Ferien

Veröffentlichung  09. Dezember 2016    Regie  Bernadette Knoller    Darsteller  Britta Hammelstein  Detlev Buck  Inga Busch
Foto: DCM Filmverleih
 IMDb-Wertung
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Kopf aus, Bauchgefühl an und endlich mal das Leben genießen

Dieser ewige Ehrgeiz und der ständige Wille zur Selbstoptimierung können manchmal ganz schön nerven. Beste Medizin: Einfach mal aus der Norm ausbrechen und etwas völlig Neues ausprobieren.

Vivian Baumann (Britta Hammelstein) braucht eine Pause. Sie will ganz dringend die Stopptaste betätigen. Nur der Moment dafür ist denkbar ungünstig. Denn sie steht kurz davor als Staatsanwältin arbeiten zu können und ihr Freund will unbedingt mit ihr zusammenziehen. Das ist wohl alles ein bisschen viel auf einmal. Jedenfalls flüchtet Vivian auf die Couch ihrer Mutter (Victoria Trauttmansdorff). Doch auch da kann sie sich nicht lange verstecken. Nun schaltet sich ihr Vater (Detlev Buck) ein. Der glaubt, dass seinem Kind jetzt vor allem eine Luftveränderung und ein paar gute Ratschläge von ihm weiterhelfen können. Mit dem ersteren soll er Recht behalten. Schon nach kurzer Zeit auf der Insel, auf die sie ihr Dad mitgenommen hat, blüht Vivian auf. Weit weg von dem bekannten Alltag findet sie neue Freunde, einen skurrilen Job und auch neuen Spaß am Leben.

Anders ticken

Vivian Baumann ist eine tolle Hauptfigur. Sie ist so schön anders. Wenn sie ausrastet, dann wirft sie sich schon mal brüllend in ein Blumenbeet und zerstört alles, was ihr dort in die Quere kommt. Wenn sie jemanden gut findet, redet sie nicht viel um den heißen Brei herum. Vivian knutscht drauf los. Wenn man ihr etwas sagt, das ihr nicht gefällt, reagiert sie einfach nicht darauf und verfolgt weiter ihren Plan. Obwohl Vivian Baumann eigentlich keinen richtigen Plan hat. Ihre Devise: Hauptsache weg vom Altbekannten. Und genauso erfrischend wie dieser Ansatz, ist auch sie. Von dieser Vivian kann man sich eine Menge abgucken. Zum Beispiel lernt man von ihr, wie wichtig es ist auf das eigene Bauchgefühl zu hören. Und falls man mal eine wirklich miese Phase im Leben haben sollte, lohnt es sich den Mut aufzubringen und alles komplett umzukrempeln.

Deutscher Film 2.0

Zu Beginn wirkt das Debütwerk von Bernadette Knoller noch wie ein typischer deutscher Problemfilm. Die Protagonistin sitzt da mit ziemlich gut sichtbaren Augenringen, heult plötzlich los und irgendwie scheint die Welt unterzugehen, ohne das im Vorhinein groß etwas passiert wäre. Anstrengend. Aber zum Glück switcht der Film genau in diesem Augenblick. Die Fähre zur Urlaubsinsel legt ab und schwubs, das Ganze wandelt sich in eine Komödie. Die Schauspieler Detlev Buck und Britta Hammelstein reden sich in Rage und sind dabei so lustig dadaistisch, dass man vor Lachen fast das Atmen vergisst. Ähnlich schräg und toll sind die Momente, die auf Vivians neuer Arbeitsstelle stattfinden. In dem Skurrilitätengeschäft scheint es einzig Sachen zu geben, die niemand braucht. Der Inhaber, gespielt von Ferdinand von Schirach, ist, wie der Rest seines Lädchens, ein Fossil. Wenn er sich mit Vivian über die Vor- und Nachteile von Girlanden unterhält, erreicht der Film ein ganz neues Humor-Level.

Ferien ist ein absoluter Aussteiger-Film. In knapp anderthalb Stunden werden Freiheit und Anderssein gefeiert. Die Charaktere strahlen unheimlich viel Warmherzigkeit aus und sind trotzdem ziemlich ballaballa. Lieber deutscher Film, kannst du uns bitte mehr in diese Richtung liefern? Danke.