Farao

Album  Till It’s All Forgotten    Veröffentlichung  11. September 2015
Foto: Hella Wittenberg Foto: Hella Wittenberg

Farao alias Kari Jahnsen ist eine rastlose Natur. Die Norwegerin bleibt nicht gern zu lange an einem Fleck. Von ihrer Heimat siedelte sie nach London über, ihr Album nahm sie in Island auf. Im Moment hat es sich die 28-Jährige in Berlin Friedrichshain gemütlich gemacht und versucht von dort aus tiefenentspannt dem Release ihres Debütalbums „Till It’s All Forgotten“ entgegenzuschauen. In der Hoffnung, dass sich daraufhin noch ganz viel ändern wird und so schnell kein Stillstand eintritt.

Wann warst du das letzte Mal in Norwegen?

Ich war erst im Juli wieder dort gewesen. Generell schaue ich ungefähr sechs Mal im Jahr in Norwegen vorbei. Es ist schön und gut in eine neue Stadt zu ziehen, aber man sollte dadurch trotzdem nicht seinen Background in Vergessenheit geraten lassen. Mir ist mein dortiges Netzwerk genauso wichtig wie das, welches ich mir in Berlin aufgebaut habe.

Dann musst du ein großer Fan vom Fliegen sein.

Eigentlich mag ich es gar nicht ständig in ein Flugzeug steigen zu müssen. Aber das Reisen an sich liebe ich. Wobei dieses Jahr der Sommer für mich ein vergleichsweise ruhiger war. So ist es auch mal in Ordnung, denn auf diese Weise kann ich mich richtig auf die Veröffentlichung meines Albums vorbereiten.

Wie lange hast du die Songs schon fertig?

Die Arbeit am Album habe ich bereits vor einem Jahr abgeschlossen. Seitdem warte ich darauf, dass endlich der Veröffentlichungstermin ansteht. Es ist echt schwer die Begeisterung für die Lieder aufrecht zu halten. Denn ich habe mich als Musikerin schon längst weiterentwickelt. Es ist komisch ständig zurückschauen zu müssen. Aber wenigstens realisiere ich dadurch viele Dinge, die ich vor einem Jahr noch nicht so gesehen habe.

In welchem Alter hast du an deinem ersten Song geschrieben?

Da war ich wohl 18 Jahre und wollte unbedingt bei diesem Musik-Programm aufgenommen werden. Dafür musste ich zwei Songs einsenden, wovon einer ein Foo Fighters-Cover von „Everlong“ war und einer mein eigener. Das war echt schwierig, denn davor hatte ich noch nie ein Lied geschrieben und dann wurde ich gewissermaßen dazu gezwungen. Ich glaube, der Song war nicht sehr gut, aber ich bin trotzdem angenommen worden.

Denkst du immer noch, dass es eine gute Entscheidung war an so einem Programm teilzunehmen?

Ja! Das Jahr war einfach fantastisch. Vorher war ich nur im Schulchor, aber ich hatte keinen Gesangsunterricht und dort konnte ich das zum ersten Mal richtig lernen. Es ist eine sehr originelle Sache und heißt Folk-High-School. Man wohnt dabei direkt an der Schule und hat keine Examen oder so was. Also kann man mit rund hundert anderen Menschen die Zeit genießen, in der man ganz seiner Lieblingsbeschäftigung nachgeht. Das Programm soll dazu dienen vor der Uni noch einmal richtig Spaß zu haben. Die Tradition dieses besonderen Jahres begann als eine religiöse Sache, weshalb man dort auch keinen Alkohol trinken darf. Aber wir saßen trotzdem oft an einer Hütte am See und feierten die Nächte ganz ohne Alkohol durch.

Dann kann man sich im Nachhinein sogar noch an die tollen Ideen erinnern, auf die man gemeinsam in der Nacht gekommen ist.

Genau. Wir waren wirklich sehr produktiv und verschwendeten keine Zeit. Auch jetzt schreibe ich nur an Songs, wenn ich nicht zu viel getrunken habe. Für mich ist Alkohol aber sowieso nicht die präferierte Droge, um kreativ zu sein. Da gibt es bessere Wege.

Im Moment trinkst du Club Mate, ist das besser?

Absolut. Ich bin nämlich ständig total müde. Das ist keine gute Angewohnheit, wenn man in Berlin wohnt. Ich will am liebsten immer schon um Mitternacht im Bett sein. Nur mit Club Mate kann ich dieses Gefühl weiter herauszögern und mit Freunden auch mal länger feiern.

Es scheint ganz so, als fühltest du dich in der Stadt wohler als in der Natur.

Naja, ich mag es wilde und dramatische Landschaften für meine Songs zu benutzen, aber dennoch will ich dort nicht wohnen. Also ja: Ich bin ein absolutes City-Girl. Die Stadt bietet so endlos viele Möglichkeiten, die ich auf dem Land nie haben würde. Ich finde es gut zu wissen, dass man jederzeit irgendetwas unternehmen könnte. In dem kleinen Örtchen Ulnes, in dem ich aufgewachsen bin, fühlte ich mich nie richtig wohl. Erst an dieser speziellen Musikschule hatte ich das Gefühl einen passenden Platz für mich gefunden zu haben. Ich würde nicht wieder in meinen Heimatort zurückkehren wollen. Schon allein wegen meiner Musik. Die passt da gar nicht hin. Ich möchte ja auch in dem, was ich tue, gewürdigt werden, und nicht permanent den Eindruck vermittelt bekommen, ich sollte etwas anderes machen. In Norwegen steht man nämlich generell eher auf Country-Musik. Und das ist nun wirklich nichts für mich.

Dein Album-Artwork erinnert mich an Björks Video zu „Hidden Place“. Was war dein Gedanke dabei?

Auf dem Cover habe ich eine Art von Maske auf. Man sieht mich, aber irgendwie auch wieder nicht. So ist es auch mit meiner Musik. Sie reflektiert nicht wer ich als Person bin, sondern wer ich als Künstlerin bin. Wenn ich einen traurigen Song schreibe, heißt das nicht gleich, dass ich depressiv bin und mein Leben als einzige düstere Höhle betrachte. Eigentlich sehe ich mich sogar als einen sehr fröhlichen Menschen. Außerdem sollte das Cover meine Musik wiederspiegeln: Eine Kombination aus etwas Elektronischem, Kaltem und dem Akustischem, also etwas Warmen.

Wenn du dich entscheiden müsstest: Würdest du lieber Geld verdienen oder etwas Gutes für die Gesellschaft tun?

Ich würde mich definitiv für die zweite Option entscheiden. Ich finde es wichtiger etwas Bedeutungsvolles zu kreieren anstatt nur aufs Geld zu gucken. Deshalb bin ich auch von London nach Berlin gezogen. In London geht es immer nur ums Geld und ums Business. Darüber hinaus vergessen die Menschen auch mal Spaß zu haben. Es scheint so als würden sie nur leben, um zu arbeiten. Aber es sollte doch eigentlich andersherum laufen. Meiner Meinung nach ist das in Berlin auch der Fall. Hier will man keine Arbeitsmaschine sein, sondern die Freizeit zelebrieren.

Ich stelle es mir schwierig vor als Künstlerin richtig abschalten zu können.

Ja, irgendwie arbeite ich ständig. Selbst wenn ich komplett übermüdet zuhause bin, fühle ich mich gezwungen zumindest E-Mails zu beantworten. Aber jetzt versuche ich lockerer zu werden. Dass fällt mir in Berlin leichter. Hier gehe ich öfter aus und treffe häufiger meine Freunde. Da bleibt dann auch mal das Handy ausgeschaltet und die E-Mails für eine Weile unbeantwortet. Es ist nicht mehr so wie in London, wo man sich für seine Freunde nur eine halbe Stunde im Monat freimachen konnte, um sich dann gegenseitig von den wichtigsten Geschehnissen zu berichten. Wenn es immer nur um das Vergangene geht, kann man sich doch nicht gemeinsam entwickeln. Solche Freundschaften machen kaum Sinn für mich.

Wenn du doch eigentlich so ein Workaholic bist: Wieso nur hat dein Debüt so lange auf sich warten lassen?

(lacht) Ich habe noch in vielen anderen Bands gespielt. Außerdem hatte ich in London noch einen anderen Job, weil ich nur so das Geld für die Wohnungsmiete auftreiben konnte. Und mal abgesehen davon, war ich vorher nicht bereit dafür ein Album zu machen. Erst im vergangenen Jahr kam in mir das Gefühl auf, ich hätte nun etwas zu teilen und könnte ein Werk mit Substanz erschaffen. Aber jetzt arbeite ich sogar schon am zweiten Album.

Das Gute bei dir ist ja auch, dass du alle wichtigen Instrumente selbst spielst. Du kannst dich also jederzeit an die Arbeit machen.

Oh ja, das ist so viel effizienter. Wenn ich einen Song schreibe, habe ich schließlich eine genaue Idee davon wie er am Ende klingen soll. Bevor ich es also jemanden erkläre, mache ich lieber alles gleich selbst. In einer Band finde ich es schwierig sich so richtig auf einen Sound zu einigen. Ich hatte Momente im Studio, in denen wir alle in andere Richtungen wollten und nicht zueinander fanden. Solche Probleme haben mich echt genervt, da wollte ich lieber alles alleine machen. Dennoch gibt es Augenblicke, in denen ich nicht weiß, was ich wirklich will. Aber dann probiere ich eben zehn Variationen aus und eine davon macht bei mir mit Sicherheit Klick. Beim Aufnehmen muss man erst herausfinden, wer man sein möchte und wie man das am besten in Musik umwandelt.

Was bedeutet der Albumtitel „Till It’s All Forgotten“ für dich?

Mit dem Titel meine ich, dass kein anderer als man selbst die Leitung über das eigene Leben übernehmen kann. Wenn man etwas nicht mag, muss man das ändern und nicht zuhause vor sich hinmeckern und darauf hoffen, dass jemand einen aus der Misere retten wird. Man ist sein eigener Boss. Für mich ist das sehr wichtig, genauso wie die Veränderung. Ich höre nie auf mich verändern zu wollen. Darum geht es für mich im Leben.

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