Fraktus

Veröffentlichung  08. November 2012    Regie  Lars Jessen    Darsteller  Heinz Strunk  Rocko Schamoni  Jacques Palminger
Foto: Hella Wittenberg
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Foto: Hella Wittenberg

Das letzte Kapitel der Musikgeschichte

Der Musikmanager Roger Dettner (Devid Striesow, Drei) hat sich ein hohes Ziel gesetzt: er will die Band Fraktus zu einer Reunion überreden. Die Urväter des Techno verschwanden Mitte der 80er Jahre von der Bildfläche, nachdem bei einem Konzert-Brand ihr gesamtes Equipment sowie ihre Würde vernichtet wurde. Dettner kann sie aber tatsächlich alle ausfindig machen. Dickie Schubert (Rocko Schamoni) betreibt ein Internetcafé, Bernd Wand (Jacques Palminger) will gerade mit seinen Eltern als Mitmusiker erneut durchstarten und Torsten Bage (Heinz Strunk) hat es sich auf Ibiza als Eurodisco-Produzent gemütlich gemacht. Doch nach anfänglichem Herumgedruckse will das Trio schließlich den Neuanfang wagen. Nur müssen Fraktus nach einigen schwerwiegenden Problemmomenten wie dem Konzert beim Melt! Festival oder der Arbeit mit dem Erfolgsproduzenten Alex Christensen feststellen, dass sich ein Comeback komplizierter als gedacht gestaltet.

Fraktus ist eine Fake-Dokumentation von Lars Jessen (er führte bereits bei der Romanverfilmung von Schamonis Dorfpunks Regie), die für rund anderthalb Stunden einfach nur gute Laune verbreitet. Wenn Westbam verschämt eingesteht, dass sein großer Hit Sonic Empire einem Stück von Fraktus nicht unähnlich ist, stellt sich das als mindestens genauso verkorkst komisch dar wie ein Rocko Schamoni alias Dickie Schubert mit schiefen gelben Zähnen, die zum Wegrennen sind. Studio Braun können also auch in einem gemeinsamen Spielfilm voll und ganz mit ihrem eigenwilligen Humor überzeugen. Ihnen scheint das Mimen der vertrottelten Altmusiker selbst wohl genauso gut zu gefallen. Denn im Interview bleiben sie die ganze Zeit in ihren Rollen. Ohne mit der Wimper zu zucken berichten sie von der textlichen Fortschrittlichkeit Scooters oder aber ihrer Unerfahrenheit in Sachen Frauengeschichten. Das weibliche Geschlecht treffe man höchstens beim Käse oder Wurst kaufen an. Und Interviews sowie Konzerte geben sie ja sowieso nur, um ihr durch den Film entstandenes Image als Loser-Band ohne Sinn und Verstand als falsch zu entlarven. Dies stellt sich zwar einem ernstzunehmenden Gespräch absolut in den Weg, ermöglicht aber ansonsten eine herrlich sinnfreie Unterhaltungsshow. Möge das Spektakel beginnen!

Welche Idee steckt hinter Fraktus?

Dickie Schubert: Wir sind ein Kunstprojekt. Eine Art fleischernes Museum seit 25 Jahren. Wir wollen, dass Musik und Klang über das reine musikalische Erlebnis hinausgeht und zu einer Kunstausstellung wird. Das Entscheidende ist der Ausspruch: von der Ausstellung zur Einstellung. Musik ist nur ein Ausdrucksmittel von den vielen, die wir benutzen für unsere Art den Leuten Informationen zu beschaffen. Wir sehen uns als eines der wenigen Informationsmedien, die es noch gibt.

Bernd Wand: Man muss den Mut haben Pferd und Reiter zu nennen und beides gleichzeitig zu sein. Denn du spielst das Instrument, aber das Instrument spielt dich auch. Wenn du den Sequenzer anstellst, dann stellt er dich auch an. Das ist Fraktus.

Dickie Schubert: Und dabei immer politisch bleiben. Wir machen uns jetzt als letzte Band für Atomkraft stark, weil wir davon abhängig sind. Ohne Atomkraft wären wir nur irgendeine komische Straßenband, die irgendwo auf’m Kotti stehen würde. Wir brauchen sehr viel Strom. Deswegen machen wir auch eine Tournee an den noch bestehenden Meilern. Mit Direktversorgung. Direkt in unsere Instrumente und für die Leute.

Wird sich das Tour-Konzept noch weiterentwickeln?

Bernd Wand: Das ist wie die Kerze. Die kann man nicht weiterentwickeln, da muss was Neues erfunden werden. Wir haben zwei Maximen: so laut wie möglich und so hell wie möglich. Es gibt nichts Lauteres oder Helleres. Alles andere wäre verboten. Was wir nicht auf unserer Show haben, ist verboten. Wir gehen bis zum absoluten Rand der Legalität. Unsere Konzerte sind eine Komplettüberforderung. Von uns, vom Publikum, von den Räumlichkeiten, von dem technischen Gerät. Mehr geht nicht.

Studio Braun präsentiert die Tour. Was hat es damit auf sich?

Dickie Schubert: Wir werden immer wieder gefragt, ob wir die kennen. Mittlerweile haben wir herausbekommen, dass es sich dabei um ein Projekt aus Hamburg handelt. Wir wollen uns zwar nicht distanzieren, aber Kontakt haben wir auch keinen.

Torsten Bage: Total erfolglos.

Bernd Wand: Es ist so, dass sich sehr viele Leute an uns ranhängen wollen. Dazu gehören die Musiker, die man im Film sehen kann, aber zum Beispiel auch Studio Braun oder Klaus Lage. Wir lassen denen gerne einen Platz im Film, wünschen ihnen Erfolg, aber wir können uns nicht um alle kümmern.

Die Arbeit am Film zog sich über 12 Jahre hin. Viel es euch schwer es nun aus der Hand zu geben?

Torsten Bage: Das ist wieder einmal eine vollkommen falsche Information. Wir haben überhaupt gar nicht gearbeitet. An uns ist das herangetragen worden von Leuten, die uns mit falschen Versprechen geködert haben. Es ging um eine vermeintlich seriöse Dokumentation über das Schaffen von Fraktus. Das Ergebnis ist demnächst zu besichtigen und was uns jetzt als Gruppe Fraktus übrig bleibt, also der Grund warum es uns wieder auf Konzertreise gibt, ist Schadensbegrenzung. Um das zu korrigieren, was an bewussten Falschinformationen und Gehässigkeiten über uns verbreitet wurde.

Dickie Schubert: Das komplette Bild, welches wir von uns geben wollten, wurde umgedreht. Wir fühlen uns total ausgeliefert.

Torsten Bage: Auch hilflos. Das Einzige, was uns hilft, ist, das wir keine Gefühle haben und es nicht so an uns rankommt. Wenn wir eine normale Band wären, dann wäre das der Sargdeckel gewesen.

Dickie Schubert: Man hat gezielt versucht uns bloßzustellen, uns aufzuhalten und unsere Karriere ein zweites Mal zu beenden. Obwohl wir noch gar nicht wieder angefangen hatten, wurde der Film gemacht, um uns endgültig zu begraben. In dem Moment als wir das begriffen haben, sind wir aus dem Grab rausgeklettert. Wir werden jetzt dieses ganze Land abfahren, in dem der Film läuft. Europaweit oder weltweit werden wir hinterherfahren und persönlich Konzerte geben, um die Leute zurückzuholen, an uns zu binden und zu sagen: wir sind nicht die Schweine, die in dem Film dargestellt werden. Der schlafende Riese ist erwacht. Und der schlafende Riese heißt Fraktus.

Torsten Bage: Wir müssen auch noch sagen, dass die Leute, die ihre Stempel von dem Film zeigen, nicht auf die Konzerte raufkommen.

Dickie Schubert: Mit denen möchten wir nichts zu tun haben. Wir wollen unbelastete Leute auf unseren Konzerten haben, die mit offenen Ohren zum Hören kommen und uns so nehmen wie wir sind.

Wird es einen weiteren Film geben?

Bernd Wand: Wir wollen einen Film machen über die Leute, die den Film über uns gemacht haben. Um den Spieß umzudrehen und mit gleicher Münze zurückzuzahlen. Damit wir es so genau wie möglich hinkriegen, wollen wir das von denselben Leuten machen lassen, die den Film über uns gedreht haben. Sie werden sich mit ihren eigenen Waffen schlagen.

Dickie Schubert: Ein Bekannter von uns ist Anwalt und den setzen wir ein. Der wird gegen diese Leute auch noch gerichtlich vorgehen.

Könnt ihr euch vorstellen in Talkshows oder Ähnlichem aufzutreten?

Dickie Schubert: Wir würden nie eine Presseerklärung machen. Da geht man zu nah an die Medien ran. Wenn man mit Pressevertretern rumsitzt, ist das eine Anbiederung, die wir nicht bringen wollen. Das wäre Arschleckerei. Wir sind eigentlich eher wie Til Schweiger drauf. Wenn ein großer Trend kommt, dann hängen wir uns ganz hinten ran, weil du dir dann auch sicher sein kannst, das der Trend funktioniert hat. Die Zeit geht einem immer voraus.

Aber bei all den Veränderungen bleibt der Smirkey trotzdem erhalten.

Dickie Schubert: Ja, wir haben den Smirkey erfunden. Ein Jahr hat es gedauert, schon war der Smirkey um neunzig Grad gedreht und ein Smiley. Was für eine abgrundtief hässliche Fratze der Smiley ist. Der Smirkey ist wie bei den Ägyptern die Urform der Silhouette. Die ägyptischen Wandzeichnungen werden immer von der Seite gezeigt. Aber stell dir mal vor du siehst plötzlich den Pharao von vorn. Wie hässlich das wäre. Deswegen sind die Ägypter immer seitlich geblieben. Wie der Smirkey. Der Smiley ist too much.

Wie steht ihr zu Comebacks?

Dickie Schubert: Ultraätzend, würden wir nie machen.

Torsten Bage: Das ist eine künstlerische Bankrotterklärung.

Bernd Wand: Comebacks stinken. Sie sind langweilig und überflüssig. Wenn sich eine Band Comeback-mäßig anbiedert, dann finde ich das absolut verachtenswert. Das ist unterste Schublade. Wir sehen uns da nicht im Zusammenhang. Wir haben damals in unserem Reagenzglas Proberaum ein Experiment gestartet, das bis heute durchblubbert.

 

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Rubrik  Interview  Kino    Autor      Datum  06. November 2012    Worte  1,302
Permalink  http://www.farbensportlich.de/fraktus/    Farbe  #854837
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