In dem 106-Minüter geht es um den 18-jährigen Jonas (Christian Ulmen, Herr Lehmann), der nun an der Gesamtschule Paul-Dessau in Brandenburg seine letzte Chance auf einen Schulabschluss wahrnehmen möchte. Der Druck ist enorm, Lehrer machen ihm die heikle Situation nur allzu klar: wenn er es jetzt nicht schafft sich auf den Hosenboden zu setzen, dann kann er bald nur noch in einer Würstchenbude arbeiten. Die Ausnahme stellt seine Musiklehrerin dar, in die er sich sofort unsterblich verliebt. So gründet er eine Band, um ihr zu imponieren und schließlich performt er vor versammelter Schüler- und Lehrerschaft den Die Sterne Song Was hat dich bloß so ruiniert mitsamt Flötensolo und Chor und beeindruckt damit alle.
Konntest du bereits in den Genuss des Films Jonas kommen?
Ich habe ihn schon gesehen und erwartet, dass man sich kringelig lachen würde. Aber ich finde es auch so toll, dass er neben diesem Fakt auch ernsthafte Konflikte aufzeigt. Vor allen Dingen die, in denen die Lehrer stecken. Also dieses Vermitteln zwischen Staats-Kurrikulum und den Problemen, die die Schüler so haben. Es ist wirklich toll, dass der Film es schafft diesen Bogen zu schlagen.
Wie kam es dazu, dass ihr euren Song zum Film beigesteuert habt?
Es war nicht wirklich eine Zusammenarbeit. Vielmehr wurde Musik für den Film gesucht und es ist ja so, dass wir Christian Ulmen schon ewig kennen. Früher haben wir zum Beispiel bei MTV Interviews zusammen gemacht. Ich nehme mal an, dass er deshalb einen persönlichen Bezug zu dem Stück hat. Ich würde auch sagen, dass es zu dem Film passt wie die Faust aufs Auge.
Ihr hattet kein Mitspracherecht bei der Songauswahl?
Nein, es ist ja auch nur dieser eine Song. Die Musikauswahl haben die Filmleute zusammen mit Charlotte Golterammer getroffen, die auch die Musik für solche Filme wie Herr Lehmann gemacht hat. Sie ist eine alte Bekannte und bei ihr war klar, dass sie auf Musik zurückgreift, die wir auch gut finden. Besser hätte man es nicht machen können mit Deichkind und Helge Schneider. Das ist schon sehr gut ausgesucht. Gerade der Helge Schneider Song ist nochmal so ein Highlight am Ende.
Schon für den 1998er TV-Film “Dunckel” hast du etwas für den Soundtrack beigesteuert.
Das war der ganze Score. Es war so eine Art Auszeit. Christoph und ich haben diesen Film gehabt und Thomas und Frank, der Bassist und der Keyboarder damals, haben einen anderen Film gemacht. Das war so zwischen zwei Sterne Platten. Wir wollten mal etwas anderes machen. Und es war auch sehr interessant, weil dieser Dunckel-Soundtrack auch sehr elektronisch ist. Wir haben uns dann bei Tobias Levin ganz altmodisch analog mit fetten Sounds aufgenommen und die dann so in den Computer gepackt und so quasi einen Sterne-Remix gemacht. Ein bisschen was von dem Material ist auch auf dem Album Wo ist hier drauf. „Nichts wie wir’s kennen“ ist zum Beispiel so ein Stück.
Was hat dich bloß so ruiniert ist von dem 1996er Album „Posen“. Wie war es dieses alte Stück in solch einem frischen Kontext neu zu erleben?
Es ist toll, natürlich. Ein Problem wäre es gewesen, wenn es ein Song gewesen wäre, von dem wir gedacht hätten, dass wir uns von dem bald verabschieden wollen. Weil er uns altmodisch oder unpassend vorkommt, weil das, was wir damals gesagt haben jetzt nicht mehr gilt. Aber das ist ja zum Glück alles nicht der Fall. Es ist auch so, dass wir den tatsächlich auch immer noch spielen.
Ihr habt den Song auch für eurer am 20. Januar erscheinendes Minialbum Für Anfänger ausgewählt, welches im Zuge des Bandjubiläums herausgebracht wird. Werden weitere Schmankerl folgen?
Ich hoffe ein neues Album. Uns war es wichtiger ein weiteres Album zu machen als jetzt irgendein großes Jubiläum anzuschieben. Deswegen ist diese Veröffentlichung zusammen mit dem 20-Jahre-Intro Konzerten, die wir im Februar geben und dem Film, der Versuch da so ein bisschen unerkannt durch zu schlupfen. Wir wollen keine ausgedehnte Tour mit einem nostalgischen Gefühl dabei machen oder ein kompliziertes Produkt wie ein Best of wegen dem Jubiläum. Sondern wirklich nur diese Mini-LP und zwei, drei Konzerte und dann konzentrieren wir uns darauf mit einem schönen neuen Sterne Album in die Zukunft zu blicken.
Im Film wird euer Song mit Chor und Flötensolo performt. Wirkt so ein anderer Ansatz inspirierend für die eigenen Shows?
Ach, auf Flötensolos stehe ich jetzt speziell nicht so. Keine Ahnung. Man kann so einen Song, der auch so einfach gestrickt ist, natürlich auf alle möglichen Arten inszenieren. Ich weiß nur nicht, ob man das auch machen muss. Ich finde es sehr lustig, dass der Film zeigt was alles geht. Das man damit herumspielen und machen kann was man will.
In eurer Band hat niemand professionell das Instrument erlernt, was er spielt.
Zum Glück.
Ist das ein Spiel ohne Grenzen?
Das kann man so auch nicht sagen. Das, was wir schon professionell betrieben haben, ist das Musik machen. Professionell gelernt, heißt ja, und das sieht man ja in dem Film auch ganz gut, das man sich einem Schema unterwirft wie etwas zu lernen ist. In der klassischen Musikschule auf dem Land geht es nicht darum einen kreativen oder künstlerischen Umgang mit Musik zu lehren. Da geht es erst einmal darum Leuten beizubringen wie man Noten liest, wie man das umsetzt, was sich jemand anderes ausgedacht hat und das möglichst perfekt. Der Grundtenor dabei ist, dass jegliche Kreativität zunichte gemacht wird und man gleichzeitig so tut als würde man Kreativität fördern. Das ist aber überhaupt nicht der Fall. Was damit zu tun haben kann, dass man Kreativität nicht fördern kann, sondern zulassen oder nicht zulassen kann. Da wird es eben nicht zugelassen. Deswegen hat auch diese ganze Popmusik eher was mit Kunstschulen zu tun als mit klassischer Musik. Deshalb stoße ich mich auch so an diesem Begriff des professionellen Lernens. Das kann man nicht. Auch an der Kunstakademie lernt man nicht professionell Malen, das lernt man an der dörflichen Designschule.
Jonas zeigt mit seiner Band, das es eher förderlich ist, wenn man mit anderen Leuten zusammenspielt und sich gegenseitig hilft.
Heute muss man auch gar keine Instrumente mehr erlernen. Es geht darum etwas zu kommunizieren. Also, wie kriege ich etwas kommuniziert? Mit welchen Mitteln? Früher war es das Einfachste sich eine Gitarre zu schnappen und drei Akkorde zu lernen. Mittlerweile klappt man seinen Laptop auf und macht ein Programm an. Das ist auch einfacher. Aber darum geht es letztendlich. Ich will schnell, mit den Mitteln, die mir zur Verfügung stehen, etwas kommunizieren und wie mache ich das? Da muss man nicht unbedingt ein kompliziertes Studium voranstellen. Man kann sich das Handwerk tatsächlich auch besorgen. Also wenn man ein Streichorchester braucht, dann macht man das eben mit dem Filmorchester Babelsberg oder so. Jedenfalls muss man da nicht selbst Geige lernen.
Die Schule unterdrückt also die Kreativität?
Das würde ich so nun auch wieder nicht sagen. Also ich meinte den klassischen Musikunterricht, der hat nichts mit Kreativität zu tun, sondern mit Reproduktion. In der Schule kann der Kunstunterricht ganz unterschiedlich sein. Das hängt von den Leuten ab, die das machen. Das sieht man ja auch in dem Film ganz gut. Es gibt natürlich Räume dafür wie die AG, in der Jonas Musik machen kann. Das kannte ich aus meiner Schulzeit nicht. Aber das ist natürlich auch ein Freiraum, wo Instrumente zur Verfügung gestellt werden. Vielleicht wird da aber auch erwartet, dass da kein Punk Rock gespielt wird oder Instrumente zerlegt werden. (lacht) Und sonst ist irgendwie alles erlaubt. Das ist ja ok. Dagegen ist gar nichts zu sagen.
Ähneln die Konflikte in dem Film denen, die du aus deiner Schulzeit noch kennst?
Es hat sich nichts geändert. Glaube ich zumindest nicht. Für die Lehrer nicht, sie sind immer noch in der gleichen Situation und auch für die Schüler nicht. Die Situationen, die da beschrieben werden, sind ja sehr, sehr erschreckend real. Vielleicht ändern die Orte sich oder die Musik, die gehört wird, aber alles andere bleibt.
Das Lehrerbild in Jonas wirkt im Allgemeinen sehr positiv.
Nachdem, was man entnehmen kann, sind die Lehrer alle ziemlich gut. Sie kommen aber auch nicht um den Konflikt herum, dass sie eine Aufgabe lösen müssen, die ihnen vom Kurrikulum gestellt worden ist. Diese Macht, die spürt man die ganze Zeit im Hintergrund. Das finde ich total interessant an dem Film. Das heißt sie können auch nur bis zu einem gewissen Grad gut sein und dann kommt sofort diese Anforderung, dass das und das bis dahin zu schaffen ist und auch sonstige Einschränkungen, so dass man zwar Freiräume hat, aber immer nur bis zu einem gewissen Punkt. Ab da ist man dann wieder dem System unterworfen.
Es scheint durch, dass sich die Lehrer auch nur bis zu einem gewissen Grad für den Einzelnen interessieren.
Stimmt. Obwohl man das auch nachvollziehen kann, weil diese Masse an Schülern Weiteres auch nicht möglich macht. Da muss man manchmal sagen: so Schluss, ich habe jetzt Feierabend.
Warst du denn auch so ein Jonas in deiner Schulzeit?
Ich glaube nicht überall. Bei mir war das immer extrem abhängig von der Beziehung, die ich zu den Lehrern hatte. Wenn die mich motivieren konnten, habe ich auch was gemacht und sonst eben nicht. So ähnlich wie Jonas also.
Es wird besonders deutlich gemacht, dass bereits in der Schule der Druck so immens ist, dass die Angst vor der Arbeitswelt dadurch umso mehr geschürt wird.
Ich glaube, dass es immer schlimmer wird. Ich weiß nicht, ob das in Berlin auch so ist, aber bei uns in Hamburg gibt es diese grässliche Schulzeitverkürzung. Wenn man Abi macht, fehlt quasi noch ein Jahr. Dadurch stehen die Lehrer unter dem Druck etwas einzulösen und die Schüler unter dem Druck das auszuhalten und zu schaffen. Das große Problem ist, dass es fast so scheint als wäre es politischer Wille, dass manche es schaffen und manche nicht. Auf diese Weise wird sozusagen noch einmal gesiebt. Und das ist natürlich bitter. Es stellt sich so standarisiert dar. Als wäre da kein Raum, um etwas in Frage zu stellen.
Die Schulzeit ist also nicht einmal ansatzweise die beste Zeit des Lebens?
Auf keinen Fall. Die Studienzeit schon eher. Aber es kommt auch darauf an, was man daraus macht. Also für mich war die Studienzeit relativ leicht, weil ich mein Studium nicht abgeschlossen habe. Was damit zu tun hatte, dass ich mich entscheiden musste zwischen Musik und Studienabschluss. Aber der Druck wird überall größer. Insofern geht es ja da auch nicht mehr, dass man sich gehen lässt. Ich weiß nicht, vielleicht bleibt irgendwann nur noch das Rentenalter oder eben das Austeigen, aber das heißt dann irgendwie auch aufgeben.
Jonas nimmt die Musik und euren Song im Speziellen als eine Art Trost für sich. Kann dir Musik noch Trost spenden oder geht die Kraft mit der Zeit, mit welcher man sich mit ihr befasst, verloren?
Ja, für die eigene Musik ist es tatsächlich schwer nachzuvollziehen. Ich glaube, in dem Moment, wo man etwas schreibt, weiß man das ganz genau, was man auslösen möchte oder was der Song in einem auslösen würde. So muss man das ja dann ungefähr sehen. Aber das ist ganz schwer nach 20 Bühnenjahren mit so einem Song das wirklich noch live zu erleben. Das muss ich mir wirklich so ein bisschen abstrakt zu recht legen.
Wie reagierst du darauf, wenn du von Leuten hörst, dass sie sich noch immer mit den Texten von damals identifizieren können?
Ich freue mich natürlich darüber. Mir ist das lieber, wenn die Leute sich mit unseren Texten identifizieren als mit Rammstein. Das sind dann vielleicht weniger Leute, aber nettere. (lacht)
Nichts ist zu persönlich als das sich andere nicht damit identifizieren könnten?
Es ist in dem Moment nichts Persönliches mehr, sobald man das öffentlich macht. Also meine Technik ist es auf jeden Fall erst einmal alles aufzuschreiben, egal wie persönlich es ist. Aber halt irgendwann zu entscheiden, ob ich das raus lasse oder nicht. Diese Entscheidung habe ich irgendwann gefällt und am Ende ist es dann nicht mehr persönlich. Für mich ist es auch nur wert etwas zu veröffentlichen, wenn es gleichzeitig auch andere betreffen oder irgendwie geteilt werden kann.
Gilt diese Aussage auch in Bezug auf dein Buch, an welchem du im Moment arbeitest?
Ja, genau. Also das kann man einfach so sagen. (lacht) Das unterscheidet sich in dem Punkt überhaupt nicht. Gerade weil ich mich auch in dieser literarischen oder belletristischen Breite insofern als Anfänger sehe, dass ich lieber mit Sachen umgehe, die ich kenne und beschreiben kann als ausgedachten Panoramen. Wobei es schon so wie bei unseren Songs ist: sobald man eine Situation angefangen hat, bleibt man nicht krampfhaft bei den wirklich erlebten Details, sondern versucht das Wesentliche herauszuholen. Dabei schreibt die Realität die absurdesten Drehbücher, das weiß man ja. Es ist also etwas dazwischen. Ich versuche auch immer das Allgemeine daraus zu nehmen, um schon die Arbeit zu leisten, dass man herauslesen oder hören kann, worum es jetzt gerade geht. Eigentlich ist irgendwann immer egal woher die Idee kommt.
Und wo wird dein Werk erscheinen?
Bei Hoffmann und Campe im Herbst des nächsten Jahres.
Macht dir die Zukunft manchmal noch Angst? So wie man sie früher hatte, wenn man von Lehrern gesagt bekommen hat, dass man einen guten Abschluss benötigt, um nicht in der Würstchenbude an der Ecke zu landen?
Ja, diese Angst kenne ich und habe ich auch noch. (lacht) Es hört ja nicht auf. Natürlich bin ich auch irgendwo angekommen in der Gesellschaft und weiß wo ich mein Einkommen her beziehe. Aber solange das nicht so ist und als Künstler ist das sehr lange der Fall, dass man das nicht weiß, hat man stetig dieses Gefühl bis man bei einer großen Organisation ankommt. Selbst dann geht es so weiter. Wenn man über die Stränge schlägt, ist der Job weg, das regelmäßige Einkommen und alles.
Du versuchst dich mit deinem Buch noch weiter abzusichern?
Unbedingt, ja. Das ist ganz, ganz wichtig. Weil das mit der Musik auch derbe schwierig wird. Selbst für eine Band die ziemlich stabil ist und treue Fans hat, auf die man sich verlassen kann. Wir sind eben nicht auf dem Level von Rammstein was die Verkäufe angeht. Wie viele andere Bands auch verdienen oder haben wir jedes Jahr 10 Prozent weniger an Verkäufen. Ohne dass das heißt, dass wir weniger Fans haben, weil das ist einfach die Logik des Markts. Es ist wirklich sehr wenig Geld, was man damit noch verdienen kann. Geld bräuchte es nicht unbedingt, um uns zu motivieren, aber da wir alle Familie haben und zurechtkommen müssen, kann man irgendwann auch nicht mehr den Aufwand rechtfertigen, den man so betreibt. Das ist das Problem. Und da ist es natürlich super, dass ich dann bald auch ein Buch habe.
Was genießt du am Jetzt besonders?
Ich finde es gut, dass ich mich ein halbes Jahr komplett mit etwas anderem beschäftigt habe und nicht an Sterne-Songs gedacht habe. Das gibt mir einen anderen Blick auf die Dinge und das wird der Musik bestimmt auch gut tun. Natürlich hoffe ich, dass das Buch auch an sich gut wird. Ja, ich muss halt gucken wo ich mich in Zukunft fokussiere, wie alles zusammenpasst. Das ist eine spannende Situation, das finde ich eigentlich ganz gut am Jetzt. Es ist nicht klar, was morgen kommt. Durch diese andere Art des Schreibens, die ich nun betreibe, habe ich auch einen neuen Blick auf diese lyrische Arbeit. Ich habe das Gefühl, dass ich so schneller zu Ergebnissen komme als früher.
Weitere Konzerte folgen:
02. Februar: Hamburg, Übel und Gefährlich
03. Februar: Bochum, Bahnhof Langendreer
04. Februar: Osnabrück, Kleine Freiheit