Frederick Lau

   Film  Victoria    Veröffentlichung  20. November 2015    Regie  Sebastian Schipper
Foto: Hella Wittenberg
 IMDb-Wertung
Foto: Hella Wittenberg

„Man muss sich einfach trauen!“

Er ist gerade mal 26 Jahre alt und kann trotzdem schon Frau und Kind vorweisen. Frederick Lau führt aber nicht nur privat ein Leben auf der Überholspur – momentan scheint der begnadete Schauspieler einfach in jedem relevanten Film vertreten zu sein. Ob in Traumfrauen, Tod den Hippies! Es lebe der Punk, Bornholmer Straße oder eben Victoria – dem atemlosen Berlin-bei-Nacht-Werk, das Lau schließlich sogar den Deutschen Filmpreis in der Kategorie Bester Hauptdarsteller einbrachte. Wir trafen den Urberliner in seiner Heimatstadt, um mit ihm anlässlich des Heimkino-Starts des romantischen Bankraub-Films Victoria über Partys, Freundschaft und die außergewöhnlichen Herausforderungen des Filmdrehs zu sprechen. Dabei wurde schnell klar: Hier sitzt man keinem besonders karrieregeilem Neunmalklugen gegenüber, sondern einem großen Sympathen mit einem absolut großen Herz.

Hallo Frederick, wie geht es dir so kurz vor dem DVD-Start von Victoria?

Frederick Lau: Ich habe sehr wenig geschlafen, weil ich einen Nacht-Dreh hatte. Aber mir es geht trotzdem gut!

In Victoria wird deutlich, dass man in Berlin sehr gut die Nacht zum Tag machen kann. Wann hast du selbst angefangen abends auch mal länger Party machen zu wollen?

Mit 14 oder 15 Jahren fingen meine Freunde und ich an immer samstags auf Partys zu gehen, die von Bekannten von uns veranstaltet wurden. Wir tanzten total gern. Aber wenn man so früh damit begonnen hat, um die Häuser zu ziehen, bekommt man auch irgendwann das Gefühl: Man kennt schon alles. Inzwischen bin ich 26 und ich muss nicht mehr so ausgiebig feiern. Ich kann auch mal ganz gediegen an einer Bar sitzen. (lacht)

Würdest du dich jetzt als vernünftigeren Mensch bezeichnen?

Vernünftig sein passt nicht zu mir. Aber es ist auf jeden Fall nicht mehr meine Welt mich ins Menschen-Getümmel zu werfen und mich ständig an allen Leuten vorbeiquetschen zu müssen. Dennoch liebe ich die Spontanität in Berlin. Früher hat man im Vorhinein genau festgelegt, wo es am Abend hingehen soll. Heute trifft man sich mit Freunden und guckt, was mit der Zeit passiert. Es kann zum Beispiel plötzlich einer einen Anruf bekommen, der zu einer Party führt. Es geschieht alles so herrlich ungeplant! Aber trotzdem bleibt es dabei: Man kennt mittlerweile alles und das Feiern ist weniger besonders geworden.

Womit beschäftigst du dich abends, wenn dir nicht nach Party zumute ist?

Ich mache nicht nur gute Filme, ich gucke auch ganz gerne welche. (lacht) Außerdem verbringe ich immer noch gern Zeit mit meinen Freunden. Einer von ihnen hat eine Bar aufgemacht, der andere ein Café. Bei den beiden sitze ich total gern stundenlang herum.

Freundschaft wird auch in Victoria ganz groß geschrieben. Dein Charakter Sonne und seine Kumpels gehen für einander durchs Feuer. Dennoch frage ich mich, im Angesicht der Tatsache, dass sie zusammen einen Banküberfall durchziehen wollen, ob sie wirklich so gute Freunde sind, wie sie tun?

Ich glaube schon, dass es eine ehrliche Freundschaft ist. Sie sind wie eine Familie, sie brauchen einander. Wenn sie die anderen um sich herum haben, fühlen sie sich nicht allein und scheinen ihren Platz in der Gesellschaft gefunden zu haben.

Findest du das Gefühl einander zu brauchen bei einer Freundschaft wichtig?

Ja, dieses Gefühl ist das A und O. Dadurch hat man seine Daseinsberechtigung. Bei meinem besten Freund und mir ist es genauso: Er braucht mich, aber ich brauche ihn auch total. So fühlt man sich in der Freundschaft wohl. Man muss nicht immer etwas sagen und kann auch mal einfach zusammensitzen und sich gut fühlen.

Hast du deine engsten Freunde schon seit Kindestagen oder ist das Schließen von Freundschaften auch noch von heute auf morgen möglich?

Ich glaube an Freundschaft auf den ersten Blick. Ich freue mich besonders über die Momente, in denen sich die alten und neuen Freundeskreise vermischen – so wie bei Geburtstagen. Es ist echt toll, wenn das funktioniert. Manchmal frage ich mich dann, ob sie eigentlich viel zu unterschiedlich sind und nur für mich so tun als würden sie gut miteinander auskommen. Aber nein, so gute Schauspieler sind meine Freunde dann doch nicht! (lacht)

Apropos gute Schauspieler: Für Victoria musste das gesamte Cast wirklich alles geben. Denn da das Drama ganz ohne Schnitt auskommt, war von Anfang an klar, dass jeder Fehler zu sehen sein würde. Dennoch betonten Regisseur Sebastian Schipper und auch ihr Darsteller, dass es euch beim Dreh nicht um Perfektion gegangen sei. Aber was genau ist so falsch an dem Wunsch nach Perfektion?

Perfektion ist langweilig. Man stelle sich nur eine perfekte Frau vor – man würde sie zwar gerne anschauen, aber man würde sich kaum trauen sie anzusprechen. Denn Perfektion ist irgendwie angsteinflößend. Ich will ja auch keine perfekten Freunde haben, wieso also einen perfekten Film? Ich brauche Ecken und Kanten. Und eigentlich hat doch jeder Mensch seine Macken. Jemand, der versucht perfekt zu sein, ist mir unheimlich. Eigenheiten machen nämlich alles erst richtig interessant.

Weshalb macht gerade das Unperfekte den Film so spannend?

Der Zuschauer weiß nie, was ihn als nächstes erwartet und ich glaube, dass er spürt, dass auch wir nie wussten, was noch auf uns zukommt. Wir erlebten das ja alles echt.

Trotzdem hattet ihr insgesamt drei Dreh-Durchläufe. Wie kann man da die Geschichte jedes Mal neu erleben?

Jeder Durchlauf war anders. Wir haben ja improvisiert und da hieß es: Aktion und Reaktion. Jedes Mal lief eine Szene anders – und wenn es sich auch nur um Nuancen handelte. Aber dadurch veränderte sich der Charakter, die Stimmung und so wurde letztlich wieder ein komplett anderer Film daraus. Was ich mir noch im zweiten Take ausgedacht hatte, vergaß ich beim dritten Anlauf und statt aus meinem kamen die Worte dann aus Laia Costas Mund. Es war also ein ständiges Denken und Gucken, was als nächstes passieren würde. Und dann kam auch Sebastian (Schipper, Regisseur von Victoria; Anm. der Red.) immer wieder auf neue Ideen. Aber vor allem haben wir aus unseren Rollen heraus agiert und Spaß gehabt. Ich konnte Sachen sagen, die ich schon immer mal in einen Film hineinbringen wollte. Zum Beispiel sollte ich an einer Stelle im Film nach Kaffee fragen. Aber eigentlich hasse ich Kaffee. Ich trinke höchstens mal Espresso. Ich liebe Kakao. Also änderte ich die Szene ein bisschen ab und das war auch gar kein Problem. Das war cool! Dennoch fällt es mir schwer den Film anzuschauen, weil er so ohne Schnitt und dadurch ganz unmittelbar und direkt ist.

Wie schafft man es so selbstbewusst wie deine Figur im Film zu sein, beziehungsweise auch wie du im wahren Leben?

Ich sehe mich gar nicht so. Wenn ich mich wohl fühle, kann ich auch selbstbewusst auftreten. Doch wenn die Umgebung nicht stimmt, fällt es mir schon schwer richtig zu sprechen. Aber irgendwie muss man dann eben über seinen Schatten springen und sein Ding durchziehen. Erst neulich musste ich beim Dreh von Das Kalte Herz vor 150 Komparsen tanzen. Zuerst dachte ich nur: „Niemals!“ Es gibt ja wohl kaum etwas Schlimmeres. Das ist wie vor der Klasse lesen zu müssen. Mich hat allein der Gedanke daran aus dem Gleichgewicht gebracht. Doch dann sagte ich mir, dass ich nun mal Schauspieler bin und da tut man auch Sachen, die einem eigentlich hochgradig peinlich sind. Ich denke, dass ist auch das Geheimnis von „Victoria“: Wir haben nicht zu viel darüber nachgedacht, sondern einfach losgelegt.

Du bist bereits Vater – welche Werte möchtest du deiner Tochter unbedingt vermitteln?

Ich finde es sehr wichtig, dass sie angstfrei in die Welt sieht. Außerdem möchte ich ihr vermitteln, dass man respektvoll mit Menschen, vor allem älteren, umgehen sollte. Materielle Dinge sind mir überhaupt nicht wichtig, dafür aber Loyalität und Ehrlichkeit. Ich meine auch Ehrlichkeit in Bezug auf die eigenen Gefühle. Wenn man etwas nicht richtig findet, sollte man dafür einstehen. Es geht mir darum, dass die Konfrontation und Diskussion nicht gescheut wird.

Gibt es Situationen, in denen du dich den Herausforderungen des Jobs und des Alltags nicht gewachsen fühlst?

Das ist ganz oft der Fall. Vor jedem ersten Drehtag denke ich, dass ich das niemals hinkriegen werde und dass ich keine Ahnung habe, wie ich die Rolle spielen soll. Es gibt sehr viele Momenten, mit denen ich gar nicht umzugehen weiß. Ich bin auch niemand, der beim Betreten eines Raumes sofort brüllt: „Hallo, hier bin ich!“ Zunächst muss ich Zeit haben, um mich in eine Situation einzufühlen. Vor der Kamera bedeutet dies, dass ich erst einmal mit den Leuten um mich herum warm werden muss. Dann kann ich mich auch besser öffnen.

Aber letztlich heißt es: Augen zu und durch, oder?

Genau, denn dann ist auch das Drumherum ganz egal, dann muss man sich einfach trauen! (lacht)

Hier findest du unsere Rezension zu Victoria.

 

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Rubrik  Interview    Autor      Datum  22. November 2015    Worte  1,402
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