Gaspar Noé

   Film  Love    Veröffentlichung  26. November 2015    Darsteller  Karl Glusman  Aomi Muyock  Klara Kristin
Foto: Hella Wittenberg
 IMDb-Wertung
Foto: Hella Wittenberg

Drogen, Vergewaltigungen, Inzest: Gaspar Noé ist wohl kaum daran interessiert sich in seinen Filmen mit weichgespülten Hollywood-Klischees zu begnügen. Er will echte Gefühle, Momente aus der Realität auf die Leinwand bringen. In seinem neuesten Werk hat sich der argentinische Filmemacher der wahren Liebe, der Nähe und dem Sex verschrieben. Im Interview zu Love spricht er über Pornografie im Wandel der Zeit, warum es genau dieses Thema sein musste und was so fantastisch an der Nutzung von 3D ist.

Während Love erst jetzt in Deutschland in die Kinos kommt, hat der Film in anderen Ländern schon für sehr unterschiedliche Reaktionen sorgen können. Haben Sie sich mit damit näher auseinandergesetzt?

Gaspar Noé: Ja. Mein Film wurde zuerst in Cannes gezeigt. Die Hälfte der Presse hasste ihn – so lief es bisher immer. Aber ehrlich gesagt hätte ich nicht gedacht, dass Love echten Hass auslösen könnte, weil er so melancholisch und sentimental ist. Ich glaube aber, die Leute erwarteten aufgrund meiner Reputation etwas wie ein erotisches Nackt und zerfleischt. Eine andere Sache, die ich so nicht erwartet hätte, waren die viel positiveren Reaktionen der Frauen im Gegensatz zu denen der Männer. Das liegt wohl daran, dass die weibliche Hauptrolle stärker, komplexer und reifer als der Mann ist. Der wirkt nämlich eher wie ein Loser. Ein Typ, wie man ihn oft sieht – die Hälfte der Menschen, die ich kenne, ist so. Es geht sogar so weit, dass ich ihn als jüngeren Bruder betrachte, den ich gut verstehe, aber ihm trotzdem Ratschläge für ein besseres Leben geben möchte. Tatsächlich schrieb ich Love, der eigentlich erst „Danger“ heißen sollte, schon vor 15 Jahren – zur gleichen Zeit wie Enter The Void und Irreversibel. Als ich die Drei fertig hatte, merkte ich, dass sich die Hauptcharaktere in den Filmen irgendwie gleichen. Sie alle sind coole Party-Typen, die Drogen und Sex mögen, aber auch ein bisschen dumm erscheinen. Sie sind weder Held noch Anti-Held, sondern einfach sehr normale Männer. Besonders viele negative Reaktionen erhielt ich aber übrigens von alten, männlichen Filmkritikern.

Können Sie sich das erklären?

Ich denke, es liegt daran, dass viele heterosexuelle Männer ein Problem damit haben sich die Penisse von anderen anzuschauen. Wenn sie also die eine Szene in Love“ sehen, in der ein Typ sich gleich mit zwei hübschen Frauen vergnügt, denken sie nicht mehr mit ihrem Kopf, sondern mit ihren Penissen. Sie befinden sich plötzlich in einem Wettbewerb mit dem Kerl auf der Leinwand. Insbesondere Amerikaner haben mit meiner Hauptfigur ein Problem. Sie sind eher Maschinengewehre und Kannibalismus gewohnt als männliche Nacktheit. Ein erigierter Penis kommt für sie dem Gesicht des Teufels gleich. Sex im Film zu zeigen, scheint generell für viele Menschen gefährlicher zu sein als dem Zuschauer Morde, Überfälle oder Gehirnwäschen zu präsentieren. Das hat mich die westliche Welt noch einmal in einem völlig neuen Licht sehen lassen. Ich meine, was das Problem? Im Internet kriegt man viel schlimmere Dinge zu sehen. Ich wuchs in den späten 60ern auf und da war Sex noch eine gute Sache. Viele von den besten Momenten in meinem Leben hatten mit Sex und Verliebtheit zu tun. Ich finde es nicht gut diese Sachen als etwas Schlechtes abzutun.

Denken Sie, dass generell durch die Zensierung der Realität im Film auch der Blick für natürliche Schönheit verloren geht?

Wenn ich daran zurückdenke wie die Frauen in den 60er Jahren in erotischen Filmen und Magazinen oder selbst bei James Bond dargestellt wurden – sie wirkten natürlicher, waren fleischig, hatten große Brüste und Schamhaare. Aber diese Art von Schönheit ist verschwunden. Jetzt sind die Frauen, auch in Pornos, immer stark zurechtgemacht. Frühere Erotik-Magazine sind zu Fashion-Magazinen geworden. Ich frage mich worauf sich heute ein Junge einen runterholt? Vielleicht ja zu der Werbung von American Apparel… Jedenfalls ist Schönheit nun mit Anorexie und Barbiepuppen voller Schmuck verbunden. Das ist für mich ein Image, welches nichts mehr mit der normalen Welt zu tun hat. Das letzte Mal, dass ich richtige Küsse und richtigen Sex im Film gesehen habe, war in Blau ist eine warme Farbe.

Sie wollten also etwas Reales erschaffen. Wie viel Autobiografisches steckt letztlich in Love?

Nicht alles im Film ist autobiografisch, aber ich sehe darin schon ein Werk über mein Leben und das meiner Freunde. Es sind Sachen zu sehen, die ihnen und mir so ganz ähnlich passiert sind. Murphy, der Name meiner Hauptfigur, ist der Mädchenname meiner Mutter. Murphys bester Freund heißt Julio und so lautet auch mein zweiter Vorname. Einem Mädchen im Film habe ich den Namen Paula gegeben, weil so auch meine Schwester heißt. Ich wollte eben all die Namen, die eng mit meinem Leben verbunden sind, in den Film hineinbringen.

Wie genau gehen Sie an die Auswahl der Schauspieler heran?

Ich vertraue meinem Instinkt und höre nicht darauf, wenn mir jemand sagt dieser oder jener Schauspieler sei gut, weil man ihn in einem bestimmten Film gesehen hat. Es ist mir sogar lieber, wenn man den Schauspieler nicht wiedererkennt. Denn wenn zum Beispiel Nicole Kidman in einem Film mitspielt, sieht man doch immer nur die Schauspielerin Nicole Kidman – man geht dadurch nicht mehr richtig mit der Geschichte mit. Mir ist nicht der Bekanntheitsgrad, sondern das Charisma wichtig. Dass findet man oftmals eher bei der Person, die gerade irgendwo einen Kaffee trinkt oder sich eine Zeitung kauft und die eigentlich Literatur studiert, anstatt bei einem langen Casting-Prozess. Man muss kein Schauspieler sein, um Intensität auszustrahlen. So was macht sich meist schon bei einem Handschlag bemerkbar. Da spürt man, ob eine Person bereits ein in die Tiefe gehendes Leben hatte oder nicht – und genau so etwas ist auch ausschlaggebend für ein Close-up, das einem im Film berührt.

Wieso sollte Love in 3D veröffentlicht werden?

Mit der Nutzung von 3D wollte ich eine realere und gleichzeitig auch surrealere Stimmung ermöglichen. Es erschafft einen gewissen Grad an Intimität, so dass man sich wie eine Fliege an der Wand vorkommt. Mit surreal meine ich, dass der Zuschauer Gesichter vor sich hat, die vier Meter hoch sind – völlig unnormal, auch wenn man die Tiefe betrachtet. Das ist ein bisschen so als würde man sich die Rocky Mountains auf der Leinwand ansehen. Ich finde ja, dass Avatar 3D neu erfunden hat. Nun ist die Bildqualität viel besser. Mein liebster 3D-Film ist jedoch Gravity. Die ersten vierzig Minuten haben mich umgehauen! Aber auch Der Zauberer von Oz, der noch einmal neu in 3D herausgebracht wurde, ist fantastisch. Ich würde mir wünschen, dass zukünftig auch King Kong in 3D zu sehen ist.