Szenarien. Das ist so viel mehr Spaß und hat viel mehr Lebendigkeit.

Trotz des Windchaos’, das du beschreibst, strahlen deine Fotografien für mich eine gewisse Ruhe aus.

Ich frage mich, ob es daran liegt, dass ich die Fotos selbst gemacht habe. Denn obwohl ich wie eine Irre herumgerannt bin, fühlte ich mich dennoch sehr entspannt. Weil ich wusste, ich mache die Fotos. Das ist so eine Kontrollsache. Ich fühlte mich nicht so befangen, wie ich das sonst bin, wenn jemand anderes Fotos von mir macht.

Kennst du Francesca Woodman? Sie fotografierte sich auch selbst und ihre Bilder haben etwas sehr Emotionales. Daran erinnern mich deine Fotos.

Ja, ihre Fotografien sind wirklich faszinierend. Ich habe einige davon bei mir in der Küche zu hängen. Sie haben wirklich etwas Emotionales. So wie auch Cindy Shermans Bilder. Ihr ist es übrigens sehr wichtig, dass nie jemand mit ihr im Raum ist, wenn sie sich inszeniert. Das ist aber auch ein sehr intimer Moment. Wobei ich es interessant finde, dass wir nun ständig von uns selbst Fotos machen, egal wo wir gerade sind. Wir schauen mitten in der Öffentlichkeit in unsere Kameras, als wären wir allein zuhause in unserem Schlafzimmer und würden dort in den Spiegel blicken. Es ist doch spannend zu beobachten, wie wir uns verhalten und wie wir von anderen gesehen werden wollen.

Oder zumindest wie wir denken, dass wir so auf eine bestimmte Weise ankommen.

Deshalb bin ich großer Fan von Kostümen und Masken. Ich fühle mich viel wohler, wenn ich mich verkleide und einen bestimmten Charakter spiele. Wobei ich mir nie sicher sein kann, was die anderen davon halten. Aber so ist es auch mit der Musik: Ich kenne von ihr nur eine, aber nicht alle Perspektiven. Doch das ist in Ordnung. Für mich geht es beim Musikmachen um das Entdecken, das Fragenstellen und um die Selbstdarstellung. Und die Selbstdarstellung ist mir besonders wichtig. Aber klar, oft weiß man dabei nur, dass man etwas tut, ohne wirklich sagen zu können, was genau das ist.

Ich bin gespannt, was du live als nächstes tun und darstellen wirst.

Oh, das Livespielen ist wirklich schwierig für mich! Ich werde davor immer so nervös und bin wie gelähmt. Diese Art Schockstarre ist ein echtes Problem. Wenn ich mehrere Shows hintereinander mache, ist da eine Routine drin und ich fühle mich okay. Aber wenn die erste Show bevorsteht, wenn wir an einem ganz bestimmten Ort spielen, oder wenn ich weiß, dass meine Freunde kommen werden, dann bin ich einfach nur fertig mit den Nerven. Aber dann heißt es Augen zu und durch.

 

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Rubrik  Interview    Autor      Datum  31. März 2017    Worte  1,351
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