François Ozon

   Film  Frantz    Veröffentlichung  29. September 2016    Darsteller  Paula Beer  Pierre Niney  Ernst Stötzner
Foto: X Verleih
 IMDb-Wertung
Foto: X Verleih

Mit Swimming Pool, 8 Frauen und Jung & schön hat François Ozon Filme für die Ewigkeit geschaffen. Er könnte sich also problemlos zurücklehnen und die anderen machen lassen. Doch stattdessen arbeitet er an einem noch breiter gefächerten Portfolio. Mit Frantz probiert Ozon erstmalig aus, wie seinem Film Schwarz-Weiß-Kontraste, Kriegsszenarien und die deutsche Sprache stehen.

Wie lange sind Sie um dieses Thema herumgeschlichen?
Ich wollte schon seit längerer Zeit einen Film zu dem Themenkomplex Lügen, Geheimnisse, Wahrheit machen. Und nachdem ich auf das Werk von Ernst Lubitsch stieß, dauerte alles nur etwa ein Jahr. Ich arbeitete ungefähr sechs Monate an dem Drehbuch, dann trafen sich meine französischen Produzenten mit den deutschen von X Verleih und im letzten August haben wir gedreht. Es ging also sehr schnell.

Und Sie zeigen uns jetzt, das die Lüge eigentlich etwas Positives ist?
Ich finde, dass die Lüge manchmal etwas Heilendes an sich hat. Vor allem in Zeiten von Krisen, Schmerz und Leid. Und da unsere Gesellschaft von Wahrheit und Transparenz besessen ist, möchte ich des Weiteren mithilfe meines Films verdeutlichen, dass sich hinter der Lüge auch etwas anderes, sehr Positives, verstecken kann.

Also hat die Lüge auch etwas moralisch Richtiges an sich?
Naja, in einer Schlüsselszene im Film sagt ja ein katholischer Priester: „Warum wollen Sie noch mehr Tränen und noch mehr Leid hinzufügen?“ Es geht eben auch im Katholizismus darum zu vergeben und zu beichten. Man ist nur vor Gott verantwortlich. Ich mag die Ironie der Szene.

In Ihren Filmen ist meist Ironie dabei. Passiert das natürlich oder ist das stets bewusst geplant?
Ich suche nicht nach Ironie, ich suche nach Komplexität. Mich interessieren Widersprüche. Ich werfe auch gern moralische Fragen auf, die ich dann an den Zuschauer weitergebe. Das mache ich, in dem sich der Zuschauer die Fragen stellt, mit der sich meine Figuren beschäftigen. Sie müssen sich fragen: Hätte ich getötet? Hätte ich die Wahrheit gesagt? Dieses Dilemma, in das sich der Zuschauer begibt, ist aber auch mein eigenes. Ich weiß oft nicht, wie ich mich verhalten sollte.

Frantz ist komplex und trotzdem schaffen Sie es in kurzer Zeit das leitende Filmthema leicht verständlich zu machen. Mussten Sie viel kürzen?
Mich hat der moralische Weg interessiert, den Anna zurücklegt. Das ist wie in einem Bildungsroman. Sie lernt immer mehr dazu. Durch diese entdeckte Komplexität kann sie ganz anders als Adrien mit den Geschehnissen umgehen. Er ist gelähmt und sie entwickelt sich wirklich weiter und findet neue Lebenslust.

Sie bewegen sich mit dem Film auch auf neues Terrain, indem Sie Kriegsszenen zeigen. Woran haben Sie sich dabei orientiert?
Es gibt ja nur eine Szene, die wirklich den Krieg zeigt und diese wirkt fast surreal. Diese Rückblende habe ich wie ein Duell in einem Film von Sergio Leone inszeniert. Ansonsten erzählt der Film vor allem von der Nachkriegszeit, in der man sieht, welche Narben das Vergangene hinterlassen hat. Das war mir besonders wichtig.

Wie suchen Sie sich neue Projekte aus? Beginnen Sie mit einer Szene, die Sie gern in einem ganzen Film sehen würden?
Es gibt bei mir keine Logik und es gibt bei mir keine Regeln. Ich glaube wirklich an mein Unterbewusstsein und daher kommen auch die Geschichten. Manche Stories wollen einfach erzählt werden und die setzen sich durch. Davor darf man keine Angst haben. Man darf auch keine Angst davor haben, dass eine Seite erst einmal leer bleibt. Bei Frantz ist mir erst im Nachhinein aufgefallen, warum ich ihn unbedingt und in Deutschland machen wollte: Als Kind ging meine erste Auslandsreise nach Deutschland. Da kam ich zu einer Familie, die mich sehr gut empfing – genauso wie Adrien von der Familie Hoffmeister empfangen wird. Das die Ausgangssituation so autobiografisch behaftet ist, fiel mir erst hinterher bewusst auf.

Den Schauspieler Ernst Stötzner, der nun das Familienoberhaupt der Hoffmeisters spielt, haben Sie in dem Film Was bleibt von Hans-Christian Schmid entdeckt. Wie sind sie auf Schmid aufmerksam geworden?
Ich war in der Jury der Berlinale und habe damals den Film von Hans-Christian Schmid gesehen. Darin ist mir die Präsenz von Ernst Stötzner sofort aufgefallen. Als es dann ans Casting für Frantz ging, wollte ich ihn unbedingt dabei haben. Interessanterweise war er erst sehr ängstlich. Aber zum Glück gelang es mir ihn zu beruhigen. Ich wusste, dass er ein guter Schauspieler ist. Dann musste ich ihn nur noch überzeugen sich einen Bart stehen zu lassen.

Zum Kreieren eines Films kommt also doch ein analytischer Prozess hinzu?
Man hat natürlich beim Schreiben jemanden im Kopf und dann sucht man nach einer physischen Ähnlichkeit. Aber bei dem Schauspieler, den man dann auswählt, muss auch eine Lust da sein. Nichts ist trauriger als mit einem Schauspieler zu arbeiten, den man eigentlich gar nicht filmen will. Da muss schon eine gewisse Anziehungskraft da sein – nicht unbedingt eine sexuelle, aber schon etwas, das Ausschlag für die Zusammenarbeit gibt.

Was macht für Sie die Magie von Filmen aus?
Das Wichtigste ist für mich, dass man daran glaubt, was man sieht. Kino ist eine Kunstform. Kino ist Fiktion, Kino besteht aus Lügen und trotzdem glauben wir daran, wenn wir sie sehen. In den zwei Stunden, die wir einen Film schauen, sind wir wie Kinder, die an den Prinzen glauben wollen, an die Prinzessin und den Drachen. Und ich finde es schön, das Kino das ermöglicht. Manchmal sind die Geschichten, die wir im Kino sehen emotional stärker als das, was wir im Leben erleben.

 

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Rubrik  Interview    Autor      Datum  03. Oktober 2016    Worte  880
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